Abtauchen, um aufzutauchen: Wie eine Tauchtherapie Kindern neue Kraft schenkt
Stand:
Tauchen ist für viele ein Hobby und bedeutet Abenteuer. Im Freibad in Ochtrup bekommt es eine neue Bedeutung. Eine Tauchschule bietet hier therapeutisches Tauchen für Kinder und Jugendliche an und unterstützt sie dabei, wieder mehr Leichtigkeit und Kraft für den Alltag zu gewinnen. So sieht ihre erste Tauchstunde aus.
Von Peter Wejdling
Der Badetag ist fast vorbei, ein paar Kinder planschen noch, das Wasser glitzert türkisblau. Doch am Rand des Schwimmerbeckens im Freibad Ochtrup trifft eine kleine Gruppe von Jugendlichen und Erwachsenen noch Vorbereitungen: Pressluftflaschen zischen, Tauchanzüge werden übergezogen, Masken zurechtgerückt. Ein Tauchgang steht bevor. Auch für den 9-jährigen Luis. Zusammen mit seiner Mutter Severine Verpoort steht er am Beckenrand.
Luis hat in kurzer Zeit seinen Vater und vier enge Angehörige verloren. Heute soll er sich einfach mal leicht fühlen. "Luis hat eben gesagt: Ich möchte einfach nur schweben und frei sein. Mal gucken, vielleicht ist das für ihn ein Loslassen, ein Runterkommen, Ruhe finden", sagt seine Mutter vor dem Tauchgang.
Einfach mal abtauchen und alles um sich herum vergessen
00:28 Min.. Verfügbar bis 04.06.2027.
Neben Luis steigen heute noch drei weitere Kinder und Jugendliche zum ersten Mal unter Wasser ab. Alle vier bringen seelisches Gepäck mit, das schwerer wiegt als die Ausrüstung auf ihrem Rücken: Trauma, Verlust, Entwicklungsstörungen, Schweigen. Und genau darum geht es beim therapeutischen Tauchen. Die Teilnehmer sollen in der Tiefe das Gefühl von Leichtigkeit finden.
Therapeutisches Tauchen - was steckt dahinter?
Tauchen bringt Körper und Geist in einen besonderen Zustand: Die Atmung wird bewusst, der Körper schwerelos, die Welt leiser. Für Kinder mit Traumata, ADHS, Mutismus oder Autismus ist das oft ein erster Raum, in dem sie sich sicher fühlen. Wissenschaftlich erforscht ist die Wirkung des therapeutischen Tauchens bislang noch wenig. Aber erste Studienergebnisse deuten auf ein großes Potenzial hin, weiß die zertifizierte Therapietauchlehrerin Annika Siewert von der Gronauer Tauchschule "Let's Dive". Seit acht Jahren bietet sie dieses besondere Unterwasser-Erlebnis an.
Jedes der vier Kinder wird dabei individuell unter Wasser von einem der erfahrenen Assistenten von Siewert begleitet. Therapeutisches Tauchen verlangt von den Trainern viel Einfühlungsvermögen. Siewert selbst koordiniert das Geschehen ruhig vom Beckenrand aus, beobachtet jedes Signal, jedes Aufblitzen von Freude oder Unsicherheit. "Tauchen ist kein Allheilmittel", sagt sie. "Aber es ist ein Moment der Ruhe. Und oft der erste Schritt, sich selbst wieder zu spüren."
Annika Siewert über die Vorteile von therapeutischem Tauchen
00:31 Min.. Verfügbar bis 04.07.2027.
In Deutschland steckt die Methode noch in den Anfängen. Doch auch in Nordrhein-Westfalen wächst das Angebot: Neben "Let's Dive" in Gronau arbeiten unter anderem "DiveTogether e.V." in Köln, "Ruhrpott Divers" oder die "Tauchschule Sauerland" mit Pflegefamilien, Kliniken und Stiftungen zusammen. Die Kosten betragen etwa 80 bis 150 Euro pro Einheit. Einige Plätze sind gefördert oder über Drittmittel finanziert.
Der erste Tauchgang im Freibad Ochtrup
Luis ist inzwischen im Wasser. Kleine Luftblasen steigen an die Oberfläche, genau dort, wo er gerade verschwunden ist. Und tatsächlich - unter Wasser beginnt er zu strahlen. Taucht kopfüber, dreht sich, schwebt. "Das Tollste war, sich ganz frei zu bewegen. Nach oben und unten, nach rechts und links, wie Fliegen", erzählt er später. "Am besten hat mir gefallen, wie ich kopfüber im Wasser geschwebt habe."
Die Kinder und Jugendlichen werden von den Tauchassistenten gut auf ihren ersten Tauchgang vorbereitet
Auch der 16-jährige Jannick taucht heute zum ersten Mal ab. Er wird von seinem Betreuer aus der Jugendhilfe begleitet, ist anfangs in sich gekehrt, schweigt. Unter Wasser hängt er zunächst unbeweglich, wie ein Zapfen, still im Becken. Doch dann paddelt er los. Macht Posen, gleitet in Superman-Haltung durch das Becken. Nach dem Auftauchen lacht er über das ganze Gesicht. "War gut, aber kalt", lautet sein Fazit. Für seine Verhältnisse ein Gefühlsausbruch.
Und auch Adriano, ein Teilnehmer mit selektivem Mutismus, strahlt nach dem Tauchgang und überrascht damit selbst seine Pflegemutter. "Er hat starke emotionale Störungen, ist sehr schnell versteinert. Wir haben alles versucht: Musiktherapie, Spieltherapie, Reittherapie. Alles mit mäßigem Erfolg. Und heute? Er lächelt. Das sehen wir sehr, sehr selten", sagt Claudia Koegler. "Der Tauchlehrer sagt sogar: Er hat die ganze Zeit gelächelt und ein Gespräch begonnen. Also, besser geht es nicht."
- Egal ob blind, im Rollstuhl oder lernbehindert: In der Xantener Südsee können Menschen mit Behinderung tauchen lernen.
Der Tauchgang ist geschafft, alle Kinder sind aus dem Becken raus und haben ihre Tauchausrüstung abgelegt. Luis reibt sich mit einem Handtuch trocken. "Mama", sagt er, "ich will ganz schnell meinen Tauchschein machen."
Über dieses Thema haben wir auch am 04.06.2025 im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit Münsterland, 19.30 Uhr.