Peter Gabriel: Ein ganz eigener Kopf

Von Ingo Neumayer

Musik für die Massen oder Avantgarde für die Kenner? Am liebsten beides – diese Devise gilt bei Peter Gabriel, seit er Ende der 60er Genesis mitbegründete. 1975 gab er seinen Ausstieg aus der Band bekannt und startete eine beeindruckende Solokarriere. Mit seiner Single "Sledgehammer" landete er 1986 einen weltweiten Hit.

Peter Gabriel 1977

Doch Gabriel kann nicht lange von der Musik lassen und startet eine Solokarriere. Gleich seine erste Single, "Solsbury Hill", wird ein großer Erfolg. Sein Faible für ungewöhnliche Inszenierungen behält er bei.

Noch zu Schulzeiten gründet Gabriel 1967 im britischen Surrey mit ein paar Klassenkameraden eine Band. Die hat anfangs noch keinen Namen, verschreibt sich aber dem neu aufkommenden Progressive Rock. Als der Musikproduzent Jonathan King die Charterhouse School besucht, stecken Gabriel & Co. ihm ein Demotape zu. King ist begeistert und nimmt sie unter Vertrag.

Lange Songs, komplizierte Strukturen, Einflüsse aus Jazz, Klassik und Avantgarde, gespielt von fünf talentierten Musikern, die voll in ihrem Sound aufgehen und sich Tag und Nacht mit nichts anderem als ihrer Musik beschäftigen: Genesis werden Anfang der 70er zur Speerspitze des Progressive Rocks.

1970 sucht die Band per Anzeige einen neuen Schlagzeuger: Es meldet sich ein gewisser Phil Collins, der zum Vorspiel im Haus von Peter Gabriels Eltern antanzt. Er überzeugt die Band und wird engagiert.

Doch noch ist es Sänger Gabriel, auf den sich die meisten Augen richten. Der ist für die poetischen, oft surrealen Texte verantwortlich und entwirft immer wieder neue Alter Egos für seine Auftritte: Geschminkt, mit Masken und extravaganten Kostümen unterstreicht er das phantastische Element der Band und macht Genesis-Konzerte zu spannenden Happenings.

1975 dann der große Krach: Gabriel (l.) verlässt Genesis. Ihn stresst sein Status als "Rockstar", die vielen Touren weit weg von seiner Frau und seiner neugeborenen Tochter zermürben ihn. Außerdem reizt ihn ein Angebot des Regisseurs William Friedkin für ein Filmprojekt. Seinen Job am Genesis-Mikrofon übernimmt Phil Collins (2.v.l.).

Doch Gabriel kann nicht lange von der Musik lassen und startet eine Solokarriere. Gleich seine erste Single, "Solsbury Hill", wird ein großer Erfolg. Sein Faible für ungewöhnliche Inszenierungen behält er bei.

Vier Soloalben veröffentlicht Gabriel zwischen 1977 und 1982, die das ganze Spektrum seiner Kreativität zeigen: Mal poppig, mal sperrig, mal düster und avantgardistisch, mal eingängig und bunt. Und immer wieder auch politisch: So veröffentlicht er 1980 den Song "Biko", der sich mit dem Tod des südafrikanischen Bürgerrechtlers Steve Biko beschäftigt.

Zu Deutschland hat Gabriel eine besondere Beziehung – nicht nur wegen seines legendären Rockpalast-Auftritts im September 1978. Sowohl sein drittes als auch sein viertes Album erscheinen in einer deutschen Version, für die er nicht nur die Texte einsingt, sondern auch die Instrumente neu einspielen lässt. So viel Aufwand goutieren die deutschen Fans natürlich.

Gabriels Verhältnis zu den Ex-Kollegen von Genesis ist übrigens erstaunlich gut. Collins & Co. helfen ihm immer wieder bei seinen Solo-Aufnahmen – und einmal sogar richtig aus der Patsche: Als das von ihm initiierte WOMAD-Festival floppt, steht Gabriel vor einem Riesenberg Schulden. Die Lösung: eine einmalige Genesis-Reunion im Herbst 1982.

Gabriel kann weitermachen – und wie: Das 1986 veröffentlichte Album "So" wird ein weltweiter Hit und macht ihn zu einem der Superstars der 80er Jahre. Er zeigt sich neuen Techniken und Medien aufgeschlossen und dreht mit "Sledgehammer" ein bahnbrechendes Video, das im Musikfernsehen rauf und runter läuft. Der Song landet auf Platz eins der US-Billboard-Charts.

Der Erfolg von "So" sorgt dafür, dass Gabriel seine künstlerischen Visionen konsequent und unabhängig ausleben kann. Denn statt schnell ein Album mit Pop-Hits nachzulegen, macht er erst einmal einen sperrigen, düsteren Soundtrack für Martin Scorseses Film "Die letzte Versuchung Christi".

Leichtere Kost gibt es dann 1992 auf dem "So"-Nachfolgealbum "Us", das Gabriel mit einer triumphalen Welttournee namens "Secret World" begleitet. Dieses Konzept zwischen Masse und Avantgarde, zwischen Kunst und Kommerz, behält Gabriel für den weiteren Verlauf seiner Karriere bei.

Auch wenn die Zeit der Nummer-eins-Hits vorbei ist: Die Konzerte von Peter Gabriel sind immer noch ein Ereignis und entsprechend gut besucht. Da gehen dann nicht nur Tatort-Kommissare wie Axel Prahl hin ...

Auch wenn immer wieder Gerüchte aufkommen: Eine Genesis-Reunion ist wohl eher unwahrscheinlich. Das vorerst letzte Mal gemeinsam sieht man die Herren 2014, als sie die Genesis-Dokumentation "Sum Of The Parts" präsentieren.

Im Sommer 2016 geht er mit Sting auf eine kurze Nordamerika-Tournee, bei der die beiden ihre größten Hits spielen. Danach wird es still um Peter Gabriel. Doch 2023 meldet er sich noch einmal zurück: mit seinem 10. Solo-Studioalbum "i/o" – und über 40 Konzerten in den USA und Europa.

Das Besondere an "i/o": Der Album-Release streckt sich über ein ganzes Jahr, von Vollmond zu Vollmond werden neue Songs veröffentlicht. Dieses Konzept behält Peter Gabriel auch bei seinem Nachfolgealbum "o\i" bei, das seit Januar 2026 schrittweise erscheint.

Stand: 21.04.2026, 00:00 Uhr