Michael Philipps, graue Haare, schwarze Brille, sitzt vor einem Holzkasten, in dem er über einen Spiegel versucht, kleine Papierkugeln mit Messer und Gabel aufzunehmen.

Dement für einen Nachmittag: "Macht einen völlig crazy im Kopf"

Füreinander

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Ob an der Supermarktkasse, beim Arzt im Wartezimmer oder beim Spaziergang im Park - unser Alltag ist voll von Menschen mit Demenzerkrankungen. Wie ein Kurs in Münster dabei hilft, sie besser zu verstehen.

Von Nicole Albers

"Das ist echt schwer - das macht einen völlig crazy im Kopf." Michael Philipps sitzt vor einem schuhkartongroßen Kasten, in dem rote, gelbe und grüne Papierkügelchen liegen. Kreise auf dem Kastenboden stellen Teller dar. Mit Messer und Gabel soll Philipps die Kügelchen darauf legen. Aber das ist nicht so einfach. Denn er sieht alles nur spiegelverkehrt über einen kleinen Spiegel am Kastenrand.

Michael Philipps ist Rentner und betreut seit Längerem eine demenzkranke Frau. "Ich besuche sie ein bis zwei Mal pro Woche, gehe mit ihr spazieren oder einkaufen - ich schenke ihr einfach Zeit." Damit entlastet er die Angehörigen. Jetzt will er mehr über die Krankheit erfahren und besucht seit einigen Wochen den Demenz-Kurs bei Susanne Tittmann vom Malteser-Hilfsdienst in Münster.

Demenz besser verstehen: Kurse für Angehörige und Pflegekräfte

Lokalzeit Münsterland 08.01.2026 03:14 Min. Verfügbar bis 08.01.2028 WDR Von Nicole Albers

Laut dem Wissenschaftlichen Institut der AOK waren 2023 allein in NRW 320.500 Menschen an Demenz erkrankt. Prognosen gehen davon aus, dass diese Zahl in den nächsten Jahren deutlich steigen wird. Die Krankheit verändert dabei nicht nur das Leben der Betroffenen, sondern beeinflusst auch das soziale Umfeld.

Verstehen, was Demenz mit den Erkrankten macht

"Wir wollen Demenz erfahrbar machen", sagt Tittmann. Sie vermittelt den zehn Kursteilnehmern nicht nur Medizinisches über die Krankheit, sondern auch über das Älterwerden an sich und Risikofaktoren. "Daneben ist es wichtig, wirklich zu begreifen, wie sich der Alltag der Betroffenen anfühlt." Das funktioniert besonders gut bei den Aufgaben im Alters-Parcours.

An 13 Stationen versuchen die Teilnehmer verschiedene Aufgaben zu erfüllen: Sie schreiben ein Wort auf, fahren ein Spielzeugauto über eine vorgegebene Route oder malen ein Bild - alles spiegelverkehrt. Teilnehmer Philipps schiebt inzwischen seit 10 Minuten erfolglos die Papierkügelchen hin und her. Keines landet dort, wo es hingehört.

Ein Spiegel in einem Holzkasten zeigt spiegelverkehrt, wie ein Mann Messer und Gabel in den Händen hält und versucht, damit Papierkugeln aufzunehmen.

Nur über den Spiegel kann Michael Philipps das Besteck sehen

"Die langsamen Bewegungen, diese Anstrengung bei den leichtesten Aufgaben im Alltag - ich glaube, das bringt unsere Teilnehmer sehr nah an das, was Demenz mit einem Menschen macht", meint Tittmann.  

"Demenz geht uns alle an"

"Demenz geht uns ja irgendwie alle an", sagt Tittmann. "Wir begegnen Erkrankten beinahe täglich. Insofern ist dieser Kurs im Grunde für jeden hilfreich."

Mittlerweile sitzt Philipps seit 20 Minuten vor seinem immer noch leeren Teller. Tittmann steht neben ihm und spielt eine nörgelnde Angehörige: "Jetzt mach mal schneller, wir haben gleich einen Termin beim Arzt." Philipps frustrierte Reaktion ist nicht gespielt. "Es funktioniert einfach nicht. Da verhungere ich lieber."

Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Münsterland, 08.01.2026, 19.30 Uhr.