Neue Förderschulen trotz Inklusion

Westpol 01.03.2026 06:16 Min. UT DGS Verfügbar bis 01.03.2031 WDR

Neue Förderschulen trotz Inklusion: Beschwerde gegen weiteren Ausbau

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Gegen den Neubau von Förderschulen in NRW gibt es Widerstand. Mehrere Verbände finden, dass echte Inklusion damit verhindert wird.

Von Judith Levold und Lena Wensch

Das NRW-Kommunalministerium prüft eine Kommunalaufsichtsbeschwerde gegen den Neubau einer Förderschule. An der Schule im Rhein-Sieg-Kreis sollen einmal bis zu 180 Kinder mit körperlich-motorischem Förderbedarf unterrichtet werden. Aus Sicht der Kommunen im Kreis ist der Bau nötig. Die allgemeine Schulplatzsituation ist angespannt und bestehende Förderschulen in benachbarten Kreisen arbeiten an ihrer Kapazitätsgrenze.

Mehrere Verbände, die sich für die Anliegen von Menschen mit Behinderung einsetzen, sehen in dem Neubau jedoch einen Verstoß gegen das Schulgesetz und haben deshalb die Beschwerde eingelegt. Sie finden, dass damit die gesetzlich verankerte Aufgabe untergraben werde, allen Kindern die Teilnahme am gemeinsamen Unterricht an Regelschulen zu ermöglichen.

LVR sieht Bedarf für neue Förderschulen

Bereits 2009 hat sich Deutschland mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention dazu verpflichtet, den systematischen Aufbau einer inklusiven Schullandschaft mit gemeinsamem Unterricht zu fördern. Nordrhein-Westfalen hat dies Ende 2013 entsprechend im Schulgesetz eingeführt - durchgesetzt von der damaligen grünen Schulministerin Sylvia Löhrmann gemeinsam mit der SPD.

Der Landschaftsverband Rheinland (LVR), der Träger der geplanten Förderschule in Neunkirchen-Seelscheid ist, weist den Vorwurf der Rechtswidrigkeit zurück. Man handele im Einklang mit den gesetzlichen Vorgaben und sei verpflichtet, ausreichend Förderschulplätze bereitzustellen – insbesondere "wenn der individuelle Unterstützungsbedarf von Kindern und Jugendlichen im gemeinsamen Lernen nicht angemessen abgedeckt werden kann und Eltern die Förderschule als Ort der sonderpädagogischen Förderung für ihr Kind wählen", so der LVR.

Verein: Es fehlt an Förderangeboten

In NRW sind es bisher vor allem Grundschulen, die Kinder mit allen Formen von Behinderungen aufnehmen, bei weiterführenden Schulen ist das nach wie vor die Ausnahme. Der Elternverein mittendrin e.V. aus Köln moniert als einer der Beschwerdeführer, dass es beim Gemeinsamen Unterricht quantitativ und qualitativ noch ordentlich "hake" und bei weitem nicht alle Familien mit behinderten Kindern wohnortnah einen Platz mit guter personeller Ausstattung bekommen könnten.

Denn oft fehle es an ausreichenden Förderangeboten, Barrierefreiheit oder der Beförderung zur Schule. "Und ganz, ganz oft ist das Argument von Seiten der Kommunen, dass für sowas eben kein Geld da sei", sagt Eva Thoms von mittendrin e.V.,  "und jetzt beobachten wir, dass aber das Geld genau dieser Kommunen genommen wird, um noch mehr Förderschulen zu bauen".

Wie sinnvoll sind neue Förderschulen trotz Inklusion?

WDR 5 Westblick - aktuell 27.02.2026 05:36 Min. Verfügbar bis 27.02.2027 WDR 5

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30 neue Förderschulen oder Ausbauprojekte in NRW

NRW und seine Kommunen leisten sich aus ihrer Sicht seit Jahren eine kostenintensive Doppelstruktur, mit allgemeinbildenden Schulen einerseits und Förderschulen andererseits. Obwohl es einen Rechtsanspruch auf gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne besonderen Förderbedarf an Regelschulen gibt, wird derzeit die Förderschullandschaft weiter ausgebaut. Eine Abfrage für das WDR-Magazin Westpol zeigt: Knapp 30 neue Förderschulen sind geplant oder sollen erweitert werden – vor allem für die Förderschwerpunkte geistige Entwicklung und körperlich-motorische Entwicklung.

Silvia Gosewinkel, Landtagsabgeordnete der SPD, versteht den Ärger der Verbände und Vereine: "Ich kann absolut nachvollziehen, dass Eltern dagegen protestieren und auch Klage erheben. Wir haben ein Recht auf inklusive Bildung in unserem Bundesland, und dieses Recht könnte seit zehn Jahren umgesetzt werden – zum Beispiel, indem gemeinsames Lernen genauso finanziell ausgestattet wird wie Förderschulen. Momentan ist das aber leider nicht der Fall."

Schulministerium will Wahloption für Eltern

Das NRW-Schulministerium sieht dagegen keine Konkurrenz zwischen den verschiedenen Schulformen. Auf Anfrage teilt das Ministerium mit, man nehme die Debatte um den Ausbau der Förderschullandschaft ernst. Förderschulen stünden aber dem gemeinsamen Lernen nicht grundsätzlich im Wege. Sie ergänzten das Angebot des gemeinsamen Lernens, statt damit zu konkurrieren.

"Entscheidend ist: Kinder haben unterschiedliche Unterstützungsbedarfe und Eltern können sich für die allgemeine Schule oder die Förderschule als Ort der sonderpädagogischen Förderung ihres Kindes entscheiden. Der Landesregierung ist die Wahloption der Eltern ein zentrales Anliegen", heißt es aus dem Schulministerium.

Mutter: Förderschule besser für meinen Sohn

Denn nicht für alle Kinder ist eine inklusive Regelschule der richtige Ort. Christina Tettamanzi ist Mutter eines Jungen mit Autismus und Down-Syndrom. Nachdem Lukas in der Grundschule eine inklusive Regelschule besucht hatte, entschied sie sich bewusst für eine Förderschule. "Ich glaube, dass im gemeinsamen Lernen in vielen Schulen noch die Fachkompetenz fehlt und es einfach viel zu wenig Sonderpädagogen in den Schulen gibt. Die Lehrer sind schon mit den normalen Klassen überfordert und wissen einfach zu wenig über Kinder mit besonderem Förderbedarf", erklärt Christina Tettamanzi.

Lukas in seinem Klassenzimmer

Lucas nach dem Unterricht zu Hause

Obwohl sie in der Grundschule gute Erfahrungen mit gemeinsamem Unterricht gemacht hat, benötigt Lukas aufgrund seines Autismus besonders viel Ruhe und Struktur – etwas, das die Regelschule ihm so nicht bieten konnte. "Wir hatten das Gefühl, er wird dort nur betreut, und das ist nicht, was wir wollen. Natürlich wäre es schön, wenn er weiterhin inklusiv lernen könnte, aber nicht auf Kosten seiner individuellen Förderung."

Mehr als 2500 Stellen unbesetzt

Bei Sonderpädagogen ist der Personalmangel in NRW besonders groß. Im vergangenen Jahr waren mehr als 2500 Stellen unbesetzt, Förderschulen und Regelschulen zusammengerechnet.

Trotz dieses Mangels gibt es auch Beispiele für gelingende Inklusion – etwa an der Gesamtschule Holweide in Köln. Hier hat man sich seit langem von der idealtypischen "homogenen" Lerngruppe verabschiedet, so dass Schülerinnen und Schüler mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam lernen, miteinander und voneinander.

Inklusion gelingt an einigen Schulen

Jan-Niclas in seinem Klassenraum mit seinem Schulbegleiter. Jan-Niclas hält einen gelben Regenschirm hoch. Im Hintergrund sitzen anderen Kinder einem Schultisch.

Jan-Niclas und sein Schulbegleiter

Angelina Jansen hat ihren 12-jährigen Sohn Jan-Niclas, der geistig behindert ist, von einer weit entfernten Förderschule abgemeldet und an der Gesamtschule angemeldet. An seiner alten Schule sei er nie richtig angekommen und habe oft geweint, erzählt sie. Das hat sich seit dem Schulwechsel verändert. "Jetzt ist er einfach ein sehr glücklicher Junge geworden. Und wird im sozialen Umfeld sehr wahrgenommen. Wenn wir einkaufen gehen, heißt es sofort ‚Hallo, Jan-Niclas‘. Er ist sehr aktiv mit dabei, strahlt und hat sein Lachen wieder gefunden", sagt seine Mutter.

Und auch der gemeinsame Unterricht klappt. Während Linn als "teacher oft the day" in der Klasse den Englischunterricht übernimmt, übt Jan-Niclas zum Beispiel das farbliche Zuordnen von Symbolen. Oder auch zuzhören, sich zu konzentrieren, und auf seinem Platz sitzen zu bleiben. Dabei hilft ihm sein Schulbegleiter, der die Entwicklung des Jungen in nur einem halben Jahr "erstaunlich" findet. Und seine Mitschüler? Die sagen, Jan-Niclas "gehört einfach zu uns!"

Unsere Quellen:

  • Kommunalaufsichtsbeschwerde an das NRW-Kommunalministerium
  • Interview mit mittendrin e.V.
  • Landschaftsverband Rheinland (LVR)
  • NRW-Schulministerium
  • betroffene Eltern und Lehrkräfte

Sendung: Westpol, 01.03.2026, 19:30 Uhr

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