Christel Varga balanciert einen Turm aus Sitzkissen auf ihren Armen durch den Garten. Gleichzeitig gibt die 86-Jährige Anweisungen: "Talel, wir brauchen noch mehr Stühle." Der junge Mann, der dicht hinter ihr läuft, lacht über das ganze Gesicht. "Ja, manchmal kommandiert sie schon ein bisschen." Es wirkt, als würde die rüstige ältere Dame ihre Enkelkinder zum gemütlichen Kaffeetrinken erwarten. "Na ja, ich bezeichne sie schon als meine Kinder. Aber sie kommen von weit weg, aus Tunesien und Kamerun", erklärt Varga.
Integration mit Herz: Sauerländerin zeigt, wie es geht
Die vier "Kinder" der 86-Jährigen sind Talel Jouini, Horline Bognou Takuete, Ons Maiti und Ghada Abbassi. Sie lernen am Klinikum Hochsauerland in Arnsberg-Hüsten den Beruf der Pflegefachfrau/Pflegefachmannes. Der Fachkräftemangel in der Pflege ist groß, deshalb setzen viele Kliniken auf die Zuwanderung von Pflegekräften aus dem Ausland. Fast jede fünfte Pflegekraft in deutschen Kliniken kommt laut Bundesagentur für Arbeit aus dem Ausland. Insgesamt sind das über 300.000 Menschen.
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Viele ausländische Pflegekräfte machen schon ihre Ausbildung in Deutschland. Die Bewerber kommen unter anderem aus Tunesien, dem Kosovo, Albanien, Marokko oder sogar aus Indien. Wenn sie nach Deutschland reisen, haben sie meist erste Sprachkenntnisse und einen gültigen Ausbildungsvertrag in der Tasche. Aber wo wohnen sie? Für die Azubis des Klinikums Hochsauerland hat der Arbeitgeber diese Frage geklärt. Das Klinikum hat im Haus der 86-jährigen Varga Wohnungen angemietet. So wurden die Azubis Teil ihres Lebens.
So war die Ankunft der neuen Bewohner für Christel Varga
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Heute will Varga für alle Waffeln backen. "Jetzt brauchen wir noch Teller und Gläser, die anderen kommen gleich von ihrem Dienst", sagt sie und eilt Richtung Haus. "Wir verbringen viel Zeit zusammen", erzählt der 28-jährige Jouini. "Nicht, weil wir es müssen, wir machen das gerne. Die Türen sind immer offen und wer aus der Klinik kommt, klopft mal eben bei Frau Varga an und sieht nach ihr." Für vier Personen hat die ältere Dame Platz. Zwei junge Männer in einer Wohnung und zwei Frauen in der anderen.
Von Behördengängen und Mülltrennung
Gerade am Anfang ist Varga für die Azubis eine wichtige Bezugsperson. Sie hilft, wo sie kann. Die 86-Jährige fährt noch Auto. Gemeinsam erledigen sie den Einkauf oder Behördengänge. Doch nicht alles funktionierte auf Anhieb.
Warum für Ghada Abbassi Christel Varga viel mehr als nur Gastgeberin ist
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"Die Kinder mussten erst mal lernen, wie richtige Mülltrennung geht. Das konnte ich aber gut erklären, anfangs auch mit Händen und Füßen", erzählt Varga und lacht. Auch durch das Klinikum werden die Azubis eng betreut. Eine Integrationskoordinatorin schaut regelmäßig nach dem Rechten und vermittelt, falls nötig.
Gemeinsame Kochabende und eine Heimatreise
Die Ausbildung zur Pflegefachfrau/Pflegefachmann dauert drei Jahre. Drei Jahre mit vielen schönen Momenten im Haus von Varga. So wird oft gemeinsam gekocht, mal tunesisch, mal deutsch, mal mehr, mal weniger gewürzt. Um der Seniorin ihre Kultur näherzubringen, haben die Azubis sie auch in ihre Heimat eingeladen. So ging es im vergangenen Jahr ab in den Flieger nach Tunesien. Dort konnte die 86-Jährige die Familien ihrer Schützlinge kennenlernen.
Christel Varga und ihre "Kinder" schauen sich gerne Fotos der gemeinsamen Reise nach Tunesien an
Jouini und Maiti sind jetzt fertig mit ihrer Ausbildung am Krankenhaus in Arnsberg-Hüsten und haben bereits ihre eigenen Wohnungen. "Hüsten war am Anfang schon etwas langweilig, aber jetzt bleiben wir hier in der Nähe, bei Frau Varga," erzählt die 24-jährige Maiti.
"Die Großen sind jetzt flügge und aus dem Nest raus," sagt Varga augenzwinkernd. "Sie kommen aber regelmäßig zu Besuch oder wir unternehmen was Schönes." Auch bei der Suche nach eigenen Wohnungen hat "Mutti" natürlich geholfen. Varga freut sich jetzt auf neue junge Leute aus dem Ausland, die bald bei ihr einziehen. Auch sie sollen in der "Multikulti"-WG der älteren Dame einen Platz finden.
Über dieses Thema haben wir am 11.07.2025 auch im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit Südwestfalen, 19.30 Uhr.