Bochumer Straßenbahn-Historiker: Ein Lexikon auf Schienen
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Straßenbahnen sind für Ludwig Schönefeld nicht nur Verkehrsmittel. Sie sind seine Leidenschaft. Seit seiner Kindheit beschäftigt er sich mit den Bahnen, hat dazu Bücher veröffentlicht. Unterwegs mit einem, der anders Bahn fährt.
Von Max Ortmann
Die Haltestelle Brückstraße in der Innenstadt von Bochum an einem sonnigen Morgen. Rund um die Haltestelle sind Autos und Fußgänger unterwegs, eine Straßenbahn kommt angefahren. Hier wartet Ludwig Schönefeld - ganz in seinem Element.
In seiner Hand hält er sein neues Buch: "Die Straßenbahnen in Bochum". Der 61-jährige Kommunikationsfachmann und Historiker hat dafür unzählige Dokumente ausgewertet, mit Zeitzeugen gesprochen und historische Bilder zusammengetragen. Die Seite über die Haltestelle Brückstraße findet er sofort. Denn genau hier wurde am 23. November 1894 die erste Straßenbahnstrecke Bochums eröffnet. Ein Foto dokumentiert das.
Ludwig Schönefeld über das Foto zur Eröffnungsfahrt 1894
00:15 Min.. Verfügbar bis 12.11.2027.
Die erste Bochumer Straßenbahnstrecke gibt es heute so nicht mehr. Aber von der Brückstraße aus fährt noch die 306 Richtung Hauptbahnhof.
Ein Hobby aus der Kindheit
2024 haben laut Statistischem Bundesamt etwa 90 Verkehrsunternehmen in Nordrhein-Westfalen mehr als zwei Millionen Fahrgäste befördert. Das meistgenutzte öffentliche Verkehrsmittel ist der Bus, auf Platz zwei folgt die Straßenbahn. Gerade in Großstädten ist sie beliebt - solange sie pünktlich fährt. Doch nur sehr wenige beschäftigen sich so intensiv mit der Geschichte dieses Verkehrsmittels wie Schönefeld.
Angefangen hat alles in seiner Kindheit. Jeden Tag ist er mit der Bahn zur Schule gefahren. 20 Minuten hin, 20 Minuten zurück. "Im Laufe der Zeit wächst das Interesse und man versucht, die Geschichte zu ergründen", sagt er. Damals schon recherchiert er in den Freistunden im Stadtarchiv zu den Bochumer Straßenbahnen. Dann trifft er den damaligen Chef der Bogestra, der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG. Ein Schlüsselmoment. "In dem Moment, wo man als Schüler mit seinen Interessen ernst genommen wird, fühlt man sich auch ermutigt, dem nachzugehen", blickt Schönefeld zurück.
Schönefeld kennt unendlich viele Straßenbahngeschichten: Ein Triebwagen in Bochum im Jahr 1901
Beruflich entscheidet er sich zunächst für Journalismus und Pressearbeit, studiert später Sozialwissenschaften und Neuere Geschichte, arbeitet im Management. Heute ist er selbstständig und hat damit wieder mehr Zeit für seine Leidenschaft: die Verkehrs- und Regionalgeschichte des Ruhrgebiets.
Nach Büchern über die Geschichte der Straßenbahnen in Witten und Bochum schrieb Schönefeld über Gelsenkirchen und recherchiert gerade zur Geschichte von Castrop-Rauxel. Parallel hält er Vorträge. "Als junger Mensch habe ich mich für die Fahrzeuge interessiert, später auch für die Geschichte der Strecken. Dann interessierte ich mich für die Stadtgeschichte. Und heute interessiere ich mich auch für die Zukunft der Stadt", sagt er.
Bahnen bestimmen Entwicklung von Bochum
Mit der Linie 306 geht es zum Bochumer Hauptbahnhof und dort mit der Rolltreppe eine Etage tiefer. Zum Gleis der U35. Wie üblich herrscht hier zwischendurch Gedränge beim Ein- und Aussteigen. Und wie üblich kann Schönefeld auch hier eine Menge erzählen.
Was macht die U35 in Bochum so besonders?
00:20 Min.. Verfügbar bis 12.11.2027.
Wer Schönefeld zuhört, erfährt nicht nur etwas über Straßenbahnen, sondern auch über die Entwicklung der Ruhrgebietsstädte in Zeiten der Industrialisierung: "Das Besondere an den Straßenbahnen in Bochum ist, dass die Verkehrslinien nicht in eine bestehende Stadt integriert worden sind, wo es einen mittelalterlichen Stadtkern gab, sondern dass sich die Stadt anhand der Verkehrslinien entwickelt hat."
1909 verbindet eine Straßenbahnlinie Bochum mit der Gemeinde Gerthe
So haben die ersten Straßenbahnen Bochum mit kleineren Gemeinden wie Langendreer oder Gerthe verbunden. Diese Straßenbahnen waren dann auch mit ein Grund dafür, dass beide eingemeindet wurden, heute also Stadtteile von Bochum sind. Nach und nach erst entstanden entlang der Strecken dann immer mehr Wohnsiedlungen.
Ankunft an der Ruhr-Universität. Die Fahrt mit der U35 endet hier. Mit einem Blick auf den Nahverkehr heute. Straßenbahnfan Schönefeld hält ihn für grundsätzlich gut ausgebaut. Die Fahrpläne könnten allerdings besser aufeinander abgestimmt sein. Zum Schluss hat er noch einen Tipp für alle, die einen Städtetrip machen oder sonst viel Bus und Bahn fahren: "Wenn man mit der Straßenbahn eine Stadt erkundet, dann erlebt man die Städte so, wie sie wirklich sind. Man lernt den kompletten Charakter der Stadt kennen."
Über dieses Thema haben wir auch am 21.10.2025 im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit Ruhr, 19.30 Uhr.