Medikamentenmissbrauch in NRW-Kinderheimen

Medikamentenmissbrauch in NRW-Kinderheimen

Medikamentenmissbrauch: Keine weitere Entschädigung für Heimkinder

Stand:

Eine Studie im Auftrag des Landes NRW belegt: Bis in die 70er Jahre wurden Medikamente an Heimkindern ausprobiert. Mehr Geld für Betroffene soll es aber trotzdem nicht geben.

Thomas Frauendienst kommen die Tränen. Er steht auf seine Krücken gestützt vor der steinernen Pforte des Johanna-Helenen-Hauses in Volmarstein, früher ein Heim für Kinder mit körperlichen Behinderungen. Seine Mutter gab ihn Mitte der 60er Jahre hierher, wegen Missbildungen an seinen Füßen.

"Das ist der Ort, der von meiner Geburt an alles verändert hat", sagt er mit Abscheu in der Stimme, "hier habe ich gelitten und hier wurde ich gequält. Fast bis zum Tod. Niemand hat danach gefragt."

Medikamentenmissbrauch kam flächendeckend vor

Thomas Frauendienst, Betroffener, vor Johanna-Helenen-Haus in Volmarstein

Thomas Frauendienst vor Johanna-Helenen-Haus in Volmarstein

Thomas Frauendienst, 61 Jahre alt, ist einer von zehntausenden Menschen in NRW, die ihre Kindheit in einem Heim oder einer Psychiatrie verbracht haben - und viel Leid erfahren mussten. Er wurde geschlagen und vergewaltigt. Solche Gewalt ließ die Evangelische Stiftung Volmarstein vor fast 15 Jahren bereits von Historikern untersuchen.

An Thomas Frauendienst wurden aber auch Medikamente und Operationsmethoden ausprobiert: "Ich bekam pausenlos irgendwelche roten Säfte und Spritzen, und war dann teilweise tagelang gar nicht mehr bei mir."

Das ganze Ausmaß solcher missbräuchlichen Verabreichungen und Tests hat eine Studie im Auftrag des NRW-Gesundheitsministeriums untersucht. Mehr als zwei Jahre lang haben Forscherinnen und Forscher Archive früherer Kinderheime und -psychiatrien durchforstet. Ihr Ergebnis: Der Medikamentenmissbrauch war bis in die 1970er Jahre hinein flächendeckend. Bis zu 25 Prozent aller Kinder in solchen Einrichtungen waren davon betroffen.

Der (staatliche) Medikamentenmissbrauch an Heimkindern

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Viele von ihnen haben gehofft, dass die Ergebnisse der Studie ihnen auch helfen, ihre Forderung durchzusetzen: Eine dauerhafte finanzielle Entschädigung in Form einer monatlichen Rente, etwa wie in Österreich. Dort bekommen Betroffene 420 Euro im Monat.

"Das ist kein Luxus für die Betroffenen"

"Das würde mir enorm helfen und es wäre eine Würdigung dessen, was ich durchgemacht habe", sagt auch Thomas Frauendienst. Er ist bis heute gezeichnet von den medizinischen Experimenten an ihm. Arbeiten als Altenpfleger kann er schon länger nicht mehr und lebt von einer kleinen Berufsunfähigkeitsrente.

Sylvia Wagner, Pharmaziehistorikerin

Sylvia Wagner, Pharmaziehistorikerin

Die Pharmaziehistorikerin Sylvia Wagner, die entscheidend an der Studie mitgearbeitet hat, unterstützt die Forderung der Betroffenen: "Das ist nicht irgendwie Luxus für sie, sondern die meisten leben ja in Armut und sind krank. Das sind alles Folgeerscheinungen des Heimaufenthalts."

Sylvia Wagner konnte in alten Akten den Nachweis finden, dass auch die staatliche Landesimpfanstalt Anfang der 60er Jahre Medikamententests in Auftrag gegeben hatte. Pockenimpfstoff wurde an Heimkindern auf Verunreinigung getestet: "Von daher gibt es eine direkte Verantwortung des Landes NRW. Aber andererseits auch, indem zum Beispiel die Heimaufsicht versagt hat."

"Das kann ich zurzeit nicht finanzieren"

"Ich würde zu den Betroffenen erstmal sagen, dass mir das Leid tut, was damals passiert ist und dass man sich dafür nur entschuldigen kann", reagiert NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann im Interview mit dem WDR-Magazin Westpol. Laumann hatte die Studie selber in Auftrag gegeben und betont, wie viel Mühe sich das Land gegeben habe, dieses historische Unrecht aufzuarbeiten.

Kinder beim Mittagessen

Doch weitere Entschädigungen für betroffene Heimkinder lehnt Laumann ab, zumal eine dauerhafte monatliche Zahlung: "Das kann ich zurzeit nicht finanzieren." Laumann verweist auf zwei Entschädigungsfonds, die vor einigen Jahren schon für Heimkinder eingerichtet wurden und die Geld an Betroffene ausgezahlt haben: "Wir haben uns damals auf diese Summen verständigt, und ich finde, dabei sollte es jetzt auch bleiben."

Bis zu 10.000 Euro haben Betroffene bisher bekommen

Insgesamt stellten Bund, Länder und ein Teil der Träger, etwa die Kirchen, knapp 100 Millionen Euro zur Verfügung. Für jeden einzelnen Betroffenen waren das bis zu 10.000 Euro, die für Behandlungen oder behindertengerechte Möbel ausgegeben werden konnten.

Der Weg zu einer allgemeinen gesetzlichen Opferentschädigung ist den meisten Betroffenen versperrt. Dazu müssten sie bei den Landschaftsverbänden nämlich nachweisen, dass ihre gesundheitlichen Schäden direkt durch die Medikamente verursacht wurden. "Das ist faktisch nicht zu bringen", weiß Forscherin Sylvia Wagner, "man kann zwar sagen 'Die Wahrscheinlichkeit ist so und so viel Prozent', aber man kann es nicht wirklich nachweisen."

Medikament in Akte von Petra Westerteicher

Patientenakte belegt Tests mit nicht zugelassenem Medikament

In einem solchen Fall klagt etwa eine Betroffene aus Düsseldorf gegen den Landschaftsverband Rheinland. Sie kann sogar belegen, dass in einer Kinderpsychiatrie in den 70er Jahren an ihr ein nicht zugelassenes Medikament erprobt wurde. Trotzdem dauert das Verfahren jetzt schon sieben Jahre – ohne Ergebnis.

"Es wäre eine Anerkennung im Sinne der Menschlichkeit"

Thomas Frauendienst ist enttäuscht darüber, dass der NRW-Gesundheitsminister keine weitere Entschädigung ermöglichen will. Anders als die Landesregierung in Schleswig-Holstein. Die hat im November 2025 einen Antrag im Bundesrat eingebracht und für alle früheren Heimkinder in Deutschland eine dauerhafte monatliche Rente von 300 Euro vorgeschlagen.

"Ich möchte an die Politik appellieren, eine Entschädigungsrente einzuführen", sagt Thomas Frauendienst, "das kann nie das Leid wegmachen. Aber es wäre eine Anerkennung im Sinne der Menschlichkeit. Und das wäre nach meiner Ansicht in diesem Land zu machen."

Unsere Quellen:

Sendung: Westpol, 14.12.2025, 19:30 Uhr

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