Ilia Vasilev, ein Mann mit kurzen schwarzen Haaren, Bart und Brille, lächelt in die Kamera.

Integration in Duisburg: Wie Roma Ilia hilft und Vorurteile abbaut

Heimatliebe

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Ilia Vasilev kennt die Sorgen vieler seiner Nachbarn in Duisburg-Hochfeld. Bei Anträgen und Amtsgängen hilft er ihnen ehrenamtlich, wo andere nicht mehr weiterkommen. Wie der gebürtige Bulgare zum Rettungsanker in seinem Viertel wurde - und warum seine Geschichte Hoffnung macht.

Von Stephanie Hajdamowicz

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Duisburg-Hochfeld: Für Ilia ein Zuhause, für andere ein Problemviertel

Sonntags, 12 Uhr, in Duisburg-Hochfeld. Ilia Vasilev sitzt zu Hause an seinem Esstisch. Vor dem gebürtigen Bulgaren mit deutschem Pass liegt ein Berg Akten und Briefe. Manche auf Bulgarisch, andere auf Deutsch. Vasilev kämpft sich durch ein Schriftstück nach dem nächsten. "Es geht um Wohnungswechsel, um Anträge für das Kindergeld, Jobcenter oder die Agentur für Arbeit. Oder jemand hat eine Kündigung bekommen und die Stromrechnungen nicht bezahlt", sagt der 26-Jährige. Vasilev ist für die Menschen mit ihren Problemen ein Rettungsanker. Beim ersten Termin an diesem Sonntag erklärt er Mariyana den Kindergeld-Antrag. Die junge Frau will ihren Nachnamen lieber nicht online wissen. Vasilev übersetzt und geht mit ihr jedes Feld auf dem Schreiben durch.

Für Mariyana und die anderen, die sonntags zu Vasilev kommen, ist er ein Vorbild. Einer, der fleißig ist. Der seinen Landsleuten bei Behördengängen, offiziellen Briefen und Terminen ehrenamtlich hilft. Einer, der das Herz an der richtigen Stelle hat, sagt Mariyana. Vasilev sagt, er will damit etwas von dem zurückgeben, was er hier in Deutschland gefunden hat. 

Er war 13, als er 2012 mit seinen Eltern aus Bulgarien nach Duisburg kam. "Wir haben lange Zeit am Goldstrand gelebt. Mein Vater hat den ganzen Tag gearbeitet, meine Mutter war Teilzeitkraft. Jeden Sommer habe ich mich darauf gefreut, nach der Schule an den Strand zu gehen", erzählt er. Doch beide Eltern verlieren ihre Jobs und wandern nach Deutschland aus - auf der Suche nach Arbeit und besseren Lebensbedingungen.

Wie viele Südosteuropäer zu der Zeit ziehen sie nach Duisburg-Hochfeld. Früher eine Gegend mit viel Industrie, heute ein sozialer Brennpunkt mit hoher Arbeitslosigkeit. Laut dem zweiten Sachstandsbericht der Stadt Duisburg verdoppelte sich in dem Stadtteil der Anteil der Menschen aus Rumänien und Bulgarien von Februar 2012 bis Februar 2014 auf über 10.000. Der Anteil der Minderjährigen ist dabei besonders hoch. Ilia Vasilev ist damals einer von ihnen.

Die Obergeschosse von drei Häusern von außen, schwache Farben und Patina auf den Fassaden, die Fenster sind verschmutzt, Kabel hängen lose die Wand herunter.

Duisburg-Hochfeld gilt heute als sozialer Brennpunkt

Der Romajunge hat Glück. In der Schule förderte ihn eine Lehrerin, seine Arbeitskollegen unterstützten ihn während der Ausbildung. Im Sommer 2021 schließt er seine Ausbildung zum Hotelfachmann ab, seit Oktober 2022 arbeitet er als Reisekaufmann für einen großen deutschen Reiseveranstalter.

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Vorbild der bulgarischen Community

"Die bulgarische Community ist stolz auf mich. Weil ich die Sprache gelernt habe, einen Job habe, Karriere gemacht habe", meint er und greift zu seinem Handy. Er prüft, ob in seinem Facebook-Postfach neue Hilfegesuche eingegangen sind.

Ilia Vasilevs Weg motiviert auch andere Jugendliche

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Inzwischen vergibt der 26-Jährige sogar Termine, um den Andrang in den Griff zu kriegen. Manchmal begleitet er die Menschen auch zu den Ämtern. Oft sind es arme Familien, die sich bei ihm melden. Die meisten seien zwischen 30 und 40 Jahre alt. Viele hätten über gemeinsame Bekannte von ihm erfahren.

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Die Vorurteile über Sinti und Roma

"Oft hört man nur Negatives über Zuwanderung", sagt Vasilev. Gerade Sinti und Roma sind dabei vielen Vorurteilen ausgesetzt. Manche stammen noch aus der NS-Zeit, als sie systematisch verfolgt und getötet wurden. Sie seien faul, würden klauen oder seien Bettler. Und immer häufiger folgen diesen Vorurteilen auch Taten. So hat sich laut Melde- und Informationsstelle Antiziganismus die Zahl der registrierten Übergriffe von 2022 auf 2023 verdoppelt. Heute leben in NRW nach Schätzungen eines Landtag-Antrags bis zu 150.000 Sinti und Roma.

"Für mich zeigt mein Leben, dass es möglich ist, hier anzukommen, selbstständig zu werden und sich etwas aufzubauen", meint Vasilev. Manchmal braucht es dafür nur ein wenig Hilfe. Deshalb findet sich der 26-Jährige in vielen der Schicksale in den Briefen und Akten auf seinem Esstisch wieder. Bei seiner Einwanderung konnte er schließlich ebenfalls nur wenig Deutsch. "Besonders schwer war es, die Sprache zu lernen. Deutsch lernt man nur, wenn man Motivation und das Ziel vor Augen hat", sagt er.

Vasilev lernt nicht nur die Sprache, sondern entdeckt auch seine Leidenschaft zur Musik. Von einem Mann aus Mülheim an der Ruhr bekommt er ein Klavier geschenkt. Sein Vater war Musiker, mit ihm tritt er damals auch gemeinsam auf.

Ilia Vasilev hat in seiner Kindheit leidenschaftlich gerne Klavier gespielt

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Obwohl seine Eltern in Deutschland Arbeit gefunden haben, kehren sie im März 2024 in ihre Heimat zurück. Seitdem lebt der gelernte Reisekaufmann alleine. Doch seine Eltern kommen regelmäßig zu Besuch, zuletzt waren sie im September in Duisburg. Sie sind stolz auf ihren Sohn. Und sie sind nicht die einzigen.

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"Deutschland ist mein Zuhause"

Seine Arbeitskolleginnen und -kollegen schätzen ihn als zuverlässigen und freundlichen Ansprechpartner. "Ilia ist ein super toller Kollege. Ich bin super froh, dass ich ihn an meiner Seite habe. Wir haben ein tolles Miteinander, das ist schon richtig freundschaftlich", sagt seine Kollegin Carmen Braungart. Sein Chef Harald Rutert findet, Vasilev sei ein gutes Beispiel dafür, Vorurteile abzubauen.

Was Chef Harald Rutert an Ilia Vasilev schätzt

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Im Oktober 2022 erhielt Vasilev die deutsche Staatsbürgerschaft. "Jetzt fühle ich mich wirklich angekommen. Deutschland ist mein Zuhause, und ich bin dankbar für alles, was ich hier erreicht habe", sagt er. In den nächsten Jahren will er vor allem Reisen. Ferne Länder stehen auf seiner Wunschliste. "Ich möchte die Welt sehen, Neues lernen und dabei mein Bestes geben - beruflich und persönlich", sagt Vasilev. Dass er dabei auf seine Hartnäckigkeit, seinen Optimismus und ein starkes Umfeld vertrauen kann, hat er schon oft bewiesen.