Hackergefahr: Wie Kommunen sich vor russischer Sabotage schützen sollen
Westpol. 05.10.2025. 28:29 Min.. UT. DGS. Verfügbar bis 05.10.2030. WDR.
Hackerangriffe aus Russland: NRW Verfassungsschutz warnt Städte
Stand:
Der Verfassungsschutz hält es für wahrscheinlich, dass der russische Geheimdienst gezielt Hacker auf NRW-Kommunen ansetzt. Städte sollten deshalb vorsichtshalber die Namen von Mitarbeitenden aus dem Netz nehmen. Doch eine WDR-Umfrage ergibt: Kaum eine Kommune plant, das zu tun.
Experten des NRW-Verfassungsschutzes gehen davon aus, dass russische Geheimdienstmitarbeiter gezielt die Seiten von Kommunen scannen. Das Ziel: Fotos und Namen von Mitarbeitern. Werden sie fündig, suchen sie anschließend entsprechende Social Media Accounts dieser Personen.
Sobald ein städtischer Mitarbeiter dann auf dem Instaprofil in Badehosen oder mit Wanderschuhen zu sehen ist, geht eine möglichst plausible Fake-Nachricht unter falschem Absender an seine daheimgebliebenen Kollegen: "Bin gerade im Urlaub, brauche mal das Passwort fürs Intranet." Funktioniert der Trick, könnte sich Russland so Zugang zu städtischen Netzwerken verschaffen, weitere Daten abgreifen und diese lahmlegen.
Verfassungsschutz-Chef: Bedrohungslage verschärft sich
Kommunen sind deshalb so interessant für Angreifer, weil sie kritische Infrastruktur wie Wasser- und Gasversorgung betreiben. Und gerade jetzt, da Russland die NATO-Staaten mit Drohnen und Flugzeugen austestet, rechnen die Verfassungsschützer auch mit Hackerangriffen: "Wir haben das im Vorfeld des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine gesehen, dass es zu solchen Cyberangriffen gekommen ist", erklärt Jürgen Kayser. Präsident des NRW-Verfassungsschutz.
Bevor es zum konventionelle Angriffskrieg kommt, wird die Infrastruktur lahmgelegt. Das ist das Szenario, auf das wir die Kommunen vorbereiten. Jürgen Kayser, Präsident Verfassungsschutz NRW
Kommunen werden gegen Angriffe geschult
Momentan werden Kommunen in ganz NRW in Schulungen durch den Verfassungsschutz auf die neue Bedrohungslage vorbereitet. Die dringende Empfehlung der Experten: Klarnamen von Mitarbeitern von der Homepage nehmen. Denn so wissen russische Hacker nicht mehr, wen sie ins Visier nehmen können: "Je mehr Informationen eine Kommune über ihre Mitarbeiter im Netz zur Verfügung stellt, umso größer ist die Chance eines Angreifers", so Kayser.
WDR-Umfrage: Große Verunsicherung bei Kommunen
Eine klare Warnung aus dem Verfassungsschutz, aber kommt das bei Städten und Gemeinden an? Das WDR Magazin Westpol hat alle Kommunen in NRW angeschrieben. Wir wollten wissen, werden die Namen der Mitarbeiter jetzt von der Homepage genommen?
Schon diese simple Frage hat zu erstaunlich viel Wirbel geführt. Der Städte- und Gemeindebund hat in einem Rundschreiben an die Kommunen von der Beantwortung abgeraten. Darin heißt es, es könne "der Eindruck entstehen, durch die öffentliche Nennung der Namen von Verwaltungsmitarbeitenden werde (…) fahrlässigerweise ein besonderes Sicherheitsrisiko für Cyberangriff geschaffen."
Dieses Schreiben hat Folgen: Fast keine der 396 Kommunen will sich an der Westpol-Umfrage beteiligen. Von den wenigen, die geantwortet haben, sagen 15, dass sie auch weiterhin Vor- und Nachnamen online stellen. Vier Kommunen gaben an, dass sie aufgrund der Warnung nur noch die Nachnamen der Mitarbeiter verwenden. Und vier Kommunen wollen zukünftig gar keine Namen mehr nennen.
Bürgernähe versus Sicherheit
Doch das Thema hat auch eine Kehrseite: Eine Stadt, die ihre Mitarbeiter vor der digitalen Öffentlichkeit versteckt, wirkt wenig bürgernah. Die Stadt Hattingen hat sich nach langen Diskussionen trotzdem entschieden, den sichereren Weg zu gehen: Die Namen von Mitarbeitenden sollen weitestgehend von der Homepage verschwinden. "Wir werden umschwenken auf Funktionstelefonnummern und Postfächer, also Sozialamt@hattingen.de oder Wohngeld@hattingen.de, mit entsprechenden Telefonnummern", so der Hattinger Kämmerer Frank Mielke.
Eine Entscheidung die beim Verfassungsschutz gut ankommen wird. Nach dem anonymisierten Erstkontakt werden sich die Hattinger Mitarbeiter aber weiter namentlich zu erkennen geben: "Dann halte ich es allerdings für wichtig, dass man weiß, mit welchem Menschen man zu tun hat", so Mielke.
Unsere Quellen:
- Interview mit NRW Verfassungsschutz Präsident Kayser
- Schriftliche Anfrage an alle 396 Kommunen
- Interview mit Hattingens Kämmerer Frank Mielke
- WDR-Informationen