Marie-Agnes Strack-Zimmermann und Wolfgang Kubicki beim Bundesparteitag der FDP

Marie-Agnes Strack-Zimmermann und Wolfgang Kubicki beim Bundesparteitag der FDP

Meinung Von Schlachtrössern und Zugpferden

Stand:

Die FDP streitet mit sich selbst und unsere Reporterin Bettina Altenkamp ist an vorderster Front dabei.

Ich mag, wenn es hoch hergeht. Was los ist. Da schlägt das Herz der Berichterstatterin gleich schneller. Schnappatmung inbegriffen. Und wie mir ging es auf dem zurückliegenden Bundesparteitag der FDP in Berlin wohl vielen. Von den anwesenden FDP-Mitgliedern ganz zu schweigen.

Es war schon ein denkwürdiger Moment als Joachim Stamp, ehemaliger NRW-Minister und Ex-FDP-Landeschef, zur Überraschung der Allermeisten die sicher geglaubte Alleinkandidatur von Wolfgang Kubicki zum neuen Bundesvorsitzenden mit einem Gegenvorschlag – der von verschiedenen Landesverbänden unterstützt wurde, wie er sagte – durchkreuzte: Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Ebenfalls aus NRW, weithin bekannt und auch umstritten wie Kubicki und wie dieser auch selten um einen Spruch verlegen.

Ein oscarreifes Schauspiel

Zwei Urgesteine. Oder wie Kubicki meinte, zwei Schlachtrösser, die gegeneinander antreten, um den Karren FDP aus dem Wahl- und Umfragetief zu ziehen. Der Ausgang des oscarreifen Schauspiels ist bekannt: Kubicki ist nun Vorsitzender mit knappen 60 Prozent. Der Schaden ist riesig. Durch die FDP geht ein Riss.

Das Ergebnis "60 zu 40" haben sich die beiden Kontrahenten auch nach der Wahl noch öffentlichkeitswirksam um die Ohren gehauen. Die Unterlegene weiß jetzt laut Kubicki, wo "der Hammer hängt". Die entgegnet, dass sie ihn, also den "Hammer", mal an sich genommen habe, damit Kubicki sich nicht verletzt. Man schenkt sich nichts.

Marie-Agnes Strack-Zimmermann im WDR-Interview

Das haben die Gegenkandidatur und die weniger als Bewerbung, denn als Abrechnung angelegte Rede von Marie-Agnes Strack-Zimmermann eindrücklich gezeigt. Es war, als würde jemand mit der Schrotflinte einfach mal in den Saal halten und abdrücken. Henning Höne, aktuell FDP-Landes- und Fraktionschef hier in NRW, bekam sein Fett weg, weil er seine Kandidatur für den Bundesvorsitz wenige Wochen zuvor zurückgezogen hatte. Und wenn die Kandidatin Strack-Zimmermann konstatierte, sie sei definitiv besser rasiert als Kubicki, dann war das im Vergleich zum Rest der Rede, fast schon ein Kompliment.

Mediale Aufmerksamkeit ist durch solche Einlassungen und Überraschungen garantiert. Aber Einigkeit und Vertrauen erreicht man so nicht. Und das verlorene Vertrauen nach dem unrühmlichen Ampel-Aus im Bund ist noch lange nicht wieder hergestellt. Weder bei den Wählerinnen und Wählern, wie der aktuelle ARD-Deutschlandtrend zeigt, noch innerhalb der Partei.

Die Wahlschlappen von Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg haben der ohnehin schon am Boden liegenden FDP weiteren Stoff für innere, teils heftig geführte Debatten über den richtigen Kurs beschert. Ob die sogenannte Brandmauer-Debatte oder generell die Frage, ob der 74-jährige Kubicki der Partei tatsächlich die Zukunft, also das politische Überleben sichern kann. Ein Jahr hat er sich gegeben, um die FDP in den Umfragen wieder auf 5 Prozent zu bringen. Das ist nicht viel Zeit.

Hönes Plan für die FDP

 Henning Höne und Wolfgang Kubicki im Garten des Hans-Dietrich-Genscher-Hauses

Zusammenführen – das ist das Motto von Henning Höne. Der NRW-FDP-Chef, der "nur" noch um den Posten des ersten stellvertretenden Bundesvorsitzenden kandidiert hat und in diesen mit immerhin mit 71 Prozent gewählt wurde, will den Riss in der Partei kitten. Polarisiert weniger als der neue Vorsitzende, generiert vielleicht aber auch weniger Aufmerksamkeit.

Aber er hat wohl die Zeichen der Zeiten erkannt. Für die FDP insgesamt, aber auch für ihn als Landtagswahlkämpfer. Höne hat den April kommenden Jahres, wenn hier in NRW ein neuer Landtag gewählt wird, fest im Blick. Da ist eine mit vielen Stimmen laut krähende FDP kein stabiles Fundament, sondern eher Treibsand und in dem könnten dann alle untergehen.

Es spricht für sein Motto, dass er das "Schlachtross" Kubicki öffentlich als "Zugpferd für den Erfolg der FDP" bezeichnet. Wertschätzende Kommunikation nennt man das wohl. Im konkreten Fall kann man darin auch einen Appell für verbale Abrüstung sehen. Zusammenführen und vielleicht ja auch ein zusammen Führen der Schlachtrösser als Zugpferde – das wäre eine Chance, damit die Partei mit ihren Inhalten wieder (Prozent-)Punkte holt und nicht nur Unterhaltungspunkte sammelt.

Dieser Text erscheint auch als Editorial in "18 Millionen - Der Newsletter für Politik in NRW". Jeden Freitag verschicken wir die Themen, die NRW bewegen - an politisch Interessierte, Aktive, Gewählte und Politik-Nerds. Hier können Sie den Newsletter kostenlos abonnieren.