Bei der Polizei in NRW kommen inzwischen auch Drohnen bei der Unfallrekonstruktion zum Einsatz
Spuren, Daten und Schuld: Wie moderne Technik Unfalltäter entlarvt
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Ein 26-Jähriger verlässt eine Party in Aachen und wacht zwei Wochen später im Krankenhaus auf. Ihm fehlt ein Bein und seine Milz. Außerdem kann er seinen Kopf und seinen Arm nicht mehr richtig bewegen. Er ist zum Pflegefall geworden. Schuld ist ein Autounfall. Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Eine Unfallexpertin erklärt im Interview, wie das genau abläuft.
Partynacht endet in Mordprozess
An diesem Sonntagmorgen um 5.30 Uhr im Februar 2023 ist die Jülicher Straße in Aachen fast leergefegt. Auf dem Bürgersteig ist ein 26-Jähriger gerade auf dem Rückweg von einer Party. Um nach Hause zu kommen, muss der alkoholisierte junge Mann die mehrspurige Straße überqueren.
Zeitgleich fahren eine 31-Jährige und ihr Partner mit ihrem Auto auf der Jülicher Straße. Erlaubt sind hier 50 Kilometer pro Stunde. Der Tacho steht bei 80. Auch sie kommen vom Feiern, hatten getrunken und Drogen konsumiert. Zu spät sieht die Fahrerin den 26-Jährigen. Das Auto erfasst den jungen Mann mit hoher Geschwindigkeit, der lebensgefährlich verletzt auf der Straße liegen bleibt. Doch das Paar fährt weiter - ohne die Polizei oder einen Krankenwagen zu rufen.
Erst etwa 400 Meter weiter halten sie an, weil ihr Auto nach dem Aufprall defekt ist. Zu Fuß laufen beide zum Unfallort zurück. Dort ist mittlerweile die von Passanten gerufene Polizei eingetroffen. Unter Tränen gesteht die Fahrerin, dass sie den Fußgänger angefahren hat. Den gesamten Fall siehst du auch bei Lokalzeit MordOrte auf YouTube.
Das Landgericht Aachen verurteilt die Fahrerin am 26. Oktober 2023 wegen versuchten Mordes, ihren Partner wegen Beihilfe zum versuchten Mord. Hätten Passanten nicht direkt einen Krankenwagen gerufen, hätte das Unfallopfer die Kollision wahrscheinlich nicht überlebt.
Wie ermittelt die Polizei bei Verkehrsunfällen?
Um Verkehrsunfälle zu rekonstruieren, gibt es in NRW spezielle Unfallaufnahmeteams. Sie bestehen aus Kommissaren und Kfz-Mechatronikern und werden landesweit eingesetzt. Immer dann, wenn es um besonders schwere oder tödliche Unfälle geht. Das Spezialteam im Kreis Euskirchen wird von Polizeihauptkommissarin Frauke Prieß geleitet.
Frauke Prieß ist Hauptkommissarin bei der Polizei Euskirchen und leitet das Spezialteam für Verkehrsunfälle
Lokalzeit: Frau Prieß, wie gehen Sie vor, wenn Sie zu einem Unfall gerufen werden?
Frauke Prieß: Wir machen uns als Erstes ein eigenes Bild vom Unfallort. Ich möchte ganz objektiv und unvoreingenommen an den Fall herangehen können und mich nicht von irgendwelchen Aussagen beeinflussen lassen. Anhand der Spuren vor Ort ziehen ich und meine Kollegen dann unsere Rückschlüsse. Wir achten zum Beispiel auf Kratzspuren, Schlagmarken oder Blutspuren. Dabei verwenden wir moderne Technik wie eine Drohne oder einen Scanner, mit dem wir ein 3-D-Abbild der Unfallstelle erstellen können. Früher mussten wir kompliziert mit Messrad und Maßband an der Unfallstelle arbeiten. Das ist heute wesentlich einfacher.
Drohnen erleichtern der Polizei die Arbeit
Lokalzeit: Anhand welcher Spuren können Sie die Geschwindigkeit eines Unfallfahrzeugs bestimmen?
Prieß: Den ersten Hinweis gibt uns der Beulenversatz an den Autos. Wenn zum Beispiel ein Fußgänger angefahren wurde, gibt es ein bestimmtes Spurenbild an einem Fahrzeug. Zum Beispiel auf der Motorhaube, auf der Windschutzscheibe und auf dem Dach. Daraus können wir Rückschlüsse ziehen, wie schnell ein Auto gefahren ist - auch wenn wir keine konkrete Geschwindigkeit bestimmen können. Geht der Beulenversatz zum Beispiel bis in das Dach hin, war die Geschwindigkeit wahrscheinlich sehr hoch. Ist er vielleicht nur an der Motorhaube erkennbar, deutet das eher auf eine etwas niedrigere Geschwindigkeit hin.
Wie Autos Ermittlern helfen, die Wahrheit zu finden
Lokalzeit: Worauf achten Sie im Innenbereich des Fahrzeugs?
Prieß: Da gibt es eine Menge Spuren, die für uns eine Rolle spielen. Wir schauen auf die Gurte oder die Einstellung der Schalter im Fahrzeug. Ist das Radio an oder aus? Wie ist der Spiegel eingestellt? Wir lesen außerdem das Airbag-Steuergerät und das Infotainmentsystem aus. Gerade im Infotainmentsystem heutiger Fahrzeuge sind eine Menge Informationen gespeichert. Sobald man sich mit seinem Handy einloggt, werden ganz viele Informationen vom Handy auf das Fahrzeug übertragen. Aus diesen Daten können wir zum Beispiel ein Bewegungsbild erstellen. Wir wissen dadurch, wann jemand ein- oder ausgestiegen ist.
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Lokalzeit: Sie lesen aber nicht nur das Infotainmentsystem, sondern auch die Software von Unfallfahrzeugen aus. Was verrät sie Ihnen?
Prieß: Es kommt immer auf die Fahrzeugmodelle an, was die Software aufzeichnet. Einige setzen zum Beispiel Zeitstempel und zeichnen die letzten fünf Sekunden vor einem Crash auf. Alle für den Unfall relevanten Daten sind dementsprechend gespeichert. Hat der Fahrer gebremst? Wie viel Gas hat er gegeben? Wie hoch war die Geschwindigkeit? Wie der Lenkeinschlag? Einige Fahrzeugmodelle, zum Beispiel Tesla, verfügen sogar über eine Innenraum- oder Umfeldüberwachung. Sie haben sogar Kameras, die alles aufzeichnen.
Mithilfe von moderner Technik kann die Polizei Unfälle rekonstruieren
Lokalzeit: Was passiert mit den Spuren und Daten, die Sie gesammelt haben?
Prieß: Wir fügen alle Spuren wie ein Puzzle zu einem Bild zusammen, um nachher das Unfallgeschehen möglichst detailgerecht zu rekonstruieren. Das ist im späteren Verlauf wichtig für die Staatsanwaltschaft, für die Gerichte und den Prozess. Aber schon davor hilft es dem Sachbearbeiter im Verkehrskommissariat oder dem Sachverständigen, wenn er das Unfallgeschehen rekonstruieren möchte.
Über dieses Thema haben wir am 05.03.2025 auch im WDR-Fernsehen berichtet: Lokalzeit aus Aachen, 19.30 Uhr.