Waschbären - niedliche Plagen

Westpol 03.05.2026 05:21 Min. UT DGS Verfügbar bis 03.05.2031 WDR

Ungebetene Gäste Waschbären breiten sich in NRW aus

Stand:

Seit Jahren breitet sich der Waschbär in NRW rasant aus. So niedlich er wirkt, ist er doch eine Gefahr für Mensch und Tier.

Von Maria Koch

Im Garten von Elisabeth und Ralph Sievering treiben Waschbären ihr Unwesen. Sie haben sich an den Jungvögeln aus den Nistkästen zu schaffen gemacht. Auch das Vogelhäuschen haben sie zerstört, zerkratzt und zerbissen. Doch besonders geschockt hat das Ehepaar Sievering aus Wermelskirchen der Angriff auf ihren Hühnerkäfig. "Der hat dieses Huhn bei lebendigem Leib angefressen", berichtet Elisabeth Sievering. Der Niedlichkeits-Bonus für die flauschigen Tiere ist bei den Sieverings schnell verflogen. Waschbären erscheinen harmlos - sind es aber keineswegs.

Waschbären sorgen für Verwüstung und Zerstörung

In Wermelskirchen im Bergischen Land hat sich der Waschbär mittlerweile stark verbreitet. Laut Hegeringsleiter Bjarne Hørup verdoppelt sich die Population hier fast jährlich. Regelmäßig bekommt er Anrufe von Anwohnern mit Waschbär-Problemen.

Die Sieverings haben sich mittlerweile ebenfalls Hilfe von Jägern geholt. Wenige Meter vom Haus der Sieverings entfernt haben sie eine Waschbär-Falle im angrenzenden Waldgebiet angebracht. Seitdem wurden im Zeitraum von eineinhalb Jahren 13 Waschbären dort gefangen.

Die Sieverings wissen, dass sie vergleichsweise glimpflich davon gekommen sind. Andere Hausbesitzer haben weniger Glück: Teilweise dringen die Waschbären über Katzenklappen ins Innere von Häusern ein oder verwüsten Dachstühle. "Da wird zum Teil eine komplette Sanierung vom Dach nötig, weil die ganze Isolierung weg ist", schildert Hørup. "Da können schon zigtausende Euro Schaden entstehen."

Die Population in NRW steigt rasant an

Von der EU als invasive Art gelistet, ist der Waschbär mittlerweile in fast allen Landkreisen in NRW zu finden, vor allem im Osten und Südwesten. Wie viele Waschbären insgesamt in NRW leben, lässt sich nicht genau beziffern. Die Zahl der erlegten Waschbären lässt aber eine Tendenz zu. Im Jagdjahr 2024/2025 wurden etwa 33.000 Waschbären erlegt, zehn Jahre zuvor waren es noch rund 10.000 (inklusive Fallwild). Das ist ein Plus von 233 Prozent.

Deutschlandweit wird die Population auf ein bis zwei Millionen Waschbären geschätzt. Die rasante Verbreitung ist vor allem mit dem reichhaltigen Futterangebot, insbesondere in urbanen Lebensräumen zu erklären. Angelockt wird der Allesfresser von Müll und Essensresten. Hinzukommt, dass er in Mitteleuropa kaum Fressfeinde hat.

Bedrohung für heimische Tierarten

Problematisch an der Verbreitung des Waschbären sind vor allem die Folgen für das heimische Ökosystem. "Die fressen alles, was sie finden können", weiß Jäger Hørup. Als Beutegreifer und Nesträuber stellen sie eine Gefahr z.B. für bedrohte Amphibien und bodenbrütende Vögel dar.

Außerdem sind sie Überträger von Krankheiten. Beispielsweise können Mensch und Tier sich mit Spulwürmern infizieren. Das geschieht über infektiöse Eier, vor allem aus dem Kot des Waschbären. Dadurch sind schwerwiegende Gewebe- und Nervenschädigungen beim Menschen möglich.

Allen Problemen zum Trotz: Von März bis Juli werden Waschbären nicht bejagt – zum Schutz der Muttertiere, die ihre Jungen in dieser Zeit zur Welt bringen und aufziehen. Die Schonzeit für Waschbären stößt teilweise auf Unverständnis. Dietmar Brockes, umweltpolitischer Sprecher der FDP, kritisiert, dass Waschbären nicht ganzjährig bejagt werden dürfen – Nutrias hingegen schon.

"Es ist nicht verständlich, wenn bei der einen Art, bei den Nutrias, die Schonzeit aufgehoben wird und damit eben auch trächtige Weibchen gejagt werden können und auf der anderen Seite dies nicht gemacht wird", sagt Brockes. Er fordert von der Landesregierung eine einheitliche Strategie im Umgang mit invasiven Arten - unter Einbindung eines Expertenrats.

Pilot-Projekt aus Kassel sorgt für Streit

Ob es neben der Jagd noch weitere Methoden geben kann, um die Population zu senken, soll ein europaweites Pilot-Projekt aus Kassel herausfinden. Denn auch Kassel kämpft mit einer großen Waschbärplage. In Zusammenarbeit mit dem Bundesverband für Wildtierhilfe startete die Stadt im August vergangen Jahres das erste Sterilisationsprojekt für Waschbären in Europa.

"Sterilisation ist der bessere Umgang, weil das Tier in dem Revier verbleibt", schildert Vera Heck, Geschäftsführerin des Bundesverbands für Wildtierhilfen. Ein sterilisiertes Tier verteidigt sein Revier – ohne sich weiter fortpflanzen zu können. Wird ein Tier dagegen erlegt, dauert es nicht lange, bis das nächste Tier ins Habitat nachrückt und sich dort vermehrt.

Und dennoch wehrte sich die Jägerschaft im Land Hessen gegen das Projekt und legte bei der Landesregierung Widerspruch ein. Das Projekt wurde - nach nur neun gefangenen Tieren - pausiert. Der Verband kämpft nun dafür, weiterzumachen und betont, dass eine Lösung nur zusammen mit den Jägern möglich sei. Prävention, Sterilisation und Jagd müssten Hand in Hand gehen.

Ob und wie das Projekt weitergehen wird, ist derzeit noch offen. In NRW wurden vergleichbare Ansätze noch gar nicht diskutiert. Doch Jäger Hørup kann der Idee etwas abgewinnen. Für die Jagd aber wünscht er sich mehr politische Unterstützung. Er könne beispielsweise nicht nachvollziehen, warum er Wildschweine wegen der afrikanischen Schweinepest mit Nachtsichtgeräten jagen dürfe, Waschbären hingegen nicht. "Wenn der uns vor die Nase läuft, dann müssen wir den laufen lassen", sagt Hørup. So wie die Regeln im Moment seien, werde das invasive Raubtier Waschbär nicht zurückgedrängt werden können.

Unsere Quellen:

  • Reporter vor Ort
  • Interview mit Dietmar Brockes, FDP
  • Interview mir Vera Heck, Geschäftsführerin Bundesverband der Wildtierhilfen
  • Interview mit Bjarne Hørup, Hegeringsleiter Wermelskirchen
  • Anfrage beim Landesamt für Verbraucherschutz und Ernährung Nordrhein-Westfalen
  • Anfrage beim Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes Nordtrhein-Westfalen
  • Webseite Deutscher Jagdverband (DJV)
  • Webseite Landesjagdverband Nordrhein-Westfalen (LJV-NRW)
  • Webseite NABU

Sendung: Westpol, Waschbären - niedliche Plagen, 03.05.2026, 19:30 Uhr

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