CHIO Aachen 2025: Wie ernst meint der Reitsport das Tierwohl?
Sport. 04.07.2025. 03:31 Min.. Verfügbar bis 04.07.2026. WDR.
Videos von umstrittenen Trainingsmethoden und teilweise klarer Misshandlung von Pferden sorgen immer für Kritik am Reitsport. Fotos, Videos und Diskussionen in den sozialen Medien rücken das Thema Tierwohl immer wieder in den Fokus.
Es gibt Reitsport-Befürworter, die Details und Fehlentwicklungen anprangern. Und es gibt Fundamentalkritiker, die es grundsätzlich ablehnen, dass Menschen Pferde für ihren Leistungssport einsetzen. Beispiele dafür sind die Tierschutzorganisation Peta und Animal Liberation Front, die am Samstag beim CHIO in Aachen eine kleine Protestaktion mit 15 Teilnehmern durchgeführt hat. Der Titel: "Pferdesport ist Mord".
"Scientist Circle" misst Stresssymptome
"Die Diskussion ist extrem emotional aufgeheizt, pauschalisiert den Sport als Tierquälerei", sagte CHIO-Sportchefin Birgit Rosenberg in Aachen. "Das ist für uns die Motivation, als Turnierveranstalter unseren Beitrag zu dieser Debatte zu leisten. Wir empfinden das nicht als Debatte auf Augenhöhe und schon gar nicht als Debatte, die auf Fakten basiert."
Rosenberg sagte dies am Mittwoch bei einer Informationsveranstaltung des "Scientist Circle", den der CHIO 2023 gegründet hatte. Eine Gruppe Wissenschaftler und Tierärzte sammelt während des Turniers mit Sensoren, Kameras und künstlicher Intelligenz zahlreiche Daten in den Aachener Ställen.
Werth: Daten statt Gefühl
"Unsere Aufgabenstellung ist zu überprüfen: Wie geht es denn Pferden, wenn sie sich erholen sollen? Wie ist das Liegeverhalten, das Fressverhalten, die Herzfrequenz?", sagte Prof. Dirk Winter von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen im WDR-Interview. "All diese Parameter erheben wir, um daraus Ableitungen zu treffen, ob wir Verbesserungen vornehmen können."
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Gesammelt werden beim diesjährigen CHIO die Daten von 16 Pferden, darunter auch für Werths Top-Pferd Wendy. "Wir sind dankbar für jede wissenschaftliche Unterstützung", sagte Werth. Bisher könne sie immer nur von ihrem Gefühl sprechen, dass es ihren Pferden gut gehe. "Wenn wir belastbare Beweise und Untersuchungsergebnisse bekommen, die das unterstützen, ist das um ein Vielfaches besser und kann uns nur stärken."
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Eine erste Erkenntnis sei, dass die Haltung in Aachen "den Pferden keinen großen Stress verursacht", sagte Winter. Noch sei die Stichprobe aber zu klein für eine Studien-Veröffentlichung. CHIO-Sportchefin Rosenberg hofft, "dass die Daten uns Argumente geben für den Sport".
Dänische Reiterin ausgeladen
Der veranstaltende Aachen-Laurensberger Rennverein (ALRV) betont immer wieder, dass das Wohlergehen der Pferde oberste Prioriät habe. "Vor diesem Hintergrund behalten wir uns ausdrücklich vor, im Rahmen unserer Zuständigkeit für die Einladung von Einzelreitern, Entscheidungen zu treffen, die sowohl den sportlichen Kriterien als auch unseren ethischen Maßstäben und dem Schutz des Tierwohls entsprechen", schreibt der ALRV auf WDR.de-Anfrage.
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Aus diesen Gründen - und wegen sportlicher Aspekte - hat der ALRV die dänische Dressurreiterin Carina Cassö Krüth ausgeladen. Sie hat eine Sperre abgesessen, nachdem Videoaufnahmen gezeigt hatten, wie wie sie ihr Pferd während eines Trainings zweimal heftig mit der Gerte schlug. Beobachter dieser Szene war damals ihr Trainer Andreas Helgstrand.
Auch Helgstrand hat eine Sperre hinter sich, nachdem eine dänische TV-Dokumentation massiven Sporen- und Gebisseinsatz in Helgstrands Stall gezeigt hatte. Im Gegensatz zu Cassö Krüth ist Helgstrand beim CHIO am Start. Der ALRV verweist darauf, dass er Helgstrand gar nicht hätte ausladen können, da dieser vom dänischen Verband für den Nationenpreis nominiert worden war.
Info-Stewards als Ansprechpartner
Bereits seit 2019 sind zudem Info-Stewards der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) auf dem Aachener Gelände aktiv, um Besucherfragen zu beantworten. Im Vorjahr hatten private Aufnahmen und WDR-Bildmaterial vom CHIO-Abreiteplatz eine Diskussion über zu enges Reiten entfacht.
Die Info-Stewards sind eine Ergänzung zu den Stewards des Weltverbands FEI, die auf den Abreiteplätzen das Verhalten der Reiter und Pferde beobachten - und im Zweifel einschreiten. Ein sehr erfahrener Steward ist der Belgier Jaques van Daele. "Wir machen das, um den Reitern zu helfen", sagte er im WDR-Interview. Bei Fehlverhalten "müssen wir uns unterhalten. Dann muss ich die gelbe Karte geben".
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"Die Reiter hier haben eine Vorbildfunktion"
Die Pferdesportwelt blickt immer sehr genau nach Aachen, auf das wohl renommierteste Reit-Event der Welt. Das sagt auch Leonie Merheim, Host des Sportschau-Instagramkanals @diemitdenpferden. "Die Reiter hier haben eine Vorbildfunktion für viele Leute, die hier hinkommen, die sich das anschauen und den Sport erleben möchten." Für die Zuschauer sei es wichtig, "dass die Leute, die hier reiten und in der Öffentlichkeit auftreten, gut mit den Pferden umgehen."
Unsere Quellen:
- Recherche vor Ort
- Interviews vor Ort
- ALRV