Es ist eine ganze Menge los an diesem frühen Mittwochabend im kleinen Waldstadion in Fürstenberg - einem kleinen Ort am südlichsten Zipfel Niedersachsens. Die F-und E-Jugendteams der Spielgemeinschaft Sollingtor haben den Rasenplatz in Beschlag genommen - es sind die typischen Geräusche einer ausgelassenen Kinder-Trainingseinheit zu hören: Es wird gerufen, geächzt, geschrien und gelacht. Gute Laune. Hier scheint alles okay zu sein.
"Fürchten, dass der Verein das nicht überstehen könnte"
Doch eigentlich ist es so: Die Fußballerinnen und Fußballer der SG Sollingtor wollen nicht mehr. "Wir wollen nicht mehr so weit fahren. Wollen nicht mehr ständig unter der Woche spielen, weil es die Spielplangestaltung nicht anders möglich macht", sagt Fabian Sündermann. Der 37-Jährige, der selbst noch aktiv spielt und dessen Sohn Emin in der F-Jugend des Vereins mit dabei ist, fürchtet: "Wir sind hier gewissermaßen von einem Fußballverband in Haft genommen worden. Wir fürchten, dass unser Verein das nicht überstehen könnte."
Sündermann, seine Teamkollegen und auch die rund 100 Kinder und Jugendlichen des Klubs stecken seit einem Jahr in einem echten Dilemma: Weil die Aktivenzahlen in ihrer ländlichen Region rückläufig sind und in der Folge dieser Entwicklung vor einem Jahr zwei kleine Fußballkreise zu einem großen zusammengeschlossen wurden, haben sich die Auswärtsfahrten der SG zu halben Tagesreisen entwickelt.
Auswärtsspiele für SG Solingtor: 80 Kilometer pro Strecke
"Egal, ob Jugend oder Senioren: Haben wir ein Auswärtsspiel, müssen wir - obwohl wir auf Kreisebene spielen - im Schnitt bis zu 60 Kilometer für eine Wegstrecke zurücklegen, es gibt auch Auswärtsgegner, die liegen 80 Kilometer von uns entfernt. Das ist für Seniorenspieler vielleicht noch machbar, die Eltern unserer Jugendmannschaften aber zeigen uns doch allmählich einen Vogel. Für die ist der Aufwand kaum zu stemmen", erklärt Sündermann.
Es gäbe einen Ausweg, und den würde sich die SG Sollingtor auch sehnlichst wünschen: Man würde gern in den südlich angrenzenden Fußballkreis Höxter umsiedeln. "Da liegt der nächste Gegner nur vier Kilometer entfernt, wir hätten Auswärtsfahrten von höchstens 20 Kilometern Länge", erklärt der Hobbyfußballer.
Niedersachsens Verbandsfunktionäre stellen sich quer
"Stiefelbewohner" Niedersachens: Die SG Sollingtor
Allein: Der Fußballkreis Höxter liegt in Nordrhein-Westfalen. Die Gemeinde der SG Sollingtor aber in Niedersachsen - wenn auch in einem regelrechten Wurmfortsatz des Landes. Und während die Funktionäre des NRW-Kreises Höxter dem Wechsel bereitwillig zugestimmt hätten, stellt sich der Fußballverband Niedersachsen (NFV) quer. Der SG Sollingtor wurde die Genehmigung zum Verbandswechsel verweigert.
Der Vorsitzende aus dem Fußballkreis Holzminden, Andreas Wiese, hat dem Wunsch der SG eine Absage erteilt, möchte sich zu den Gründen allerdings nicht äußern. Er verweist auf die Pressestelle des übergeordneten Fußballverbandes Niedersachsen (NFV).
Es geht um "Gebietsschutz"
Von dort ist zu hören: "Die Zugehörigkeit von Vereinen zum Spielbetrieb richtet sich nach den Satzungen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sowie der Landesverbände. In diesen Regularien ist der sogenannte Gebietsschutz immanent verankert, der eine klare territoriale Zuständigkeit der einzelnen Verbände nach den Grenzen der Bundesländer gewährleistet", hat Manfred Finger, Sprecher des Verbandes, dem WDR auf eine entsprechende Nachfrage zu dem Sachverhalt schriftlich geantwortet.
"Warum dürfen wir nicht dort spielen, wo wir leben?"
Für SG-Vorstandsmitglied Achim Helm und seine Mitstreiter ein Tiefschlag, den sie überhaupt nicht nachvollziehen können. "Nordrhein-Westfalen liegt von uns nur vier Kilometer entfernt. Unser Alltagsleben findet ohnehin weitestgehend dort statt. Wir kaufen in NRW ein, arbeiten dort, die Kinder gehen dort zur Schule. Warum können wir nicht auch dort Fußball spielen", fragen sie sich.
Zumal es in der Nachbarschaft einen vergleichbaren Fall gegeben hat, bei dem sich die Verbände nicht gegen eine Umverortung eines Vereins gestellt haben. Vor ein paar Jahren durfte der im Osten Niedersachsens gelegene Klub aus der Gemeinde Staufenberg nach Hessen übersiedeln. "Warum ging das damals dort und warum wird uns Ähnliches nun nicht erlaubt?", fragen sie sich bei der SG Sollingtor.
Unterschiedliche Ferien verursachen Chaos
Auch, weil der Spielbetrieb der Jugendteams stark unter den voneinander abweichenden Ferienterminen NRW's und Niedersachsens leide. "Sommer- und Herbstferien liegen in der Regel nicht übereinander, sodass wir ständig Spiele verlegen müssen. Das führt zu Ansetzungen unter der Woche, die angesichts der weiten Fahrten eigentlich gar nicht mehr zumutbar sind", erklärt Helm. Der NFV aber blieb hart: Die SG darf nicht nach NRW wechseln.
NFV-Mann Finger schreibt: "Würde Vereinen in Grenzlagen grundsätzlich ein Wechsel in benachbarte Verbandsgebiete ermöglicht werden, bestünde die Gefahr, dass der reguläre Spielbetrieb in einzelnen Kreisen nachhaltig beeinträchtigt oder in seiner bisherigen Form nicht mehr aufrechterhalten werden könnte."
"Was ist mit dem DFB-Masterplan?"
In Fürstenberg neigt sich das Training der Fußballkinder dem Ende zu. Die rund 30 Eltern am Spielfeldrand drängeln sich nach einsetzendem Regen mittlerweile unter dem Vordach des schmucken Vereinsheims. Sie sind frustriert und sehen nun sogar den kompletten Spielbetrieb des Vereins in Gefahr, wie Fabian Sündermann erklärt: "Wir sind hier eigentlich eine verschworene Gemeinschaft. Aber die reinen Fakten sprechen eigentlich dafür, dass viele Eltern mit dem Gedanken spielen, ihre Kinder nun gleich im benachbarten Höxter in NRW in einem Verein unterzubringen."
Achim Helm ist ähnlich bedient und vor auch erschöpft vom Umgang mit den Verbandsverantwortlichen. "Wir waren immer loyal zum Verband und bekommen nun in einem aus gesundem Menschenverstand betrachteten eindeutigen Fall eine eiskalte Absage. Da frage ich mich schon, was es wirklich auf sich hat mit dem sogenannten DFB-Masterplan, mit dem der Amateurfußball gestärkt werden soll. So funktioniert das ganz sicher nicht."
Eine entsprechende Anfrage des WDR an den DFB wurde freundlich so beantwortet: Man möge sich in diesem Fall bitte an den zuständigen Niedersächsischen Landesverband wenden.
Unsere Quellen:
- Vor-Ort-Besuch des Autoren bei der SG Sollingtor
- Mailwechsel mit Niedersächsischem Fußballverband NFV
- Mailwechsel mit Andreas Wiese
- Mailwechsel mit der DFB-Pressestelle
Sendung: WDR.de, Die SG Sollingtor darf nicht wechseln, 25.05.2026, 09:00 Uhr