Ein Mann steht auf einer Wiese. Er trägt eine gelbe Windjacke, eine Schutzbrille und Ohrenschutz. Vor ihm stehen sechs Kinder. Er erklärt ihnen etwas.

Meinung So bringt die Politik Theater in Not

Stand:

Die Landesregierung will die Bezahlung von Schauspielern fairer machen – und verschärft damit noch die Situation für freie Theater.

Als ich 2006 als Dramaturgie-Assistent am Schauspiel Dortmund angefangen habe, war ich Feuer und Flamme für Proben und lange Nächte – obwohl ich nur ein Gehalt von 1.550 Euro brutto bekam. Ein Vertrag ohne Arbeitszeiten. Ziemlich unbegrenzte Arbeitszeiten. 60 Stunden pro Woche wäre eher niedrig angesetzt. Stundenlohn etwa: 6,50 Euro. Brutto. Das wurde in meinem anderen Beruf, dem Journalismus, zum Glück anders.

Dass Theater (oft und vielerorts) von Selbstausbeutung lebt, ist ein offenes Geheimnis. 

Dabei hatte ich noch den Vorteil, an einem Stadttheater zu arbeiten. In der freien Szene, bei kleinen Gruppen und Bühnen, ist der Existenzkampf ein ganz anderer. Da opfern sich Künstler und Teams buchstäblich auf. Da ist das Überleben oft nur von Förderung zu Förderung gesichert.

Gut gemeint, schlecht gemacht: Die Reformpläne der Landesregierung

Wenn die Landesregierung an solch prekäre Verhältnisse ran will, rennt sie bei mir offene Türen ein. Nur macht sie bei diesem Versuch – aus Sicht von Theatermenschen – gerade alles falsch, was sie nur falsch machen kann.

B) Denn die Theater haben zwar zum Teil selbst lange für Mindestgagen geworben – aber immer unter der Voraussetzung, dass dann auch die Förderung so erhöht wird, dass höhere Gagen bei gleichbleibender Vorstellungszahl möglich sind. Jetzt passiert das Gegenteil: Bei der freien Theaterszene nimmt die Landesregierung richtig Geld aus dem System. Um etwa 50 Prozent wird die "Spitzenförderung" für freie Ensembles gekürzt. Im Erwachsenen- aber auch im Kindertheater-Bereich. Etablierte Gruppen bekommen weniger als bisher, andere fallen ganz raus. Neue, junge Künstlerinnen und Künstler haben weniger Chancen, gefördert zu werden.

Denn was passiert, wenn es für freie Theater teurer wird und freie Ensembles weniger Förderung kriegen? Alle kloppen sich um die verbliebenen Töpfe. Die schwächsten, am wenigsten vernetzten, fallen ganz raus. Noch mehr Bühnenmenschen, als bisher, werden Theater machen, ohne dass ihre Existenz gesichert ist.

Eine große Lücke zwischen Wunsch und Realität

Damit sorgt die Landesregierung genau für die Prekarisierung, die sie doch angeblich verhindern will. 

Ich habe mich diese Woche bei freien Theatern umgehört: Alle rechnen damit, ihren Spielplan radikal einstreichen zu müssen – gerade Vorstellungen für Kinder drohen wegzufallen. Dabei betont Ina Brandes so gerne, wie wichtig ihr das Kindertheater sei. 

Zwei Jahre habe ich zwischendurch noch'mal für die Mülheimer Theatertage gearbeitet. Im Programmheft zum diesjährigen Festival schreibt die Ministerin: "Wir möchten, dass jedes Kind in Nordrhein-Westfalen die Möglichkeit hat, Kunst regelmäßig und ganz selbstverständlich zu erleben."

Echt? Merkt man gerade wenig von.

Vorhang zu. Kein Applaus.