"Pass gut auf die Fußgänger auf", sagt Wolfgang Küper in einem ruhigen, aber bestimmten Ton. "Nun Gas geben und zügig fahren." Gelassen sitzt der 92-jährige Fahrlehrer auf dem Beifahrersitz und gibt seiner Schülerin Anweisungen, kurz und knapp, gleichzeitig beobachtet er aufmerksam den Verkehr. "Dann an der Ampel rechts abbiegen. Innenspiegel, Außenspiegel, Blinker", sagt er routiniert.
Seit 67 Jahren ist Küper Fahrlehrer. Worauf er besonders stolz ist: Noch nie hat er einen Unfall gebaut. In einem Alter, in dem die meisten Autofahrer ihren Führerschein längst abgegeben haben, gibt er sogar noch praktischen Fahrunterricht, drei bis vier Stunden am Tag. "Weil mir das Spaß macht. Ich bin noch gesund und ich möchte nicht zuhause rumsitzen und nichts tun", sagt Küper.
Deutschlands ältester Fahrlehrer aus Mülheim ist 92
Lokalzeit Ruhr. 22.12.2025. 03:29 Min.. Verfügbar bis 22.12.2027. WDR. Von Solveig Bader.
Als Küper anfing, gab es in Mülheim an der Ruhr gerade mal eine einzige Ampel. Einparken musste man nicht üben, weil überall Platz war. Fahrschüler konnten schon nach sieben Fahrstunden ihre Prüfung machen. "In den 1960er-Jahren bekam man den Lappen schon für knapp 240 D-Mark", erinnert sich Küper. Seitdem hat sich viel verändert.
Vom Textilkaufmann zur eigenen Fahrschule
Jeden Tag manövriert Küper seine Schüler durch Staus und Baustellen. Viele Autofahrer seien heute rücksichtslos und würden zu schnell fahren, meint der 92-Jährige. Und das mit schlimmen Folgen: Zu schnelles Fahren gehört laut Statistischem Bundesamt zu den häufigsten Ursachen für Verkehrsunfälle, bei denen Menschen verletzt werden. "Ich gebe meinen Schülern zwei Dinge mit auf den Weg: Sie sollen rücksichtsvoll fahren und das Auto nicht als schnelles, sondern als bequemes Fortbewegungsmittel betrachten."
Das vermittelt Küper seit 1958 in seiner eigenen Fahrschule in Mülheim. Auf dem Gelände befand sich damals die Tankstelle seiner Eltern, die er umbaute. Eigentlich ist er gelernter Textilkaufmann, doch Fahrlehrer sei damals ein attraktiver Beruf gewesen, das habe ihn gereizt. Deshalb besuchte er eine Fahrlehrerfachschule und schulte um.
Die ersten Schulungsfahrzeuge von Wolfgang Küper
Bis heute sein Traumjob. Oft werde er gefragt, woher er wisse, ob er noch fit sei. Alle zwei Jahre muss sich Küper einer Gesundheitsprüfung unterziehen. "Das ist bei mir in Kürze wieder fällig". Außerdem werde er bei jeder Prüfungsfahrt von den Prüfern kontrolliert. "Sie merken ja, wie ich bei der Prüfung den Fahrschüler korrigiere, wie ich eingreife bei schwierigen Situationen. Und wenn die Prüfer sich nicht sicher fühlen würden in meinem Wagen, dann würden sie nicht mehr einsteigen und mir sagen: Hören Sie lieber auf!"
Fahrlehrer für die "schwierigen Fälle"
Für seine Fahrschülerin Mirveta Mehmeti, die aktuell von Küper auf die Fahrprüfung vorbereitet wird, spielt das Alter keine Rolle. "Er ist sehr geduldig mit mir und erklärt alles sehr gut, wirklich", sagt sie, während sie den Wagen selbstbewusst rückwärts in eine Lücke einer engen Straße manövriert. Diesen Ruf hat sich Küper bis heute bewahrt. Er kümmert sich um die "schwierigen Fälle". Fahrschüler, die woanders nicht klarkommen, kämen zu ihm.
Sogar auf Türkisch kann er unterrichten. Damals, als die ersten Gastarbeiter bei ihm ihren Führerschein machten, eignete er sich 50 bis 60 türkische Wörter an, die er bei seinen Stunden anwenden kann. Auch Fahrstunden auf Russisch seien kein Problem, sagt er lachend und zählt ein paar Brocken auf, die "rechts abbiegen" oder "Schulterblick" bedeuten.
Der Seniorchef ist aber auch Realist. Für Nachwuchs hat er schon gesorgt. Seine Tochter und drei Enkel arbeiten ebenfalls in seiner Fahrschule. Und wann ist der Moment gekommen, wo er selbst aufhören will? "Wenn ich krank werde. Wenn ich so in mich hineinhorche, dann habe ich das Gefühl, ich könnte das noch zehn Jahre machen. Die Lust dazu hätte ich", sagt Küper und fügt nachdenklich hinzu, "aber so lange wird's ja nicht mehr dauern, leider."
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Ruhr, 22.12.2025, 19.30 Uhr.