Über das eigene Haus fliegen Flugzeuge, auf dem Weg zur Arbeit lässt ein Auto- oder Motorradfahrer seinen Motor aufheulen oder an einer Baustelle wird der Asphalt mit einem Presslufthammer aufgerissen. Lärm ist in unserem täglichen Leben allgegenwärtig - und macht krank.
Die Europäische Umweltagentur EEA schreibt in einem neuen Bericht, dass jeder fünfte Europäer von zu viel Lärm betroffen ist. Die EEA hat dafür Daten aus 31 Ländern ausgewertet. In Deutschland ist demnach sogar jeder vierte Mensch betroffen - insgesamt sind das fast 22 Millionen Menschen bei uns.
Lärm macht krank
Lärm erzeugt Stress, erklärt der Psychologe Dirk Schreckenberg. Der Lärmwirkungsexperte arbeitet am Zentrum für angewandte Psychologie, Umwelt- und Sozialforschung in Hagen. Stress ist erstmal eine gute Eigenschaft - seit der Steinzeit hilft er den Menschen auf Situationen zu reagieren und zu überleben - zum Beispiel durch Flucht. Dabei gibt es allerdings ein Problem.
"In der modernen Gesellschaft haben wir Situationen, denen wir nicht entfliehen können. Dieser Steinzeit-Instinkt funktioniert deswegen nicht und es kommt zu psychischen und physischen Erkrankungen." Bei Verkehrslärm sind das zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, langfristig steigen die Risiken auch für psychische Erkrankungen, zum Beispiel Depressionen.
Was tut der Staat gegen Lärm?
Wir Menschen müssen vor Lärm geschützt werden. Dafür gibt es bei uns in Deutschland das Bundesimmissionsschutzgesetz und die Lärmschutzverordnungen der Länder. Sie regeln zum Beispiel Nachtflugverbote oder Grenzwerte für Lärm, etwa bei Maschinen.
Das Land oder der Bund kann zum Beispiel Lärmschutzwände an Straßen oder Eisenbahnstrecken bauen. Verpflichtend ist das allerdings nur, wenn Straßen neu gebaut oder wesentlich verändert werden, sagt Dirk Schreckenberg. Bei bestehenden Straßen gibt es dazu keine rechtliche Grundlage, schreibt das Land NRW.
Insgesamt macht der Staat aber zu wenig gegen Lärm, meint Schreckenberg. Denn schon ab 55 Dezibel Lärmbelastung am Tag kann es zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen kommen. Das ist der Lärmpegel einer gut befahrenen Straße.
So könnten Straßen leiser sein
Dabei könnte es auf den Straßen deutlich leiser sein, erklärt Schreckenberg: "Bei Autos und Motorrädern gibt es etwas, das zum Beispiel vom Umweltbundesamt als 'Geschäftsmodell Lärm' bezeichnet wird. Danach gibt es eine Kundschaft, die interessiert an sportlichen Fahrzeugen ist und auch daran interessiert ist , dass die entsprechend sportlich und laut klingen."
Diese Fahrzeuge sind damit lauter als sie eigentlich sein müssten oder könnten. Allerdings ist es nicht ganz einfach als deutscher Gesetzgeber da etwas zu bewirken, denn diese Regelungen werden auf EU-Ebene gemacht.
Grundsätzlich sagt der Lärmwirkungsexperte, dass Lärmschutz zuerst bei der Quelle angegangen werden muss. Autos, Flugzeuge oder Maschinen müssten so leise konzipiert werden, wie es geht. Auf Straßen kann Flüsterasphalt verlegt werden. Er wurde speziell entwickelt, um Fahrgeräusche zu reduzieren.
Darüber hinaus gibt es zwei weitere Punkte, an denen geschützt werden kann: zum Beispiel kann durch Schallschutzwände der Übertragungsweg abgeschnitten werden. Als letzte Möglichkeit gibt es dann noch die Dämmung von Häusern und der Einbau von Lärmschutzfenstern.
Lärmschutzmaßnahmen lassen sich mit anderen Schutzmaßnahmen kombinieren
Einige Maßnahmen zum Schutz gegen Lärm lassen sich auch mit Klimaschutz oder Verkehrssicherheit kombinieren. Mehr Tempo-30-Zonen beeinflussen sowohl die Luftqualität, als auch die Lärmbelastung durch Autos und Motorräder. Auch die Investitionen in die Mobilitätswende hätte Auswirkungen auf mehrere Schutzziele. Gleiches gilt zum Beispiel für die Einrichtung von Lärmschutzzonen: Grünanlagen in den Wohnvierteln sorgen für besseres Klima und erlauben den Menschen dem Lärm zu entfliehen.
Allerdings gibt es im Moment eine andere Entwicklung: Um bezahlbaren Wohnraum zu ermöglichen, gibt es Überlegungen die Grenzwerte für Lärm zu reduzieren, sagt Dirk Schreckenberg. "Das ist eine Entwicklung, die gar nicht gut ist. Denn hinter den 22 Millionen Lärmbelasteten stehen Menschen, die dadurch in ihrer Gesundheit eingeschränkt sind."
Land NRW will mehr gegen Lärm tun
Im Februar hat die NRW-Landesregierung angekündigt, dass sie mehr gegen Lärm bei uns tun möchte. Dazu hat sie eine Lärmminderungsstrategie beschlossen. Sie umfasst drei Säulen:
- Für Ballungsräume und Hauptverkehrsadern soll es eine Lärmaktionsplanung geben.
- Regelungen zum Verkehrslärmschutz sollen verbessert werden.
- Städte und Gemeinden sollen beim Lärmschutz finanziell unterstützt werden.
Wie kann ich mich gegen Lärm schützen?
Wir Menschen müssen versuchen stressfreie Räume zu schaffen, sagt Dirk Schreckenberg. Zum Beispiel das Schlafzimmer in einem Raum haben, der von der Straße abgewandt ist. Zur Ruhe kommen kann man auch in Grünanlagen, die helfen erwiesenermaßen, erklärt der Experte: "Wenn wir zwei Wohngebiete vergleichen mit einer gleichen Verkehrsbelastung, dann sind die Menschen dort weniger lärmbelästigt, wenn es Grünanlagen in der Nähe gibt."
Denn so können sie dem Steinzeitinstinkt folgen und vor dem Lärm fliehen. Wenn in der Ruhezone dann Vögel laut zwitschern oder andere natürliche Geräusche zu hören sind, ist das nicht schlimm. Denn Naturgeräusche empfinden wir Menschen nicht als stressig, sagt der Experte. Als Beispiel nennt er die Brandung am Meer: "Obwohl die laut ist, beruhigt sie uns eher, als dass sie uns stresst."
Ein weiterer Tipp des Experten: Noise-Cancelling-Kopfhörer. Die filtern die Umgebungsgeräusche - laute Geräusche, etwa Warnungen durch das Martinshorn an Rettungswagen oder der Polizei. Läuft man mit den Kopfhörern durch die Stadt, sollte man trotzdem besser aufpassen, als wenn man alle Geräusche ungefiltert hört.
Die Uniklinik der RWTH Aachen gibt auf ihrer Homepage weitere Tipps zur Vermeidung von Lärm: Zum Beispiel das Handy auf lautlos schalten und nur visuell den Anruf anzeigen lassen. Generell sollten wir unseren Ohren pausen gönnen, schreiben die Wissenschaftler: "Damit sich die Ohren nach der lauten Arbeit oder Disco und Co. erholen, sollte der Lärmpegel während mindestens 10 Stunden nicht über 70 Dezibel steigen."
Unsere Quellen:
- Bericht der Europäischen Umweltagentur EEA
- Interview mit dem Psychologen Dirk Schreckenberg
- Homepage des Ministeriums fürs Umwelt, Naturschutz und Verkehr NRW
- Homepage der Uniklinik der RWTH Aachen
Über dieses Thema berichtet der WDR am 24.06.25 auch im Radio: Auf WDR2 und auf WDR5 im Tag um 6.