Wie gehen Menschen mit Tieren um? Welchen Wert hat das Leben eines Tieres, und welchen Unterschied macht es dafür, ob es sich um ein Nutztier handelt oder um ein Haustier? Diese Fragen bewegen viele Menschen, und sie haben auch eine religiöse Dimension. Denn es macht einen Unterschied, ob Menschen sich als Herrscher über Natur und Tierwelt verstehen, von Gott dazu eingesetzt. Oder ob sie sich als Teil einer vom Göttlichen durchdrungenen Schöpfung verstehen, als wichtiger, aber nicht als bestimmender Teil.
Ihr Lieblingstier im Koran: die Ameise
Die Frage nach dem Umgang mit Tieren stand für Asmaa El Maaroufi am Ausgang ihrer Beschäftigung mit islamischer Philosophie und Ethik. Auch im Koran spielen Tiere eine wichtige Rolle. Tiere wie Ameise oder Wiedehopf vermitteln Erkenntnisse über Gott, sie können Menschen auch beraten. Gleichzeitig spricht der Koran darüber, welche Tiere die Menschen wie schlachten und verzehren dürfen. Asmaa El Maaroufi denkt auch über ethische Richtlinien für den Umgang mit Tieren heute nach. Dabei ist es wichtig, sagt sie, dass der Koran für Menschen offenbart wurde, die in einer völlig anderen Zeit und Gesellschaft lebten. Der Umgang mit Massentierhaltung erfordert deshalb ein aktualisiertes Nachdenken über heilige Schriften .
Die Natur als Zeichen Gottes
Naturbezogene Spiritualität ist nichts, das nur einer Religion gehört. Zeichen des Göttlichen in der Natur finden viele Traditionen. Beispiele dafür reichen vom katholischen Fronleichnamsfest bis zu mystisch-islamischen Betrachtungen, die die Nähe zu Gott beim Streicheln einer Katze finden. Eine Theologie, die den aktuellen Herausforderungen für Natur und Schöpfung gerecht wird, kann deshalb nur interreligiös sein, sagt die islamische Theologin Asmaa El Maaroufi.
Zur Person:
Asmaa El Maaroufi wurde 1989 geboren und wuchs im hessischen Darmstadt auf. Sie studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie fürs Lehramt an Gymnasien und legte das 1. Staatsexamen ab. Parallel studierte sie ab 2010 Islamische Studien an der Universität Frankfurt. Mit dem Promotionsstudium kam Asmaa El Maaroufi 2014 zur Universität Münster, der sie seitdem verbunden ist. Ihre Promotion "Ethik des Mitseins“ fragt nach Grundlinien der islamischen Tierethik. Asmaa El Maaroufi war wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Islamische Theologie und ist dort seit 2022 Juniorprofessorin für Islamische Philosophie mit dem Schwerpunkt Islamische Ethik. Daneben ist sie in zahlreichen Arbeitskreisen und Projekten engagiert, die sich mit dem Zusammenhang von Religion und Nachhaltigkeit beschäftigen.
Literatur:
Asmaa El Maaroufi: Ethik des Mitseins – Grundlinien einer islamisch-theologischen Tierethik, Verlag Karl Alber 2021, 240 S., 49 Euro.
Dina El Omari / Asmaa El Maaroufi / Katajun Amirpur (Hgg.): Eine Frage des Geschlechts? Islamisch-theologische Perspektiven für eine gendergerechte Theologie der Gegenwart, Ergon Verlag 2023, 393 S., 89,00 Euro.
Ein Beitrag in: Bibel und Kirche Bd. 71: Der andere Blick auf Tiere - Die biblische Tierwelt als Spiegel des Menschen; Rein und unrein - Tierordnungen in der Tora; Das Mensch-Tier-Verhältnis im Koran, Katholisches Bibelwerk 2016, 63 S., 7,90 Euro.
Moderation: Kirsten Dietrich
Redaktion: Christina-Maria Purkert