Wie Kinder in Aachen nach dem Tod eines Elternteils Halt finden
Kinder, Kita & Schule | Füreinander
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Josanne ist zehn Jahre alt. Ihr Papa ist tot. Der Satz steht zwischen ihr und der Welt, seit zweieinhalb Jahren. Zweieinhalb Jahre, in denen nichts mehr ist wie vorher und doch vieles einfach so weiterläuft: Schule, Pfadfinder, Fußball am Nachmittag. Und einmal im Monat ein Termin in einem Altbau neben der Heiligkreuzkirche in Aachen.
Von Tabea Volz
Josanne kniet sich auf einen Teppich. Sie nimmt ein blaues Stabfeuerzeug, beugt sich vor und zündet ihre Kerze an. Die Flamme flackert kurz, wird ruhig. Auf der Kerze steht "Papa". Daneben ihr Name, verziert mit Mustern. "Immer, wenn neue Kinder in die Gruppe kommen, werden Kerzen bemalt", erzählt die Zehnjährige. Auch sie hat in ihrer zweiten Stunde in der Beratungsstelle "diesseits" ihre Kerze verziert. Seitdem gehört das Ritual dazu: Kerze anzünden, erzählen, zuhören.
Wenn Mama oder Papa stirbt: Trauerarbeit mit Kindern
Lokalzeit aus Aachen. 02.03.2026. 03:18 Min.. Verfügbar bis 02.03.2028. WDR. Von Tabea Volz.
In der Aachener Beratungsstelle treffen sich Kinder, die etwas verbindet, das sie sich nie ausgesucht haben: Sie trauern um einen Elternteil oder einen anderen nahen Menschen. Laut dem Familienportal NRW leben in Deutschland 800.000 Kinder, die einen oder beide Elternteile verloren haben.
Josanne ist gemeinsam mit ihrer großen Schwester Malou hier. Die beiden haben ihren Vater verloren, sie teilen denselben Verlust und doch trauert jede auf ihre Weise. Manchmal vermisst Josanne ihren Vater. "Wenn ich traurig bin, sagt meine Mutter immer, dass mein Vater noch ganz im Herzen ist."
Trösten und Kuscheln gehören in der Trauergruppe auch dazu
Bei den Treffen in der Beratungsstelle können die Kinder lernen, besser mit diesen Gefühlen umzugehen. Dafür liegen zum Beispiel gehäkelte Teddybären im Sitzkreis. Josanne greift nach einem blauen mit zwei Gesichtern - eines fröhlich, eines traurig. Und nach einem orangen mit kleiner Tasche. "Der guckt sehr friedlich", sagt sie und drückt ihn an sich. "Wenn man traurig ist, kann man sich einen nehmen und kuscheln."
Gemeinsam trauern und lachen
Doch in der Gruppe wird nicht nur getrauert. Es wird auch gebastelt und gelacht. "Wenn wir hier sind, macht es eigentlich oft Spaß", sagt Josanne. "Und es tut halt manchmal auch gut, über Gefühle zu reden." Lange hatte sie das Gefühl, sie sei die Einzige ohne Vater. In der Beratungsstelle hat sie gemerkt, dass sie damit nicht alleine ist. "Ich finde es krass, dass so viele Mütter oder Väter in Aachen hier gestorben sind", sagt sie leise.
Dass es diesen Ort gibt, ist nicht selbstverständlich. Koordiniert wird die Kinder- und Jugendtrauerarbeit in der Region von Luisa Kolkenbrock. Ihr Ziel ist es, solche niedrigschwelligen Angebote langfristig in der gesamten Städteregion Aachen zu verankern. Denn bislang müssen viele Familien weite Wege auf sich nehmen, eine zusätzliche Belastung in einer ohnehin schweren Zeit. Es fehlen Ressourcen, Ehrenamtliche, finanzielle Mittel. Und doch zeigt jeder Gruppennachmittag, wie wichtig solche Räume sind. Hier dürfen Kinder trauern.
Josanne geht regelmäßig zum Gruppentreffen von Kindern, die ein Elternteil verloren haben
Als die Stunde endet, beugt sich Josanne vor und pustet ihre Kerze aus. Ein dünner Rauchfaden steigt auf, es riecht nach Wachs. Für einen Moment bleibt sie sitzen und schaut auf den Docht. Dann steht sie auf, geht zur Tür. Ihre Mutter wartet dort. Josanne fällt ihr in die Arme. "Es fühlt sich gut an, dass man darüber reden kann", sagt sie. "Dass man nicht immer alles in sich selber…, dass man es rauslassen kann."
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Aachen, 02.03.2026, 19.30 Uhr.