Die Freundinnen Nicole und Kirsten umarmen sich

Der Schlaganfall nahm ihr die Worte: So kämpft sich eine Essenerin zurück

Füreinander

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Durch einen Schlaganfall konnte Nicole Lorenz plötzlich nicht mehr sprechen. In einer Selbsthilfegruppe für Aphasiker in Essen-Holsterhausen fand sie Halt. Zu Besuch bei einer Gruppe, die keine Worte braucht, um sich zu verstehen.

Von Marlène Gas

Es duftet nach Kaffee und frisch gebackenem Kuchen. Langsam füllt sich der Raum im Nachbarschaftsladen an der Gemarkenstraße in Essen-Holsterhausen. Begrüßungen ohne viele Worte: ein Nicken, eine Umarmung. Wer hier zur Selbsthilfegruppe für Aphasiker kommt, weiß, was es heißt, innerlich alles zu fühlen - und nichts sagen zu können. Unter den Teilnehmenden ist auch Nicole Lorenz, die ihren richtigen Nachnamen nicht nennen möchte. Vor rund eineinhalb Jahren erlitt sie einen Schlaganfall.

Aphasie als Folge eines Schlaganfalls

Zwei Tage lang lag die 56-Jährige allein in ihrer Wohnung, unfähig, sich zu bewegen oder zu sprechen. Schließlich fand sie ihr Sohn. "Wenn du so lange gelegen hast, weißt du gar nicht, was passiert ist", erzählt Lorenz, ihre Stimme bricht bei der Erinnerung. Mit einem Taschentuch trocknet sie die Tränen in ihren Augen. "Ich wollte etwas sagen - und es kam nichts." Erst nach zwei Wochen brachte sie wieder ein Wort über die Lippen. "Das war nur 'Hallo'. Mehr konnte ich nicht." Für Lorenz war es ein schwieriger Weg: "Ohne meine Kinder hätte ich das nicht geschafft."

So blicken Nicole Lorenz und ihre Tochter auf die Zeit nach dem Schlaganfall

00:35 Min. Verfügbar bis 08.09.2027

In Deutschland erleiden laut der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe jährlich fast 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Es ist die häufigste Ursache für eine Aphasie: eine Sprachstörung, bei der Betroffene Probleme haben, zu sprechen, zu verstehen, zu lesen oder zu schreiben. "Viele von ihnen erhalten nicht die nötige Unterstützung", kritisiert Logopädin Johanna Coppers. Es fehle an Therapieplätzen, an Fachkräften, an langfristiger Begleitung.

Johanna Coppers: Warum Selbsthilfegruppen so wichtig für Betroffene sind

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Auch Selbsthilfegruppen wie die in Holsterhausen sind selten. Die 27-jährige Coppers leitet sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Leon Friedhoff. Sie begrüßen jeden Einzelnen mit einem Lächeln, geben Raum für das, was seit dem letzten Treffen passiert ist. Diesmal ist es stiller als sonst. Ein Mitglied der Gruppe ist verstorben, verkündet Coppers leise. Es folgt eine Schweigeminute. Betroffenheit liegt im Raum. Coppers hebt langsam wieder den Kopf, bedankt sich.

Auf dem Foto sieht man mehrere Menschen, die gemeinsam an einem Tisch sitzen.

In der Selbsthilfegruppe können Aphasiker sich mit anderen Betroffenen austauschen

Dann beginnt das Stuhl-Yoga. Köpfe kreisen langsam, Schultern rollen vor und zurück, Arme werden ausgestreckt, Hände gedehnt. "Einatmen … ausatmen", sagt der 31-jährige Friedhoff ruhig. Ankommen im eigenen Körper. "Das hilft, weil du wieder was spürst", erklärt Lorenz. Danach: Kaffee, Kuchen, viele Gesten und Gespräche, manche holpriger als andere. Und trotzdem ein Nachmittag, an dem sich das Leben leichter anfühlt.

Gemeinsam gegen die Sprachlosigkeit

Die 56-jährige Lorenz sitzt neben ihrer besten Freundin Kirsten Hamich und lächelt sie an. Die beiden Frauen kennen sich durch die Reha. Sie konnten kaum sprechen, aber verstanden sich sofort. Auch Hamich erinnert sich noch daran, wie es war, wieder sprechen lernen zu müssen. "Ich glaube, mein erstes Wort war auch 'Hallo'", sagt die 58-Jährige. Lorenz ergänzt: "Du bist wie abgeschaltet."

Die Freundinnen verstehen sich auch ohne Worte

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In der Essener Selbsthilfegruppe fanden die Frauen Halt, Verständnis und Vertrauen. Bis zu 20 Menschen kommen regelmäßig - Betroffene und Angehörige. Manche sagen hier das erste Wort seit Monaten. Am Ende des heutigen Treffens stehen alle im Kreis. Lorenz schaut wieder zu Hamich. "Ich glaube, dass das jetzt ein fester Bestandteil meines Lebens ist, diese Selbsthilfe, der Austausch", sagt sie. "Ja, das gehört dazu", erwidert Hamich. Die beiden lächeln sich an. Worte haben sie zwar wieder - brauchen sie für ihre Freundschaft aber nicht.

Über dieses Thema haben wir auch am 11.07.2025 im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit Ruhr, 19.30 Uhr.