Susanne Starkmuth, eine Frau mit einer blau-weiß gestreiften Bluse, sitzt in einem Büro.

Wie eine Bochumerin anderen Betroffenen nach einer Fehlgeburt beisteht

Füreinander

Stand:

Susanne Starkmuth hat drei Fehlgeburten hinter sich und suchte in ihrer Situation Hilfe, doch die war schwer zu finden. Deshalb steht die Bochumerin jetzt selber Betroffenen zur Seite. Mit ihrer Beratungsstelle will sie Mut machen und das Thema enttabuisieren.

Von Hanna Makowka (Text) und Melanie Klüting (Multimedia)

Susanne Starkmuth kramt in der Jackentasche ihres olivgrünen Mantels. Sie zieht ein Stabfeuerzeug hervor und zündet ein Teelicht an. Dann stellt sie die Kerze auf das kleine Grab, das sich vor ihr befindet. Keine klassische Grabkerze in Rot oder Weiß, sondern ein Windlicht, das mit bunten Schnipseln aus Transparentpapier geschmückt ist. Es ist das Grab ihres ungeborenen Babys. "Ich hatte 2015 zwei Fehlgeburten in der neunten Woche und dann 2017 nochmal eine spätere Fehlgeburt in der 16. Schwangerschaftswoche", erzählt Starkmuth.

Ich habe sehr viel geweint und fühlte mich sehr einsam in dieser Zeit. Susanne Starkmuth

Ihr letzter Verlust liegt jetzt acht Jahre zurück. "Das ist lange her, aber die Kinder und die Eindrücke, die man hatte, bleiben unvergessen", meint die heute 45-Jährige. "Aber ich werde nicht mehr so traurig und es tut nicht mehr so tief innen weh, wie es damals der Fall war."

Susanne Starkmuth zündet auf dem Friedhof eine Kerze an

00:32 Min. Verfügbar bis 31.05.2027

Viele Frauen glauben, mit einer Fehlgeburt allein zu sein. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass sie eine andere Frau kennen, die ebenfalls ihr ungeborenes Kind verloren hat. Schätzungsweise zehn bis 20 Prozent der bestätigten Schwangerschaften enden laut Berufsverband der Frauenärzte mit einer Fehlgeburt. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil Fehlgeburten in Deutschland nicht statistisch erfasst werden.

Onlineforum für Austausch nach Fehlgeburten

Was Starkmuth durchgemacht hat, erlebt also jede fünfte bis zehnte Frau. Und trotzdem ist es ein Thema, über das nicht gerne gesprochen wird. Viele Frauen erzählen erst nach dem dritten Monat von ihrer Schwangerschaft, weil ab diesem Zeitpunkt das Risiko für eine Fehlgeburt deutlich geringer ist. Wenn die Schwangere ihr ungeborenes Baby vor dieser Zeitmarke verliert, bekommt ihr Umfeld das also oft gar nicht mit.

Ihr Partner sei zwar in dieser Zeit an ihrer Seite gewesen, erzählt Starkmuth. "Aber was ich mir gewünscht hätte, war der Austausch mit anderen Frauen." Doch den zu finden - gar nicht so leicht. Starkmuth fehlte Hilfe und Unterstützung. 2019 entscheidet sie sich, dass sie das für andere Frauen ändern möchte. Deshalb gründet sie ein Onlineforum, in dem sich Betroffene austauschen können.

Kostenlose Beratung vor Ort in Bochum

Die Geschichten, die im Forum geteilt werden, sind oft bewegend und emotional. "Ich bin eigentlich ein super fröhlicher Mensch, der gerne unter Leute geht, Freunde trifft, feiert und das Leben genießt. Aber aktuell will ich an nichts mehr teilnehmen", liest Starkmuth vor. "Bei jeder Nachricht, dass jemand schwanger ist, kommen mir die Tränen und ich kann sie nicht aufhalten." Viele Frauen können ihre Gedanken online befreiter teilen und Dinge schreiben, die sie kaum aussprechen würden.

Susanne Starkmuth liest Beiträge aus dem Forum vor

00:11 Min. Verfügbar bis 31.05.2027


Starkmuth ist wichtig, dass alle Betroffenen wissen: Ein Schwangerschaftsverlust ist ein normales Ereignis und keine Seltenheit. "Damit möchte ich das Ganze gar nicht bagatellisieren, aber ich möchte auch zeigen, dass man nicht die Einzige ist, die dieses Schicksal erleiden muss." Das erzählt sie auch bei ihren persönlichen Beratungen.

Sie ist angestellt beim Verein Sozialdienst katholischer Frauen und Männer Wattenscheid e.V. und bietet dort eine kostenlose Beratung an. Regelmäßig leitet Starkmuth ein Treffen für Frauen und Paare, die Kinder verloren haben.

Infos zur Trauergruppe "Sternenkind" Bochum

Wo: Wattenscheider Bildungszentrum, Westenfelder Straße 56, 44867 Bochum, 1. Etage
Wann: Alle zwei Wochen von 18 bis 20 Uhr
Nächster Termin: Montag, 10. Juni 2025
Es wird um Anmeldung gebeten

Der Austausch ist nicht nur für Betroffene, die eine Fehlgeburt erlebt haben, sondern auch für Eltern von sogenannten Sternenkindern. Das heißt, dass der Verlust des Kindes entweder nach der 24. Schwangerschaftswoche erfolgt ist oder das Kind mehr als 500 Gramm gewogen hat. Medizinisch und juristisch wird dann nicht mehr von einer Fehlgeburt, sondern von einer Totgeburt gesprochen. Viele Betroffene bevorzugen aber das Wort Sternenkind oder Stille Geburt.

Auf einem Friedhof steht ein weißes Kreuz aus Holz, im Hintergrund steht Susanne Starkmuth vor einem Grab

Susanne Starkmuth auf dem Friedhof

Willkommen sind bei Starkmuths Treffen alle. Die 45-Jährige weiß: Die Trauer kann sie nicht abnehmen. "Aber ich kann da sein und habe ein offenes Ohr aufgrund meiner eigenen Betroffenheit." Etwas, was ihr selbst vor einigen Jahren sehr geholfen hätte - und jetzt vielen anderen Betroffenen hilft.

Über dieses Thema haben wir auch am 07.04.205 im WDR-Fernsehen berichtet: Lokalzeit Ruhr, 19.30 Uhr.