Wären die Zollformulare noch aus Papier, wäre die Bürokratie durch den Brexit auf dem Schreibtisch von Claudia Löhrmann greifbar. Bei der Follmann-Gruppe in Minden - Hersteller von Bauchemikalien, Klebstoffen und Druckfarben - läuft alles digital. Auch die Zoll-Formalitäten, die seit fünf Jahren im Handel mit Großbritannien Pflicht sind.
Digitale Prozesse helfen beim reibungslosen Abwickeln der Bestellungen von der Insel, sagt die Zollbeauftragte des Unternehmens. "Bei uns wird Ware schnell bestellt und auch schnell geliefert. Unsere Kunden sind zum Beispiel Dachdecker, die jetzt in England länger auf die Ware warten müssen."
Seit das Vereinigte Königreich die EU verlassen hat, ist der Handel vor allem eines: langsamer. Transporte nach Großbritannien brauchen mehr Vorlauf: Das Unternehmen muss eine Lieferung beim britischen Zoll anmelden und auf die Ausfuhrgenehmigung warten. Dadurch kann die Ware erst später geliefert werden - zum Nachteil der britischen Kunden. Die Zollexpertin nimmt es mit Humor.
"Der Brexit hat das Geschäft - freundlich gesagt - entschleunigt." Claudia Löhrmann, Zollbeauftragte Follmann-Gruppe
Abläufe bei Zollanmeldung eingespielt
Seit dem Brexit ist der Handel also deutlich komplizierter. Aber Follmann Chemie hat seine Prozesse darauf angepasst, die Abläufe sind inzwischen gut eingespielt. Das merkt Logistikchef Mike Solga vor allem beim Versand der Waren mit dem Lkw.
Trotzdem: Der Mehraufwand bei der Vorbereitung und die längeren Reisezeiten wegen der möglichen Grenzkontrollen treiben die Kosten in die Höhe. Wobei sich die Mehrkosten durch den Brexit im Vergleich zu anderen Faktoren mittlerweile im Rahmen halten: "Die Dieselkosten sind im Moment ein größeres Problem."
Großbritannien: Im Handelsranking abgerutscht
Vor dem Brexit war das Vereinigte Königreich für NRW ein Top-Handelspartner. Seit 2015 ist das Land bei den Exporten von Platz 3 auf Platz 8 abgerutscht. Das zeigt sich auch in der Außenhandelsbilanz.
Vor dem Brexit hatte britische Markt einen Anteil von mehr als sieben Prozent an den NRW-Ausfuhren. 2025 waren es nur noch etwas mehr als vier Prozent. Auch bei den Importen ging der Trend nach unten.
Der Brexit war ein Schlag für die Wirtschaft. Trotzdem bleibt das Vereinigte Königreich ein wichtiger Markt, sagt Jan Lutz Müller von der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen in Bielefeld. "Für Deutschland als Exportnation ist es wichtig, mit Partnern wie Großbritannien enge Geschäftsbeziehungen zu haben", sagt Müller. Die NRW-Wirtschaft ist immer noch stark vertreten auf dem britischen Markt.
"Viele unserer Unternehmen sind dort erfolgreich und expandieren." Jan Lutz Müller, IHK Ostwestfalen zu Bielefeld
Investionen können sich lohnen
Das Potenzial auf dem britischen Markt sieht auch der Geschäftsführer der Follmann-Gruppe, Henrik Follmann: "England ist für uns der mit Abstand größte Auslandsmarkt", sagt er. Zwei Standorte mit insgesamt 100 Beschäftigten betreibt Follmann dort.
Dem Brexit zum Trotz hat Follmann weiter in die britischen Standorte investiert. Das Großbritannien-Geschäft läuft mittlerweile sogar besser als vor dem Brexit. Auch wenn die Zollbürokratie lästig ist: Unternehmen sollten vor dem Handel mit dem Vereinigten Königreich keinesfalls zurückschrecken.
Aber Unternehmen müssten bereit sein, langfristig in den Markt zu investieren. "Das ist kein kurzfristiges Geschäft", sagt der Firmenchef.
So hat sich der Handel zwischen NRW UK verändert
WDR. 23.06.2026. 03:18 Min.. Verfügbar bis 22.06.2028.
Unsere Quellen:
- Interview mit Mitarbeitern der Follmann-Gruppe
- Interview mit Geschäftsführer Henrik Follmann
- Zahlen von IT.NRW
- Interview mit Jan Lutz Müller von der IHK Ostwestfalen zu Bielefeld
Sendung: WDR 5, Das Wirtschaftsmagazin, 23.06.2026, 13:34 Uhr