Wenn Ika Sperling in den vergangenen Monaten durch Dortmund streifte, war ihr Skizzenbuch nicht weit. Mit routinierter Hand hielt sie Stück für Stück Momente aus der Stadt mit schwarzer Tinte auf Papier fest. Seit Mai war sie dank eines kommunalen Stipendiums Stadtbeschreiberin der Stadt - und damit die erste Comiczeichnerin, die das Stipendium erhalten hat.
Jedes Jahr bietet Dortmund Autorinnen und Autoren dieses Stipendium an. Für sechs Monate werden die Stipendiatinnen und Stipendiaten damit zur Stadtbeschreiberin oder zum Stadtbeschreiber ernannt. Sperling ist in Rheinland-Pfalz aufgewachsen und zog zum Studieren in den Norden, wo sie Illustration studiert hat. Für das Stipendium ist sie extra nach Dortmund gekommen - und fühlte sich sofort angekommen. "Ich fand Dortmund schon vorher super. Und dachte: Voll cool hier! Dann habe ich mich beworben."
Sperling hat sich in Dortmund schnell eingelebt
00:18 Min.. Verfügbar bis 23.11.2027.
Ihr erstes Buch, eine Graphic Novel, erzählt von einer Tochter, deren Vater immer tiefer in Verschwörungserzählungen abtaucht und sich von der Familie entfremdet. Dafür erhielt sie den Hamburger Literaturpreis. Die Zeit in Dortmund nutzte sie nun für ein zweites Comic-Projekt. Dabei war die Stadt ihr Arbeitsplatz. Und ihr Skizzenbuch zeigt, was ihr dort alles begegnet ist. Sperling sieht, was viele vielleicht übersehen: in der Natur, auf der Straße oder auch im Internet.
Ika Sperling versucht, jeden Tag ein kleines "Zine" zu sketchen
Das Stipendium bedeute für sie Freiheit. Niemand erwartet ein fertiges Buch, vielmehr versteht sie ihren Aufenthalt als fortlaufenden Arbeitsprozess. Gleichzeitig organisierte sie Veranstaltungen und leitete Workshops mit Jugendlichen. Dort entstanden zum Beispiel "Zines" - kleine Comics, die in wenigen Bildern eine Geschichte erzählen. Für Sperling waren Zines der Einstieg ins Zeichnen, sie nutzt sie bis heute: "Ich bringe Jugendlichen immer bei, Zines zu machen. Und jetzt versuche ich, selber auch eins pro Tag zu machen."
Dortmund - eine Comicstadt?
Ein Ort war für sie dabei besonders wichtig: der "Schauraum: Comic + Cartoon", ein Projekt der Dortmunder Kulturbetriebe, das seit 2019 gegenüber vom Hauptbahnhof Comicfans zusammenbringt. "Dortmund hat schon viel gemacht, und ich denke, viele Leute kennen Dortmund auch wegen des Schauraums."
Orte wie der Schauraum fördern die Anerkennung von Comics als Kunstform und schaffen Sichtbarkeit für Künstlerinnen wie Sperling. Denn Comics sind nicht nur kreativ, sondern können auch das Interesse von Jugendlichen an Literatur wecken und die Lesekompetenz steigern. So zeigte eine Studie aus dem Jahr 2019, dass Jugendliche, die in ihrer Freizeit besonders gerne Comics lesen, dadurch auch gezielt das Lesen und Textverständnis verbessern können.
Die Stadtbeschreiberin sieht in Dortmund großes Potenzial
00:24 Min.. Verfügbar bis 23.11.2027.
Eigentlich wollte Sperling im November, nach ihrer Abschlussausstellung, zurück nach Hamburg. Doch während der sechs Monate als Stadtbeschreiberin haben Dortmund und die Comic-Szene es ihr angetan: "Man findet schnell Anschluss in Dortmund. Wenn ich irgendwo hingehe, weiß ich, die Chance ist hoch, dass ich da jemanden kenne." Deshalb hat sie sich auch über ihre Gastzeit hinaus zum Bleiben entschieden. Ihr Wunsch als Neu-Dortmunderin? "Die Kirsche auf dem Sahnehäubchen wäre ein Masterstudiengang Comic in Deutschland. Dafür muss man bisher noch nach Belgien gehen."
Die Nachfolgerin von Ika Sperling als Stadtbeschreiberin steht auch schon fest: Ab Mai 2026 darf Clara Cosima Wolff den Titel tragen. Sie will Dortmund nochmal auf ganz andere Weise literarisch entdecken - nicht wie Ika Sperling in Comicform, sondern mit einem Langgedicht übers Ruhrgebiet.
Über dieses Thema haben wir am 11.09.2025 auch im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit aus Dortmund, 19.30 Uhr.