Collage; Links: Arbeiterin am Webstuhl eines Textilbetriebes, Mitte: Ein Kumpel schüppt Kohle; Rechts: Ein Scherenschleifer schleift in einem so genannten Kotten

Scharfe Messer, edle Stoffe und Kohle: Womit NRW-Städte mal bekannt wurden

Heimatliebe

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Viele Städte und Regionen in NRW haben eine Vergangenheit, die die Orte bis heute prägt. Vom Industriezentrum bis zur Hauptstadt: Wofür NRW bekannt war - und was davon heute noch übrig geblieben ist.

Von Mirjam Ratmann

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Solingen: Klingen- und Metallhandwerk

Den Beinamen "Klingenstadt" trägt Solingen nicht ohne Grund. Die Stadt blickt auf eine jahrhundertelange Tradition des Klingen- und Metallhandwerks zurück. 26 Schleifkotten gab es mal am Wupperufer, Wasserkraft setzte die Schleifsteine in Bewegung. Als im Zuge der Industrialisierung dann die erste Dampfmaschine in Solingen aufgestellt wurde, verlagerten sich die Schleifstellen in die Innenstadt.

Noch immer gibt es mehr als 500 Metallverarbeitende Betriebe in Solingen, mit mehr als 15.000 Beschäftigten. Einer der letzten, der noch ganz traditionell arbeitet, ist der Schneidwarenmechaniker Ralf Jahn vom Solinger Wipperkotten.

Wenn Schneidwarenmechaniker Ralf Jahn an seiner Messerschleife fertig ist, sind die Messer extrem scharf

00:24 Min. Verfügbar bis 17.10.2027

Seit mehr als 600 Jahren prägt das Klingen- und Metallhandwerk die Stadt Solingen. Die Klingenherstellung in Solingen wurde 1363 erstmals urkundlich erwähnt - und seit spätestens dem 16. Jahrhundert erlangten sie europäischen Ruhm. Auch heute noch ist "Made in Solingen" ein Qualitätsmerkmal.

2

Krefeld: Samt und Seide

"Stadt wie Samt und Seide" lautet heute der Slogen der Stadt Krefeld. Damit beschwört das Stadtmarketing die Industrie, die die Stadt mal groß gemacht hat: die Textilindustrie. Oder genauer: die Produktion von Samt und Seide. Mennonitische Glaubensflüchtlinge brachten die Industrie im 17. Jahrhundert an den Niederrhein.

Unter preußischer Führung wurde die Seidenindustrie gefördert und erreichte eine Monopolstellung. Bald lebten mehr als die Hälfte der Krefelder von Seide.

Noch heute bezieht sich Krefeld mit dem Slogan "Stadt wie Samt und Seide" auf die Vergangenheit in der Seidenindustrie

00:13 Min. Verfügbar bis 17.10.2027

Durch die Verlagerung der Textilindustrie nach Asien oder in den arabischen Raum nahm die Produktion jedoch ab dem 19. Jahrhundert stetig ab. Trotzdem kann man noch heute die edlen Stoffe im Deutschen Textilmuseum in Krefeld bewundern.

3

Ruhrgebiet: Steinkohle

Jahrzehntelang prägte der Bergbau das Ruhrgebiet zwischen Essen, Bochum, Duisburg, Marl, Recklinghausen und Dortmund. In diesen und vielen anderen Städten des Potts war die Kohleproduktion der zentrale Wirtschaftsfaktor. Zu Hochzeiten arbeiteten 600.000 Bergleute in mehr als 140 Zechen.

Denn Kohle spielte eine wichtige Rolle bei der Energieversorgung und der Stahlherstellung. Sie machte die Region zum größten Ballungsraum Deutschlands. 2010, als Essen Kulturhauptstadt Europas war, machte die Aktion "Schachtzeichen" auf ehemalige Zechen im Gebiet aufmerksam.

So sah die Schachtzeichen-Aktion damals aus

01:18 Min. Verfügbar bis 17.10.2027

Doch der Niedergang der Kohleindustrie war nicht aufzuhalten. 2010, während der Aktion "Schachtzeichen", wurde kaum noch eine Handvoll Zechen im Ruhrgebiet betrieben. Im Dezember 2018 schloss das letzte aktive Steinkohle-Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop.

4

Monschau: Wolltuchproduktion

Heute ist Monschau mit seiner idyllischen Altstadt ein beliebtes Ausflugsziel in der Eifel. Im 17. und 18. Jahrhundert war die Stadt Zentrum der deutschen Wolltuchproduktion. Noch heute erinnert das Museum "Rotes Haus", das Wahrzeichen von Monschau, an diese Zeit.

Nach der Französischen Revolution und dem Anschluss an Preußen konnte die Produktion in Monschau nicht mehr an die früheren Erfolge anknüpfen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts verlor die Stadt den Anschluss an die industrielle Entwicklung. Tuchmacher gingen nach Osteuropa oder wechselten in andere Textilsparten. Die letzte Tuchfabrik in Monschau schloss 1908. 

5

Bielefeld und Gütersloh: Leinenindustrie

In der Region Ostwestfalen-Lippe, vor allem in Bielefeld und Gütersloh, entwickelte sich zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert ein Zentrum der Leinenindustrie. 1851 eröffnete in Bielefeld dann die erste industrielle Spinnerei.

Die Ravensberger Spinnerei, die 1856 ihren Betrieb aufnahm, wurde sogar zur größten Flachsgarnspinnerei in Europa. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden zahlreiche Plüsch- und Seidenwebereien.

Ehemaliges Industriegebäude aus beigem Stein, davor Bäume und Gastronomie

Einst größten Flachsgarnspinnerei in Europa, heute Kulturzentrum: die Ravensberger Spinnerei in Bielefeld

Bielefeld machte sich dann Anfang des 20. Jahrhunderts einen Namen mit der Herstellung von Wäsche und Bekleidung. Spätestens in den 1960er-Jahren ging die Textilindustrie in der Region jedoch deutlich zurück.

Heute ist Ostwestfalen-Lippe eher für andere Unternehmen bekannt, allen voran Bertelsmann, Miele und Dr. Oetker. In der Ravensberger Spinnerei ist inzwischen die Volkshochschule beheimatet. Außerdem dient das Kulturdenkmal als multifunktionaler Veranstaltungsort.

6

Bonn: Bundeshauptstadt

Der 20. Juni 1991 war ein Schicksalstag für die Stadt Bonn. An diesem Tag entschied sich der Deutsche Bundestag, damals noch ansässig in Bonn, mit einer knappen Mehrheit für Berlin als neue Bundeshauptstadt für das wiedervereinigte Deutschland. Auch Hannelore Rönsch, Familienministerin unter Kanzler Kohl, stimmte damals dafür.

Die ehemalige Familienministerin Hannelore Rönsch stimmte 1991 gegen Bonn als Bundeshauptstadt

00:22 Min. Verfügbar bis 17.10.2027

Acht Jahre später, 1999, zog das gesamte Parlament samt ihrer über 5000 Parlamentarier, Mitarbeiter und Verwaltungsangestellten um.

Obwohl Bonn heute nicht mehr Hauptstadt ist, haben weiterhin fünf Ministerien ihren ersten Dienstsitz in Bonn, alle anderen zumindest einen Zweitsitz. Auch ein Drittel der Arbeitsplätze ist bis heute in Bonn. Die Stadt wurde außerdem Standort der Vereinten Nationen sowie der Telekom und der Deutschen Post. Zeitzeuge dieser Entwicklungen war das Bundesbüdchen. Hier erfährst du mehr über die Geschichte des Büdchens.

7

Rheinisches Revier: Braunkohle

Niederrheinische Bucht wird die Region zwischen Aachen, Mönchengladbach, Köln und Bonn genannt. Hier liegt das Rheinische Braunkohlerevier. Mit einer Fläche von etwa 2.500 Quadratkilometern ist es das größte geschlossene Braunkohlerevier Europas.

Besonders die Tagebaue Garzweiler, Hambach und Inden sorgten im Revier, wie die Region umgangssprachlich genannt wird, ab dem 19. Jahrhundert zu einem wirtschaftlichen Aufschwung.

Ein Loch aus abgegrabenem Boden, in dem drei Braunkohle-Bagger stehen

Der Tagebau Hambach gilt als größtes Loch Europas

Das bedeutete zugleich aber auch, dass Menschen ihre Heimat verloren: Fast 43.000 Menschen aus rund 60 Dörfern mussten seit den 1950er-Jahren umgesiedelt werden, um dem Kohleabbau Platz zu machen.

Noch bis Ende 2022 wurden 6,9 Milliarden Tonnen Braunkohle pro Jahr im Rheinischen Revier gefördert. Doch einige der Tagebaue wurden inzwischen geschlossen. 2030 soll dann endgültig Schluss mit der Kohleförderung in NRW sein.

Was dann mit den riesigen Mondlandschaften passiert? Die Gruben sollen rekultiviert, also wieder für Menschen und Natur nutzbar gemacht werden. Im Tagebau Hambach soll beispielsweise nach dessen Schließung der größte See NRWs entstehen.

8

Wuppertal: Textilindustrie

Das Bergische Städtedreieck, die Region zwischen Wuppertal, Solingen und Remscheid, gehört zu den ältesten Industrie- und Wirtschaftsregionen Europas. Gerade Wuppertal galt lange als bedeutender Textilstandort. So lag der Anteil der Textilindustrie an der industriellen Produktion vor 130 Jahren bei 70 Prozent.

Besonders im 18. und 19. Jahrhundert war der industrielle Aufschwung Wuppertals maßgeblich auf die Textilproduktion zurückzuführen. So wurden Teppiche gewebt ebenso wie Kleidung aus Seide und damals neuen Chemiefasern. Noch heute steht in Wuppertal die älteste Bandweberei Deutschlands. Ein Webstuhl der Bandweberei Kafka soll von 1882 sein.

Die Bandweberei Kafka in Wuppertal

00:22 Min. Verfügbar bis 17.10.2027

Heute werden in Wuppertal kaum noch Stoffe hergestellt, aus denen dann Bekleidung genäht wird. Die meisten Firmen in der Stadt haben sich auf technische Textilien spezialisiert, die in der Medizin und Baustoffindustrie sowie für Schutzkleidung und Schuhe- und Lederwaren genutzt werden.

Im Wuppertaler Bandwebermuseum kann man noch heute einen Blick in die Vergangenheit werfen und Exponate aus der Weberei und Flechterei entdecken.