Drei Frauen mit Helm stehen neben zwei Fahrrädern auf der Straße.

Empowerment auf zwei Rädern: Wie migrantische Frauen Radfahren lernen

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Für viele Frauen mit Zuwanderungsgeschichte ist das Radfahren mehr als nur Mobilität - es bedeutet Selbstbestimmung, Teilhabe und Freiheit. Wie sich Fatma Türkan mit 42 Jahren bei einem Kurs in Herne ihren Traum vom Radfahren erfüllt - und am Ende eine große Überraschung auf sie wartet.

Von Nastaran Amirhaji

Noch etwas wackelig tritt Fatma Türkan in die Pedale. Ihren Blick nach vorne gerichtet, schaut sie konzentriert und etwas nervös auf die Straße vor sich. Dann rollt ihr Rad an. Langsam, aber halbwegs sicher fährt sie geradeaus. Nach den ersten Metern lächelt sie: "Das macht wirklich Spaß", sagt sie erleichtert. Es ist ihr zweiter Tag an der Verkehrswacht Herne-Wanne-Eickel. Hier lernt sie mit 42 Jahren das erste Mal richtig Fahrrad fahren.

Warum Frauen mit Zuwanderungsgeschichte weniger Rad fahren

Bei dem zweitägigen Fahrrad-Kurs handelt es sich um ein Angebot der Stadt Herne speziell für Frauen mit Migrationshintergrund. Das Ziel: Die Frauen sollen selbstständiger im Alltag unterwegs sein können. "Wir steigen zuerst mit einem Roller ein, damit man ein Gefühl für Gleichgewicht bekommt", erklärt Übungsleiter Johann Holecek. Danach steigen die Frauen auf Räder ohne Pedale um. "Am zweiten Tag können die meisten schon auf Rädern mit Pedalen fahren", sagt Holecek.

So sieht das Training mit Übungsleiter Johann Holecek in Herne aus

00:11 Min. Verfügbar bis 29.10.2027

Aus Gesprächen mit den Teilnehmerinnen weiß er, dass die Frauen in ihren Herkunftsländern wie Syrien, Afghanistan oder Irak teils chaotischen Verkehrssituationen ausgesetzt waren. Das kennt auch Fatma Türkan, die aus der Türkei stammt. "Die Straßen sind oftmals nicht so asphaltiert wie bei uns, Radwege gibt es nicht." Das ist einer der Gründe, warum Frauen mit Zuwanderungsgeschichte in Deutschland das Fahrrad seltener nutzen.

Laut dem T3 Transportation Think Tank bilden sie die Gruppe, die am seltensten über ein Fahrrad verfügen. Der Wert ist mit 65 Prozent fast zehn Prozentpunkte geringer als der bei Frauen ohne Migrationshintergrund. Gleichzeitig ist ihr Anteil unter denen, die gar nicht Rad fahren können, am höchsten. Bei einer Befragung des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung traf das auf 12 Prozent der Frauen mit Zuwanderungsgeschichte zu.

Fatma Türkan über ihre Motivation, an dem Kurs teilzunehmen

00:31 Min. Verfügbar bis 29.10.2027

Inzwischen dreht Fatma Türkan merklich sicherer ihre Runden über den Platz. Das sah gestern noch anders aus: "Ich hatte ein bisschen Angst. Aber hier sind alle Amateure. Und das Gute ist: Hier gibt es keine Autos, Hunde oder Menschen - man kann wirklich gut üben", sagt sie ganz zufrieden. Zum Beispiel Anfahren und abruptes Bremsen.

Mit Holecek an ihrer Seite übt sie immer wieder das Aufsteigen und Losfahren. "Vorne! Nach vorne gucken", ermahnt sie Holecek dabei. Mithilfe des Kurses möchte Türkan nicht nur ihre Kinder künftig aus der Schule abholen können, sondern auch ein Vorbild sein. "Als ich klein war, hatte mein Vater Angst vor dem Verkehr in Istanbul. Deshalb habe ich das Rad fahren nie gelernt. Aber jedes Kind träumt davon, Fahrrad zu fahren. Ich möchte, dass meine Kinder sicher Rad fahren können und wir gemeinsam Ausflüge machen", sagt sie.

Ein Überraschungsgeschenk zum Abschluss

Türkan ist diesem Wunsch einen Schritt näher gekommen. Sie und auch die anderen fünf Teilnehmerinnen fühlen sich deutlich sicherer auf dem Rad und haben noch einen Grund zur Freude. "Wir haben einen Aufruf gestartet und die Menschen in Herne haben uns Fahrräder gespendet. Ihr bekommt heute deshalb alle auch ein Fahrrad geschenkt", sagt Holecek. Wer selbst einen der nächsten Radfahrkurse bei der Verkehrswacht Wanne-Eickel wahrnehmen möchte, sollte sich beeilen. Denn die Kurse sind sehr beliebt. Nach Bekanntwerden der ersten Termine waren die Plätze schnell belegt.

Fünf Frauen stehen einem Mann gegenüber. Dieser erzählt ihnen etwas. Um sie herum stehen noch drei weitere Männer.

Übungsleiter Johann Holecek im Gespräch mit den Teilnehmerinnen

Fatma Türkan will das Gelernte direkt anwenden. Auf dem Rad fährt sie vom Trainingsgelände in Richtung Zuhause. "Man fühlt sich wie ein Vogel - Rad fahren ist für mich wie fliegen."

Über dieses Thema haben wir auch am 18.09.2025 im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit Ruhr, 19.30 Uhr.