In vier der fünf Direktionen beschäftigt der WDR seit vielen Jahren mehr Frauen als Männer. Programminhalte werden bereits seit zehn Jahren von mehr Redakteurinnen als Redakteuren gestaltet; 2024 waren sie mit 54,2 Prozent in der Mehrheit. Und ebenfalls seit mehreren Jahren schickt der WDR deutlich mehr Studioleiterinnen und Korrespondentinnen in die Auslandsstudios von Brüssel bis Nairobi. Im vergangenen Jahr waren es sieben Männer und 18 Frauen, von denen acht eine Studioleitung übernahmen. Auch die Geschäftsleitung des WDR war im Verlauf des Berichtsjahres, abgesehen von Programmdirektor Jörg Schönenborn und Intendant Tom Buhrow, ausschließlich mit Frauen besetzt. Und nun wird der WDR seit Januar 2025 - was sich selbstverständlich nicht im Gleichstellungsbericht 2024 niederschlägt - auch an höchster Stelle von einer Frau geführt, von Intendantin Katrin Vernau. „Das kann sowohl nach außen als auch für die Belegschaft den Eindruck erwecken, jetzt hätten wir genug für Frauen getan”, sagt Britta Frielingsdorf. “Das sind auch starke Signale – aber eben noch keine echte Gleichstellung. Ich sehe die Gefahr, dass strukturelle Probleme verdeckt werden, die wir nach wie vor haben”, warnt die Beauftragte für Gleichstellung und Diversity of People anlässlich der Vorstellung des WDR Gleichstellungsberichts 2024.
Führung bleibt überwiegend männlich
Die WDR-Belegschaft, die 2024 fast zur Hälfte weiblich (49,8 Prozent) war, bot auch bei der Beschäftigungsstruktur ein Abbild der Gesellschaft: In sogenannten “Frauenberufen” arbeiteten im WDR mehr Frauen und in “Männerberufen” mehr Männer. Frauen waren im WDR deutlich öfter in Teilzeit beschäftigt (47,3 Prozent gegenüber 19,2 Prozent bei den Männern) und nahmen häufiger und länger Elternzeit: 64,9 Prozent der Elternzeiten entfielen auf Frauen, die sich im Durchschnitt neun Monate länger um den Nachwuchs kümmerten als die Väter, die im WDR Elternzeit genommen haben. Mehr Männer als Frauen wurden nach Vergütungsgruppe IV und aufwärts bezahlt. Mehr Geld verdienten die Frauen “nur” in der höchsten Vergütungsgruppe und im außertariflichen Bereich. Was zu einem ungewöhnlichen Phänomen führt: Einem negativen Gender Pay Gap im höchsten Bereich. Also: Hier verdienen die Frauen ausnahmsweise einmal mehr. Die Führungspositionen insgesamt im WDR wurden dagegen nach wie vor mehrheitlich von Männern besetzt.
“Die Reflektion und nachhaltige Beseitigung langlebiger Muster, Stereotypen und Vorurteile, die sowohl die Beschäftigten als auch den WDR und seine Strukturen über Jahrzehnte geprägt haben, bleibt weiterhin eine wichtige Aufgabe,” so Britta Frielingsdorf. Insgesamt schmälern diese Strukturen auch die Entwicklungs- und Aufstiegsmöglichkeiten von Frauen im WDR. “Wir alle sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, die traditionell eher Männer in Führungspositionen gesehen hat. Das ist in unser aller Köpfen drin. Frauen fördern nicht automatisch Frauen. Wichtig ist die Motivation, sich für die Gleichstellung der Geschlechter einzusetzen. Das gilt für Frauen wie Männer.”
Intendantin als Vorbild
Tatsächlich ist der Frauenanteil an den Führungskräften 2024 nicht gestiegen, sondern mit 45,0 Prozent (2023: 45,3) nahezu gleich geblieben. Allerdings gibt es zwischen den Direktionen große Unterschiede. So ist der Anteil der Frauen in Führung mit 80,0 Prozent in der HA Intendanz sehr hoch, in der DPT (25,9%) und der Verwaltungsdirektion (26,3%) sehr niedrig. IFU (56,1%) und NWK (42,9%) liegen im Mittelfeld. Britta Frielingsdorf: “Ich hoffe, dass sich durch die Intendantin als Vorbild mehr Frauen für die Übernahme einer Führungstätigkeit interessieren. Wir haben ja insgesamt 50 Prozent Frauen im Sender. Da wäre es nur gerecht, wenn Frauen auch 50 Prozent der Macht im WDR hätten.”
Viele Möglichkeiten, mehr Frauen in Entscheidungspositionen zu holen, bieten alternative Führungsmodelle wie rollenbasiertes Führen und Topsharing, bei dem eine leitende Position auf mehrere Kräfte aufgeteilt wird. Britta Frielingsdorf verweist auf WDR-Justiziarin und stellvertretende Intendantin Prof. Dr. Caroline Volkmann, die sich für ein Aufbrechen der klassischen Rollen und für mehr gegenseitige Unterstützung ausspricht. “Je weniger das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein Frauenthema bleibt, desto mehr haben wir an Gleichstellung erreicht.” Dies ist natürlich auch für Männer möglich, wie die stellvertretende WDR-Intendantin im Gleichstellungsbericht betont: “Ich persönlich würde mich freuen, wenn noch mehr Männer im Topsharing-Tandem arbeiten würden.”
Positiv bewertet der Gleichstellungsbericht, dass 2024 die Anzahl der Stellenausschreibungen, auf die sich gar keine Frauen beworben haben, weiter zurückgegangen ist. Bei den typischen “Männerberufen” lässt sich der WDR einiges einfallen, um mehr Bewerberinnen zu gewinnen. Ein Beispiel sind die MINT-Programme der Direktion Produktion und Technik, etwa die die MINT-Akademie oder MINT-Stipendien, um den WDR kennenzulernen. Spätere Alumni-Treffen halten dann den Kontakt aufrecht. Auf diesem Weg, so Britta Frielingsdorf, werden interessierte Frauen proaktiv an den WDR herangeführt und gebunden. Da der WDR dabei mit anderen Unternehmen konkurriert, die in diesen Berufen ebenfalls mehr Frauen beschäftigen möchten, aber deutlich finanzkräftiger sind, ist dies “eine gute und nachhaltige Möglichkeit, die auch schon erste Früchte getragen hat”.