Chip Krise: VW will Golf Produktion stoppen

Aktuelle Stunde 22.10.2025 22:09 Min. UT Verfügbar bis 22.10.2027 WDR Von Per Quast

VW droht Produktionsstopp - trifft Chip-Krise auch NRW?

Stand:

China verhindert die Auslieferung von Halbleitern an die Autobranche, VW droht in Wolfsburg ein Produktionsstopp. Trifft das auch Produzenten und Zulieferer aus NRW?

Der Lieferstopp von Nexperia-Halbleitern aus China könnte in einen Produktionsstopp bei Volkswagen gipfeln. Der NDR hat am Mittwochabend berichtet, dass die Produktion nach Angaben des Autobauers derzeit "unbeeinträchtigt" sei, aber Auswirkungen könnten kurzfristig nicht ausgeschlossen werden.

Diese hatte die Bild-Zeitung bereits angekündigt. Demnach soll ab nächste Woche Mittwoch in Wolfsburg kein Golf mehr vom Band gehen. Ob auch Autohersteller in NRW betroffen sind, ist unklar. Ford äußerte sich auf eine WDR-Anfrage am Mittwoch nicht zu möglichen Auswirkungen auf den Standort Köln. Und von Mercedes-Benz - das Unternehmen produziert auch in Düsseldorf - hieß es aus Stuttgart, dass man "kurzfristig nicht mit Ausfällen" rechne, weil man im "Kurzfristzeitraum abgesichert" sei.

Viele Autozulieferer haben ihren Sitz in NRW

Dass Lieferengpässe in Nordrhein-Westfalen völlig folgenlos bleiben, ist indes nicht anzunehmen. Daran ließ Professor Stefan Bratzel, Gründer und Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach, am Mittwoch im Gespräch mit dem WDR keinen Zweifel: "Es ist so, dass Produktionsstopps natürlich auch die Zulieferer-Industrie betreffen. Das ist eine Kaskade der Wertschöpfungsketten."

Sollte es zum Produktionsstopp kommen über längere Zeit, ist das auch eine erhebliche zusätzliche Belastung für die Automobilzulieferer-Industrie. Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management

Diese Kette ist in NRW eine sehr lange. Mit Blick auf Ford und rund 800 Zuliefererbetriebe hängen in NRW etwa 180.000 Jobs an der Autoindustrie. "Viele davon kämpfen mit Sparprogrammen und Stellenabbau." Auf diese schon bestehenden Probleme hatte WDR-Wirtschaftsredakteur Carsten Schabosky in einem Beitrag über den Zustand der Auto-Industrie im Anfang des Monats hingewiesen.

Längere Produktionsausfälle betreffen alle

Stefan Bratzel

Stefan Bratzel

Angesichts der bereits bestehenden Probleme der Branche betont Bratzel, dass Halbleiter-Engpässe zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt kommen. Das sei nicht hilfreich in einer Zeit, in der man "ohnehin viel Geld für die Transformation braucht"': "Insofern ist das schon ein ganz großes Problem, wenn die Versorgung mit diesen Chips nicht schnell wiederhergestellt wird." Von längeren Produktionsausfällen seien letztlich alle am Autobau Beteiligten betroffen - auch wenn sie mit Halbleitern direkt gar nichts zu tun hätten.

China reagiert auf niederländische Einflussnahme bei Nexperia

Man müsse das "Problem politisch möglichst schnell lösen", so Bratzel. Der derzeitige Lieferengpass trifft die deutsche Wirtschaft, weil die niederländische Regierung die Kontrolle über den niederländischen, aber von einer chinesischen Konzernmutter geführten Halbleiterhersteller Nexperia übernommen hat. Daraufhin stoppte China die Ausfuhr von Nexperia-Produkten für die Autoindustrie. Das könnte die Branche hart treffen, laut einem Bericht des Handelsblattes beziehen 49 Prozent in der Branche chinesische Nexperia-Halbleiter.

Zwischen den Fronten des Handelskonflikts von den USA und China

Der chinesische Mutterkonzern Wingtech steht wegen angeblicher Risiken für die nationale Sicherheit seit 2024 auf einer schwarzen Liste der US-Regierung. Europa, unter anderem die Autoindustrie, geraten zwischen die Fronten des Handelskonflikts von den USA und China: "Wir müssen aufpassen, dass wir in diesem Handelskonflikt nicht zerrieben werden und die Automobilindustrie Schaden nimmt", so Bratzel.

Wenn sich das länger hinzieht, verstärkt das die Katastrophe, die wir eh schon haben. Stephan Vogelskamp, Geschäftsführer von Automotiveland.NRW

Dieses Problem sieht auch Stephan Vogelskamp, Geschäftsführer von Automotiveland.NRW, eines Netzwerks der nordrhein-westfälischen Automobil- und Mobilitätsbranche. Er warnt aber davor, die Autohersteller als Opfer eines Handelskriegs aus der eigenen Verantwortung zu nehmen: "Man hast das Gefühl, dass das Chaos einfach nicht aufhört. Angefangen von der Modellpolitik der Hersteller über die Herstellung von resilienten Lieferketten bis hin zum Umgang mit Zulieferern." Vogelskamp sieht im Gespräch mit dem WDR eine "wesentliche Verantwortung" bei den Herstellern.

Problem: Fehlende Lagerhaltung bei günstigen Kleinteilen

Man hätte über größere Lager für mehr Puffer sorgen können und dürfte Zulieferer, die jetzt schon teilweise nur bei zehn bis 30 Prozent der eigentlich kalkulierten Abnahmemengen lägen, nicht so "gängeln". Zulieferer wie Winning BLW und die Kiekert AG sind bereits in der Insolvenz, und damit ist das Ende der Fahnenstange laut Vogelskamp noch lange nicht erreicht.

Die fehlende Lagerhaltung kritisiert auch Bratzel, obwohl der Kostendruck in einer auf "Just in time"-Lieferungen getrimmten Branche - das heißt, es wird für die Produktion passgenau geliefert - groß sei: "Es ist tatsächlich kein gutes Zeichen, wenn man nicht eine gewisse Lagerhaltung bei solchen Kleinteilen, die tatsächlich relativ günstig sind, vorgehalten hat." Sollen die Zulieferer, die Halbleiter verbauen, aber mehr Lagerraum vorhalten, müssten sie auch ihre Preise erhöhen.

Das wird nicht nur Volkswagen treffen, sondern eben auch andere Hersteller im Zeitverlauf. Stefan Bratzel über die Folgen des Halbleiter-Lieferstopps

Der Verband der Automobilindustrie (VDA), der bereits am Dienstag vor möglichen Produktions-Ausfällen wegen der Probleme bei Nexperia gewarnt hatte, wollte sich zu konkreten möglichen Folgen für die Branche am Mittwoch auf WDR-Anfrage nicht äußern. Man werde jetzt erstmal abwarten und schauen, wie es weitergeht. Unstrittig ist die Bedeutung der Branche: "Zum einen ist die Automobilindustrie mit die wichtigste Industrie in Deutschland mit relativ großen Wertschöpfungsketten. Wenn dort Probleme auftauchen, betrifft das einen Großteil der deutschen Wirtschaft", warnt Bratzel.

Klar, aber keinesfalls neu, seien die Konsequenzen, die man aus der aktuellen Krise ziehen müsse: "Es ist lange bekannt, dass wir die Wertschöpfungsketten resilienter machen müssen. Wir wissen, Chips sind kritische Teile." Auch wenn es sich im Fall von Nexperia um relativ einfache Chips handele, sei der Auftrag klar. "Wir müssen die Abhängigkeiten reduzieren."

China nutzt Abhängigkeiten aus

In der Vergangenheit sei das bis dato nicht gut gelungen. Sowohl eine Ansiedlung des Chip-Herstellers Intel in Deutschland als auch die des schwedischen Batterieherstellers Northvolt seien vorerst gescheitert. Gleichzeitig seien Abhängigkeiten von China bei den für die Herstellung von Chips wichtigen Seltenen Erden und Batteriezellen groß, was China als Druckmittel ausnutze und die Autoindustrie stark belaste: "Es wird Zeit, dass man den Handel wieder auf festere Fundamente stellt", so Bratzel.

Leicht wird das indes nicht, weiß der Experte: "Klar ist auch, wir gehen in eine neue Ära der Volatilität, der großen Unsicherheit, und die Automobilindustrie leidet darunter besonders." Sie brauche eigentlich Planungssicherheit und längerfristige Orientierung, und das gebe es immer weniger.

Krisen-Schalte des Bundeswirtschaftsministeriums mit Industrie

Das weiß man auch im Bundeswirtschaftsministerium, weshalb es zur Krise bei Nexperia noch am Mittwochabend eine Schalte mit Verbänden und Unternehmen aus der Automobil- und Elektronik-Industrie geben sollte, wie dpa von Beteiligten erfuhr.

WDR-Wirtschaftsexperte Ulrich Ueckerseifer ist optimistisch, dass die Bemühungen um eine Deeskalation Wirkung zeigen werden. Zulieferer aus NRW würden den Lieferstopp frühestens Ende nächster Woche zu spüren bekommen, aber bis dahin könnte das Problem gelöst sein: "Eigentlich hat China kurzfristig kein Interesse, mit der EU in einen Konflikt zu gehen", sagt Ueckerseifer.

Unsere Quellen:

  • WDR-Gespräch mit Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management
  • WDR-Gespräch mit Stephan Vogelskamp, Geschäftsführer von Automotiveland.NRW
  • Verband der Automobilindustrie (VDA)
  • WDR-Wirtschaftsexperte Ulrich Ueckerseifer
  • Nachrichtenagenturen DPA und Reuters
  • Tagesschau.de
  • Handelsblatt
  • Bild-Zeitung

Über dieses Thema berichten wir im WDR am 22. Oktober 2025 auch im Fernsehen: Aktuelle Stunde, 18.45 Uhr.

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