Frauenfußball EM: Immer mehr Mädchen spielen Fußball
Aktuelle Stunde . 04.07.2025. 23:09 Min.. UT. Verfügbar bis 04.07.2027. WDR. Von Birgit Grigo.
Ein letztes Mal die Stutzen prüfen, das Trikot zurechtruckeln, noch einmal auf der Stelle sprinten – Anpfiff!
Gestern Abend fand das erste Spiel der deutschen Frauen-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in der Schweiz statt. Die DFB-Elf spielte gegen Polen und siegte 2:0.
Kathrin Hendrich wurde selber von TV-Spielen motiviert, Fußballerin zu werden.
Dabei sind bei der EM in der Schweiz Heldinnen und Vorbilder wie Giulia Gwinn (ist nach dem ersten Spiel leider verletzt), Jule Brand oder Klara Brühl - sie alle sind inzwischen nicht nur Sportlerinnen, sondern auch Stars. Bei ihnen ist irgendwann das Fußball-Feuer entfacht worden. Kathy Hendrich ist Abwehrspielerin.
Vor allem haben mich Spiele im Fernsehen motiviert. Ich habe gesagt: Ich will auch mal in vollen Stadien spielen und Leute begeistern. Nationalspielerin Kathy Hendrich
Inzwischen ist sie selbst Teil der Mannschaft, die dafür sorgt, dass die Begeisterung rüberschwappt - aus der Nationalmannschaft bis auf die Fußballplätze in Deutschland ins Jugendtraining.
Die Zahlen steigen - im Verein und im Stadion
Alleine im letzten Jahr, in der Saison 2024/2025, haben sich sieben Prozent mehr Mädchen unter 16 Jahren für Fußball interessiert. 119.000 haben organisiert in Vereinen gespielt. In der vorherigen Saison waren es noch 100.000. Noch zwei Jahre zuvor waren es lediglich 87.000. Und auch die Zahl der Schiedsrichterinnen ist gestiegen.
Wie sehr der Frauenfußball in Deutschland boomt, zeigt sich auch an der Nachfrage nach Eintrittskarten. Das DFB-Pokalfinale der Frauen im Kölner Rhein-Energie-Stadion beispielsweise war dieses Jahr zum zweiten Mal nacheinander ausverkauft.
Social Media macht die Sportlerinnen bekannter
Alleine die deutsche Kapitänin Giulia Gwinn hat bei Instagram knapp 650.000 Follower, Mittelfeldspielerin Jule Brand kommt auf 410.000 – sie geben sich authentisch, offen und begeistern für ihren Sport. Durch die sozialen Medien sehen Mädchen, wie das Leben als Fußballerin sein kann. Die Emotionen, die Spannung, die Faszination – alles landet direkt und ständig auf dem eigenen Smartphone.
Wir hoffen natürlich, dass wir da - wenn wir ein erfolgreiches Turnier spielen - Vorbilder für junge Mädchen sein können. Und je mehr Fußball spielen, desto größer die Konkurrenz und die Bandbreite und umso attraktiver auf lange Sicht der Sport. Nationalspielerin Kathy Hendrich
Und auch in den klassischen Medien nimmt der Frauenfußball eine immer größere Rolle ein. Für die Spiele der Frauen-EM haben sich ARD und ZDF die Rechte an allen Spielen gesichert und übertragen die 31 Begegnungen frei im TV und im Livestream. Diese Popularität war ewig undenkbar.
Auswirkungen auch in NRW
Dass immer mehr Mädchen Fußball spielen, zeigt sich auch in NRW. Der Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen lag im letzten Jahr mit rund 11 Prozent mehr Mädchen-Mannschaften sogar über dem Bundesdurchschnitt. Der Grund für diesen Zulauf sieht Alexandra Schönmeier, Vorsitzende der Kommission Mädchenfußball vom Fußballverband Niederrhein, tatsächlich bei der zunehmenden medialen Aufmerksamkeit - aber auch an der "hervorragenden Arbeit der Vereine".
Um den Frauenfußball und den Männerfußball gleich zu behandeln, seien noch ein paar Schritte nötig. Viele Vereine verfügten nicht über getrennte Kabinen. Bei einem solchen Zulauf seien auch Trainingsplätze und Trainingsangebote nicht ausreichend vorhanden. Dennoch hat Alexandra Schönmeier Hoffnung, dass sich die Situation bald bessert.
Mit dem Mädchen und Frauenfußball rennt man überall offene Türen ein. Alexandra Schönmeier, Vorsitzende der Kommission Mädchenfußball vom Fußballverband Niederrhein
Kulturelles Fußballerbe?
Der Frauenfußball hatte jahrelang einen schweren Stand in Deutschland. 1955 verbat der DFB den Frauenfußball in Deutschland sogar als "unweiblich" und nicht "fraugemäß". Die Einstellung verankerte sich über Jahre und reicht bis an die Karrieren der Spielerinnen in der Nationalmannschaft heran.
Nationalspielerin Giulia Gwinn musste sich ihren Weg in den Fußball erkämpfen.
Abwehrspielerin Giulia Gwinn schreibt beispielsweise in ihrem Buch "Write your own story – Mein Weg vom Bolzplatz in die Weltspitze", wie selbst ihre eigene Mutter dagegen war, dass ihre Tochter mit den Jungs Fußball spielt. Sie setzte sich gegen diese Einstellung durch. Inzwischen ist sie Kapitänin der Nationalmannschaft.
Trendwende beim Frauenfußball
Auch in den Chef(:innen)-Etagen der großen Fußballverbände wird der Frauenfußball inzwischen anders betrachtet. Die UEFA schreibt auf ihrer Webseite: "Der Frauenfußball ist in den letzten Jahren enorm gewachsen und blickt mittlerweile auf mehr Spielerinnen, höhere Standards und größere Wettbewerbe als je zuvor."
Gleichzeitig wurde im letzten Jahr eine neue Strategie vorgestellt, die unter dem Namen "Unstoppable" den Frauenfußball bis 2030 auf eine noch höhere Ebene hieven soll.
Dann steht der Erfolgswelle des Mädchen- und Frauenfußballs in den nächsten Jahren nichts weiter entgegen. Oder doch?
Zwischen Boom, Vorurteilen und neuen Vorbildern
Auch wenn der Mädchenfußball boomt: Spätestens wenn die Pubertät kommt, scheinen viele ihre Motivation zu verlieren. Die WHO stellte 2022 fest: 85 Prozent der weiblichen Jugendlichen bewegen sich zu wenig.
Spielerin Sjoeke Nüsken kommt aus Hamm und spielt für die Deutsche Nationalmannschaft.
Muskulöse Körper gelten in vielen sozialen Kontexten als unweiblich oder "zu viel". Aber auch da gilt es wieder: Vorbilder müssen her, wie zum Beispiel die Nationalspielerin Sjoeke Nüsken. Sie kommt aus Hamm, spielt inzwischen aber beim FC Chelsea.
Wir fühlen uns sehr verantwortlich dafür. Wir wollen einen attraktiven Fußball spielen und wir wollen dadurch immer mehr Mädels zum Fußball bringen. Nationalspielerin Sjoeke Nüsken
Am Freitag hat die Frauenfußball-EM für die deutsche Nationalmannschaft begonnen.
Unsere Quellen:
- Interviews Kathy Hendrich, Sjoeke Nüsken
- Giulia Gwinn "Write your own story – Mein Weg vom Bolzplatz in die Weltspitze"
- UEFA
- DFB
- Bundeszentrale für politische Bildung