Heidi und Horst stehen eng nebeneinander und lächeln Richtung Kamera

"Ich sage nicht 'Ich liebe dich' - ich beweise es"

Bielefeld | Heimatliebe

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Was passiert, wenn man ein Paar auf zwei Stühle setzt und mit ihnen eine Stunde über ihre Beziehung redet? Wir haben Heidi und Horst Thielke aus Bielefeld nach ihrem Kennenlernen gefragt, ihrem Alltag und danach, wie sie gemeinsam mit Heidis Erblindung umgehen.

Von Jan-Ole Niermann und Christian Saftig

Heidi Thielke öffnet die Tür, tastet kurz mit der Hand. "Hereinspaziert!", ruft sie und lächelt über das ganze Gesicht. Die Rentnerin ist aufgrund einer Erkrankung der Netzhaut als junge Frau erblindet, doch in ihrem Haus bewegt sie sich sicher. Offen erzählt sie, wie sie die Welt heute wahrnimmt - mit Händen, Ohren und dem Herzen. Und schnell wird spürbar, wie sehr ihr Mann Horst ihr Halt gibt. Vor Kurzem haben die beiden ihren 55. Hochzeitstag gefeiert. Für die Serie "Herzenssache" sprechen sie mit uns über ihre Liebe.

Heidi & Horst Thielke nehmen die Liebe besonders wahr

01:55 Min. Verfügbar bis 09.03.2028

1

Der erste Tanz

Lokalzeit: Ihr kommt beide aus Bielefeld und kennt euch schon seit der Kindheit. Wie seid ihr zusammengekommen?

Heidi Thielke: Das eigentliche Zusammentreffen war auf Langeoog. Ich war etwa 16 Jahre alt, und die Jungs waren dort auch im Urlaub.

Horst Thielke: Sie fuhr mit ihrer Mutter hin, und wir sind einfach mitgefahren - in die gleiche Pension. Es gab da ein Lokal, die "Giftbude".

Heidi: Da waren wir zum Tanzen. Und Horst hat irgendwann gesagt: "Komm, jetzt tanzen wir mal zusammen!"

Horst: Dabei kamen wir uns näher.

Heidi: Und irgendwie war das dann ganz nett! Den ersten Kuss bekam ich, meine ich, im Strandkorb auf Langeoog.

Horst: Den haben wir später vergolden lassen, er steht in der Garage. (lacht)

2

Traumhochzeit im Winter

Lokalzeit: Ihr habt vor 55 Jahren geheiratet. Könnt ihr euch an diesen Tag erinnern?

Heidi: Wir haben am 10. November 1970 geheiratet. Erst Standesamt mit einem Kostümchen und dann mit einem langen, weißen Kleid und Schleier in der Kirche. Es war kalt mit blauem Himmel, ein richtiger Wintertag.

Horst: Sie war schon eine hübsche Braut! Der Pfarrer hat das sehr gut gemacht mit der eingeschränkten Sehfähigkeit. Und es waren viele Leute da, Heidi war schon immer beliebt.

Ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Foto, darauf ist ein junges Paar zu sehen, die Frau im weißen Brautkleid, der Mann im Anzug

Seit 55 Jahren sind Heidi und Horst Thielke verheiratet

Lokalzeit: Was verbindet und was unterscheidet euch nach so vielen Jahren?

Horst: Wir passen gut zusammen, weil wir in vielen Dingen sehr unterschiedlich sind. Ich bin eher ein westfälischer Knuf.

Heidi: Durch meine Offenheit und meine vielen Interessen profitiert Horst auch. Er sträubt sich nicht, wenn ich sage: Wir hören uns eine Lesung an oder gehen ins Theater. Er macht mit.

3

Herantasten an die Liebe

Lokalzeit: Heidi, du bist als junge Frau erblindet. Wie hast du Horst gespeichert?

Heidi: Als wir uns kennenlernten, konnte ich noch sehen. So habe ich ihn gespeichert. Und ich habe ihn auch nachträglich gespeichert, wie wir gemeinsam älter geworden sind.

Horst: Sie könnte es jederzeit ertasten. Die Nase hat sich nicht verändert, die war damals schon ziemlich groß.

Heidi: Und er ist als älterer Mann für mich noch stattlicher geworden. Das kann ich alles wahrnehmen.

Horst: Unsere Beziehung wurde durch die besondere Situation immer gestärkt.

Heidi: Er ist nicht nur mein Mann, er ist der, der mit mir geht. Dem ich hundert Prozent vertraue.

Horst: Du wächst mit deinen Aufgaben.

Heidi: Horst passt auf alles auf, damit Heidi sich nicht stößt, damit Heidi nicht stolpert, damit Heidi nicht fällt.

Horst: Ich sage immer: "Ich sage nicht: Ich liebe dich. Ich beweise es!"

Heidi: Hat er aber auch schon mal gesagt! (lacht) Und ich spüre tagtäglich, wie tief seine Liebe ist.

4

Ein gefügtes Leben

Lokalzeit: Ihr seid seit 55 Jahren verheiratet, habt einen Sohn und eine Tochter. Was bedeutet euch Familie?

Heidi: Wir haben nach langer Wartezeit, nach sieben Jahren, unser erstes Kind bekommen, unseren Sohn. Und nach 22 Monaten - wir haben es gar nicht zu hoffen gewagt - kam dann unsere Tochter. Das war wunderschön. Mittlerweile haben wir drei Enkelkinder und eine Riesenfreude dran. Uns war immer wichtig, den Kindern Offenheit, Fürsorge und Empathie mitzugeben.

Lokalzeit: Was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Horst: Ich bin dankbar für das, was wir geschafft haben. Was Heidi trotz ihrer Behinderung in ihrem Leben machen konnte und was wir heute noch machen.

Heidi: Ich wünsche mir noch sehr viel Zukünftiges. Aber unser Leben war bisher nicht durch Zufälle geprägt, ganz viel hat sich gefügt. Wir sind auch immer offen für Neues. Ich hoffe, dass wir noch einige schöne Jahre miteinander haben.

Sendung: Lokalzeit.de, Heidi & Horst Thielke nehmen die Liebe besonders wahr, 09.03.2026, 07.03 Uhr.