Und am siebten Tage sollet ihr die Autos waschen. Toll! Ich war begeistert und – ehrlich gesagt – belustigt zugleich, als ich diese Woche auf der Pressetribüne im Landtag saß. Eine Debatte, die deutlich überdimensioniert für ihren Inhalt schien und doch Grundsätzliches mit sich brachte. Da wünschte sich die FDP, dass Sonntags – unter bestimmten Auflagen – Waschanlagen öffnen sollen. Ja genau. "Wer am Sonntag zur Erholung ins Kino gehen kann, soll auch sein Auto waschen können", hieß es.
Wow. Der feuchte Traum vom sauberen Unterboden. Bei was genau man Erholung findet, muss jeder selber wissen. Und genau das ist doch der Punkt. Was sollte das? Homöopathisch dosierter Liberalismus? Das ist alles?!
Erlaubet den Konsum
Warum denn nur Autos? Warum nicht meditatives Tomatenwiegen in der Gemüseabteilung meines Supermarktes. Sie glauben gar nicht, wie entspannt ich es fände, ganze zwei Tage dafür am Wochenende Zeit zu haben. Oder fürs Shoppen am Sonntag – die Innenstädte dürfte das freuen. Momentan beglückt das eher niederländische Grenzstädte. Da geht’s. Waren Sie schon einmal Sonntags in Roermond oder Venlo? Deren Wirtschaft freut sich – auch am siebten Tag.
Wir müssen ja nicht das komplette Land am Sonntag hochfahren. Aber öffnet die Läden und erlaubet den Konsum! Wer öffnen und arbeiten will, das Personal, die Ressourcen oder sogar den technischen Fortschritt hat, eine Leistung ganz ohne Mensch anzubieten, soll dies tun. Und mal nebenbei: Wer dann montags mal nicht öffnet, auch fein, aber eben selbstgewählt.
Was ist Erholung - und was nicht?
Ich wünschte mir also, auch außerhalb von Waschanlagen, das volle Premiumprogramm. Ein neu aufpoliertes Sonn- und Feiertagsgesetz. Um dessen Lackpflege kümmern sich die Bundesländer. Und aktuell entscheidet dieses Gesetz in NRW ziemlich deutlich, was ich "zur Erholung" machen kann – und vor allem, was eben nicht! So steht in unserer Landesverfassung (Happy Birthday, by the way) folgender Satz:
"Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage werden als Tage der Gottesverehrung, der seelischen Erhebung, der körperlichen Erholung und der Arbeitsruhe anerkannt und gesetzlich geschützt."
Der Sonntag als "gemeinsame Atempause"?
Wie war das mit der Trennung von Kirche und Staat? Gottesverehrung sei ja jedem gegönnt und dass wir in einem christlich geprägten Land leben, ist mir schon klar, aber warum hat das bitte – wöchentlich – Auswirkungen auf mich. Ist mir ehrlich gesagt ein Hauch zu viel Theokratie… Die CDU sorgte sich derweil in der Debatte um den Verlust einer "gemeinsamen Atempause". Der Tag sei gedacht für den "Rückzug ins Private". Entschuldigung? Da will ich persönlich sonntags vielleicht gar nicht unbedingt hin. Für kollektive verordnete Atempausen kann man von mir aus zum Yoga.
Und ja, man müsste genau aufpassen: Wer an den Feiertagsstatus ran will, der schwächt vielleicht Arbeitnehmerrechte. Stichwort Sonntagszuschlag und Schutz vor Ausbeutung. Der Profit von mehr Öffnungen sollte dann auch allen zu Gute kommen. Ein paar soziale Grenzen tun auch einer freien Marktwirtschaft ganz gut. Wie sollen unsere Sonntage in Zukunft aussehen? Man müsste das Ganze einfach mal neu diskutieren. Und zwar nicht nur für ein paar saubere Felgen. Eine Diskussion zwischen Machbarkeit und mehr Möglichkeiten, den rechtlichen Spielraum der Verfassung auszuweiten. Mit Sinn und Verstand, aber ohne Amen.
Dieser Text erscheint auch als Editorial in "18 Millionen - Der Newsletter für Politik in NRW". Jeden Freitag verschicken wir die Themen, die NRW bewegen - an politisch Interessierte, Aktive, Gewählte, und Politik-Nerds. Hier können Sie den Newsletter kostenlos abonnieren:
