Merz' Migrations-Aussage: Ich fühle mich nicht gemeint, aber getroffen
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Bundeskanzler Friedrich Merz hat diese Woche vielen Menschen in Deutschland mit einer Aussage vor den Kopf gestoßen. Auf die Frage nach der Strategie gegen die AfD stellte Merz fest, dass die Zahlen der neuen Asylanträge stark reduziert worden seien, um dann zu betonen: "Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem" - deswegen sei der Bundesinnenminister dabei, Rückführungen zu ermöglichen.
Ich übersetze das mal: Das "Problem" sind Menschen, die im Stadtbild auffallen. Weil sie irgendwie migrantisch wirken. Oder nicht leise genug sind. Oder einfach da sind. Dieses "Problem" sollte verschwinden.
Die Aussage löst bei mir ein Gefühl von Unwohlsein aus. Deutschsein, die Berechtigung hier zu leben und das Dazugehören, wird an äußeren Merkmalen festgemacht. Ein deutscher Pass hat eher keine Bedeutung. Egal, wie viele Steuern jemand zahlt, wie viele Ehrenämter er inne hat und egal, wie sehr er sich in die Gesellschaft einbringt, sein Deutschsein kann in Frage stehen.
Mein Migrationshintergrund ist nur an meinem Nachnamen abzulesen. Wie viele Wohnungsbesichtigungstermine ich deswegen nicht bekommen habe? Ich weiß es nicht. Aber kein Grund zur Sorge, mein Glück ist, dass ich einen deutschen Pass habe. Mein Glück ist, dass ich hier geboren wurde. Mein Glück ist, dass ich akzentfrei Deutsch spreche und vor allem ist mein Glück, dass ich sehr deutsch aussehe. Ich habe sogar (zugegebenermaßen gefärbte) blonde Haare und falle im Stadtbild demnach nicht als Problem auf. Ich habe auch noch das Glück, dass mein polnischer Migrationshintergrund inzwischen als unbedenklich gilt. Polen sind anerkannte Nachbarn, eine wichtige Stimme in der EU und gefühlt hat jeder Zweite in NRW sowieso eine polnische Großtante! Mein Migrationshintergrund ist Teil der Folklore.
Im besten Fall Putzkräfte, im schechtesten Autodiebe
Zur Wahrheit gehört auch: Das war mal anders. In den 1980er- und 1990er-Jahren, als Polen noch das graue Land hinterm (tatsächlich noch bestehenden oder gerade gefallenem) Eisernen Vorhang war, galten Polinnen und Polen vielfach als arm. Wir waren im besten Fall Putzkräfte, im schlimmsten Autodiebe und irgendwie minderwertig. Im Kindergarten nannte mich ein anderes Kind eine "dreckige Polin", die man in ein Gefängnis werfen und anzünden solle. Ich hatte abermals Glück: Meine gut ausgebildeten Eltern konnten sich wehren. Als meine Albträume überhandnahmen, erzählte ich ihnen davon und sie sorgten schnell dafür, dass die Drohungen aufhörten. Aber die Verachtung, die in dieser Aussage lag, blieb hängen und hat mir früh gezeigt, dass nicht dazugehöre.
Später wurde die Ablehnung subtiler. Kennen Sie den? "Wie heißt die polnische Nationalhymne? Das ist alles nur geklaut". Polenwitze waren in den 90er-Jahren omnipräsent und natürlich habe ich mitgelacht. Ich wollte dazu gehören. Wer zuerst lacht, wird nicht ausgelacht. Dass ich das Gleichsetzen von Polen mit Autodieben als verletzend empfand, konnte ich mir erst als Erwachsene eingestehen.
Mit Merz' Aussage nicht gemeint, aber getroffen
Ich bin mit Merz‘ Aussage nicht gemeint, fühle mich aber getroffen. Denn meine Erinnerungen zeigen, wie viel Ablehnung migrantisch wahrgenommene Menschen in Deutschland erfahren. Wenn Migration vom Bundeskanzler zum Problem im Stadtbild erklärt wird, leistet das der Ablehnung Vorschub und macht sie salonfähig. Wenn selbst ich - blond, akzentfrei, mit deutschem Pass - davor nicht sicher war, wie fühlt sich dann der schwarzhaarige Omar Al-Khatib, wenn er durch die Stadt geht?
