EU kippt Verbrenner-Aus: Hilft das der deutschen Industrie?

Aktuelle Stunde 16.12.2025 43:19 Min. Verfügbar bis 16.12.2027 WDR Von Jan Hofer

Automobilexperte: Abkehr vom Verbrenner-Aus "ein großer Irrweg"

Stand:

Die EU-Kommission hat am Dienstag ihre Pläne zur Abkehr vom Verbrenner-Aus vorgeschlagen. Automobilexperte Stefan Bratzel erklärt im Interview, warum er diese Abkehr als einen Fehler für die Autobranche betrachtet.

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Mit ihrer Reform des sogenannten Verbrenner-Aus will die EU-Kommission den Weg dafür freimachen, dass auch nach 2035 Neuwagen mit bestimmten Verbrenner-Technologien zugelassen werden können. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) äußerte sich bereits positiv über den angekündigten Kurswechsel.

Kritik an der Reform kommt nicht nur von Klimaschützern. Das schade auch der Branche, sagt Stefan Bratzel, Gründer und Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach. Denn die Autobauer sollten sich endlich mit voller Kraft auf die Elektromobilität konzentrieren, sagt er im WDR-Interview.

WDR: Was erwarten Sie: In welche Richtung wird sich die automobile Technologie entwickeln?

Stefan Bratzel: Es wird schon eine große Veränderung sein in den nächsten Jahren. Wir werden Richtung Elektrifizierung gehen. Der Rest wird eine abnehmende Kurve sein - von Verbrennern, aber auch sogenannten Plug-in-Hybriden oder Range-Extender-Modellen. Das heißt, die Hauptstraße, wie es selbst der Bundeskanzler gesagt hat, ist die Elektromobilität. Das wird sich längerfristig durchsetzen.

WDR: Was soll dann diese Zwischenlösung, die die EU-Kommission jetzt anstrebt?

Bratzel: Das ist tatsächlich die große Problematik. Wir haben ohnehin eine große Verunsicherung auf der Verbraucherseite, die dazu führt, dass man am Ende bei dem bleibt, was man kennt und nicht das Thema Elektromobilität noch stärker in Erwägung zieht.

Der Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule für Wirtschaft, Stefan Bratzel

Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management

Aber ich denke, die Autoindustrie, gerade die Automobilhersteller, scheuen auch mögliche Strafzahlungen. Das ist ja mit einer Aufweichung der CO2-Ziele auch verbunden, dass dann eben weniger oder keine Strafzahlungen anstehen, wenn man das Ziel nicht erreicht.

WDR: Wollen die Ingenieure in der deutschen Automobilindustrie denn unbedingt weiter Verbrenner bauen?

Bratzel: Es ist eben so, dass die große Kompetenz in der gesamten Autoindustrie, gerade auch in Deutschland, sehr stark auf Benzin- und Dieseltechnologie aufbaute. Da haben wir starke Ingenieure, da haben wir sehr viel Kompetenz bei Herstellern und Zulieferern. Und das gibt man ungern auf. Denn es ist schon klar: Mit der Elektromobilität treten wir in einen neuen technologischen Pfad ein.

Verbrenner-Aus kippen könnte "ein großer Irrweg" sein

WDR 5 Morgenecho - Interview 16.12.2025 06:30 Min. Verfügbar bis 16.12.2026 WDR 5

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WDR: Aber was wollen die Autohersteller mit einer Technik, die möglicherweise gar keine Märkte mehr hat? Wohin will denn Deutschland dann noch Verbrenner verkaufen?

Bratzel: Das ist die große Frage. Man will sich vielleicht ein bisschen Luft verschaffen. Aber das ist aus meiner Sicht möglicherweise ein großer Irrweg. Wir können natürlich - ähnlich wie wir eben auch noch ein paar hocheffiziente Faxgeräte verkaufen können - hocheffiziente Verbrenner verkaufen.

Nur: Die technologische Spitze erreichen wir dadurch nicht. Wir müssen uns mit dieser neuen Technologie und den Möglichkeiten, den Chancen, beschäftigen. Und das ist die große Gefahr, dass man mit dieser vermeintlichen Aufweichung jetzt glaubt, Zeit gewonnen zu haben. Ich glaube, man verliert eher Zeit, wenn man sich nicht fokussiert auf die neue Technologie.

WDR: Die Präsidentin des Verbands der Deutschen Automobilindustrie, Hildegard Müller, sagte mir in einem Interview vor einem Autogipfel im Oktober: Die Autoindustrie sei bereit für die Elektromobilität, investiere gigantische Summen, allerdings würden die Rahmenbedingungen durch die Politik nicht stimmen, zum Beispiel gebe es zu wenige Elektrotankstellen und der Verbraucher wisse immer noch nicht, was jetzt eigentlich die Zukunftstechnologie nach politischem Willen sein soll. 

Bratzel: Das ist leider nur ein Teil der Story. Der ist auch durchaus richtig. Natürlich muss man auch staatlicherseits die Rahmenbedingungen setzen. Man hätte noch zusätzlich das Thema Rohstoffversorgung im Bereich der Batteriezell-Technologie nennen können.

Das ist alles richtig. Nur: Man darf die Automobilindustrie hier nicht rausnehmen. Die Automobilindustrie hat nicht wahrhaben wollen, dass die Elektromobilität so schnell kommt, insbesondere in China, und hat sich eben auch nicht in der Intensität darauf eingestellt.

WDR: Worauf sich die Automobilindustrie aber auch nicht einstellen konnte, war, dass China nicht fair spielt. Das ist eine Subventionspolitik, da kann ein europäischer Markt nicht mithalten. Die chinesischen Autos haben keine reellen Preise.

Bratzel: Das ist schon richtig, aber das ist mir zu einfach. Die chinesischen Autos sind eben auch sehr technologiestarke. Wenn sie dort einsteigen, dann bekam der ein oder andere auch schon einen Schock, wie stark die Software ist, wie hoch verarbeitet diese Fahrzeuge mittlerweile sind. Im Moment gehen die Automobilhersteller nach China, um diesen China-Speed und die Erfolgsfaktoren des China-Speed kennenzulernen. Das ist eben auch Teil der Story.

WDR: Wenn das Verbrenner-Aus in der EU nun tatsächlich abgeschwächt wird, was denken Sie, wie wird das in die Geschichte eingehen? 

Bratzel: Ich glaube, man wird möglicherweise am Ende sagen: Da haben wir einen großen Zug verpasst. Wir hätten uns frühzeitig auf den richtigen technologischen Pfad begeben müssen und den mit aller Kraft und Macht verfolgen müssen.

Das Gespräch führte Uwe Schulz für das "Morgenecho". Für die Online-Fassung haben wir es leicht verändert.

Sendung: WDR 5, Morgenecho, 16.12.2025, 7:35 Uhr.

Kommentare zum Thema

25 Kommentare

  • 25 Subjektive Meinungen 18.12.2025, 11:07 Uhr

    Jeder, der dem E-Auto zugetan ist, oder gar schon eines hat, wird den Verbrenner stets als Irrweg bezeichnen. Argumente lassen sich genug finden. Andersrum ist es exakt genauso: auch hier gibt es fest gesetzte Meinungen und genügend Argumente. Es ist Zeit, diese fruchtlosen Diskussionen ruhen zu lassen, beides parallel zuzulassen und den Markt und die fortschreitende Zeit das regeln zu lassen. Die Elektromobilität wird sich durchsetzen. Wenn die Technik so weit ist, wenn die Infrastruktur so weit ist, und wenn der Kunde so weit ist. Und das ist einfach noch nicht der Fall zum jetzigen Zeitpunkt und kann auch nicht per EU Gesetz erzwungen werden.

  • 24 Rainer Kluge 17.12.2025, 18:10 Uhr

    Auch Experten lagen schon recht oft vollkommen daneben ...

  • 23 Geldar 17.12.2025, 15:54 Uhr

    Herr Merz sagt: Wirtschaft vor Umwelt und die von rechtsextremen geförderte EVP mit Herrn Weber auf europäischer Ebene setzt das nur willfährig fort was Herr Trump angeordnet hat. Leute die uns vorgaukeln sie können eine Technologie retten, die mehr als nur konstruierte Nationalinteressen befriedigen muss, um Arbeitsplätze oder eher um kurzfristig ihre Macht zu erhalten. Es ist immer der Bürger, der versteht, dass er zum Hausbau kein Sondervermögen sondern Schulden hat und der Bürger, der seine Anschaffungen entsprechend seiner Haushaltslage planen muss. Die Politik und Industrie darf fett und faul sein, weil die Zeche zahlt ohnehin der Steuerzahler. In 10 Jahren, wer weiß schon ob dann noch jemand einen neuen Verbrenner will, die deutsche und europäische Industrie hat es verschlafen und darf bissl weiter rumdümpeln, per Anhalter. Und Herr Merz weiß genau, die Wirtschaft braucht die Umwelt und nicht umgekehrt, denn die Welt dreht sich auch weiter ohne uns.

  • 22 Lepus 17.12.2025, 12:32 Uhr

    "Das Internet wird sich nicht durchsetzen" "Das Automobil wird sich nicht durchsetzen" Faszinierend, wie sehr der Mensch (hier viele Leser) beharrlich Veränderungen abwehrt oder gar negiert, die nur mit größten Anstrengungen noch aufgefangen werden könnten. Es gibt Klimawandel. Wir können ihn nur noch abmildern. Es sollten keine fossilen Energien mehr erzeugt werden, am besten schon gestern. Nicht wir werden darunter leiden, sondern die Folgegenerationen. Man könnte auch sagen: unsere Untätigkeit heute und die aktive Öl- und Kohleverbrennung sind aktive Angriffe auf die folgende Generation. Das ist durchaus keine Panikmache, das ist nur eine Beschreibung des Ist-Zustands. Im gegenwärtigen Tempo der notwendigen Veränderungen wird sich nichts relevant ändern.

  • 21 Gerald 17.12.2025, 12:32 Uhr

    Das mit der elektrik- Autos ist vollkommender Blödsinn schaut mal,ihr schlauen Leute in die Autogeschichtsbücher- in den 1920er Jahren hat man schon mal versucht,e- karren auf den Markt zu bringen, jömmerlich gescheitert,so wird es auch wieder geschehen,kann ich nur begrüßen- ich werde nach wie vor ein Verbrennerfahrzeug fahren,wenn nicht anders möglich,auch ein Hybridfahrzeug- die verbrenner kriegt ihr nicht tot- versprochen, und denkt nicht an das ????? Klima,- blödsinn, sondern an die Menschen,ARBEITSPLÄTZE!! sind das allerwichtigste,da hängen Famikien dran, auch wahrscheinlich Familiemitglieder/ Freunde/ Bekannte von euch- Anmerkung: verabschiedet euch endlich von den E- Karren,!!Noch etwas: wo bitte soll der ganze Strom herkommen? Wir brauchen den Strom für wichtige sachen: Industrie/ Haushalte/ ÖVP-Handwerk ect. Und nicht die ganze Natur verschandeln- Windmühlen ect.. P U N K T !!

  • 20 Sandra Nettersmann 17.12.2025, 11:13 Uhr

    Super, war ja auch alles zu einseitig populistisch gedacht ! Batterieherstellung, Reichweite , Sicherheit, Fahrzeugnutzung, Wintertauglichkeit, Haltbarkeit, sowie Restwert, Preis, alles wurde weggelassen, - Der Kunde ist König ! Was Sogenannte Experten (Lobbyisten ) sagen ist mir gleichgültig !- Parteien die „ uns“ etwas aufzwingen wollen werde ich nicht wählen !

  • 19 Willi Becker 17.12.2025, 10:19 Uhr

    Noch ein kurzer Nachtrag: China hat in diesem Jahr in Genf viele hybride Fahrzeuge vorgestellt!!!

  • 18 Willi Becker 17.12.2025, 10:17 Uhr

    Endlich kommt die Abkehr vom Verbrenner-Aus – das war überfällig. Man kann eben keine theoretischen Entscheidungen gegen den Verbraucher treffen, denn der will offensichtlich nach wie vor Verbrenner fahren, auch weil diese bezahlbar sind. Denn viele junge Menschen können sich schlicht und ergreifend die Elektromobilität nicht leisten, selbst wenn ein E-Auto (5türig mit entsprechendem Platzangebot) für eine Familie mit 1 bis 2 Kinder z.B. „nur“ 30.000€ kosten sollte. Schon das bezahlen einer Mietwohnung ist oft schwierig genug, dann noch der Luxus eines E-Fahrzeuges? Gerade auf dem Lande, wo ja die meisten wohnen. Und da berichte ich aus eigener Erfahrung. So ist eben die Realität, da nützt das ganze Wunschdenken einiger, weniger nichts – auch nicht die Lobbyarbeit verschiedener Medien!

  • 17 Mich@ 17.12.2025, 10:10 Uhr

    Ja ja die deutsche Automobilindustrie hat das Zeitalter der Dampfmaschiene nie überwunden. Jetzt wollen sie sich weiter lächerlich machen mit einer Model Politik die das fremd- schämen in einem auslöst. Erschreckend ist welche Macht Lobbyisten doch haben. Der Kanzler outet sich wieder einmal als Klimakiller. Das Ahrtal lässt grüßen

  • 16 Rumpelstilz 17.12.2025, 09:40 Uhr

    Die räderbetriebenen Batterien können die Hersteller gerne behalten. Zusätzlich sollten alle Befürworter mal bedenken, es wird eines Tages einen extremen Strommangel geben. Weit davon entfernt sind wir nicht mehr. Erst wenn es wirklich langlebige Batterien mit erheblich besserer Speicherkapazität als aktuell gibt, kann man zumindest darüber einmal diskutieren. Leider lassen sich viele Menschen manipulieren und fallen auf die "wunderbare" E-Mobilität herein ohne alles mal konsequent zu durchdenken!

  • 15 Kleingeister 17.12.2025, 09:13 Uhr

    diese politischen Kleingeister sind so was von gestern und sie erkennen nicht, dass wir bereits 5 nach 12 haben. Damit meine ich, dass der Klimawandel bereits Realität ist. die Naturgewalten wie Überflutungen - Waldbrände - zunehmende Erdbebentätigkeiten - lange Hitzeperioden von über 30 Grad und mehr - all dies ist nicht normal. Für Tiere und Menschen sind diese Temperaturen lebensbedrohlich. Und dies im Wetterbericht als schöne Tage zu bezeichnen ist eine Farce. Das Verbrenneraus darf nicht aufgeschoben werden, sonst ist die europäische Automobilindustrie vor dem Aus. Sie hinkt ja heute bereits den Chinesen und weiteren hinterher. Wir brauchen keine Bedenkenträger sondern Visionäre. Unsere Eltern haben nach dem Krieg nicht gefragt, ob es geht, sie haben nach vorn geschaut und gehandelt. Was sagen die Politiker ihren Enkeln, wenn diese sie fragen: warum habt ihr den Klimawandel nicht aufgehalten oder begrenzt als es noch möglich war? Allen voran Söder und die Gaslobbyistin Reiche

    Antworten (1)
    • Rumpelstilz 17.12.2025, 12:17 Uhr

      Glauben Sie wirklich das geographisch kleine Europa rettet die Welt? Selbst wenn sich alle Länder dieser Welt der Klimarettung verschreiben würden, verbleiben unzählige Faktoren die trotzdem alles verändern können, oder wie wollen Sie die tropische Zeit in Europa vor Entstehung des Menschen erklären, oder gar die danach folgende Eiszeit??? Das alles nur Menschengemacht ist gehört in die Fabel bestimmter Besserwisser und Karrieretypen.

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