Verfassungsschutz warnt vor russischen "Wegwerf"-Agenten
Aktuelle Stunde . 03.09.2025. 20:06 Min.. Verfügbar bis 03.09.2027. WDR. Von Tim Köksalan.
Habt ihr eine Drohne und seid ihr bei Instagram oder Tiktok? Dann solltet ihr genauer hinschauen, wenn ein Fremder per Privatnachricht eure Fotos lobt und fragt, ob ihr zum Beispiel für 100 Euro mal einen bestimmten Ort überfliegen und fotografieren würdet. Möglicherweise steckt dahinter der russische Geheimdienst, der laut Bundeskriminalamt in sozialen Medien gerade verstärkt "Wegwerf"-Agenten rekrutiert - so nennt das BKA Menschen, die für eine Straftat benutzt und dann nicht mehr gebraucht und "weggeworfen" würden. Einsatzmöglichkeiten für solche Agenten gibt es viele.
Was hinter der Masche steckt, warum heftige Strafen drohen, wenn man auf so ein Angebot eingeht - und was in dem Zusammenhang noch gut zu wissen ist:
Wie sieht die Rekrutierung aus?
Wer nicht aufpasst, rutscht in etwas rein, ohne es zu wissen. Das könnte etwa so laufen: Der russische Geheimdienst liest bei Instagram, Tiktok und Co mit, was Leute da so schreiben und machen. Wenn das für den Geheimdienst interessant ist, beginne es harmlos, erklärt das BKA. "Meist mit einem Chat über Social Media-Kanäle oder Messenger-Dienste. Vielleicht mit einem Austausch darüber, wie man zum deutschen Staat steht, vielleicht aber auch mit dem Vorfühlen, ob eine gewisse kriminelle Energie vorhanden ist." Dann werde eine geringe Geldsumme angeboten, die zu Straftaten animieren soll.
Was bekommt man für Aufgaben?
Typische Jobs für "Wegwerf"-Agenten sind laut BKA Sachbeschädigungen, die aber eigentlich Sabotage seien, oder auch Ausspähaktionen. Konkret gehe es zum Beispiel darum, Dokumente und kritische Infrastruktur - also wichtige Einrichtungen wie etwa Kraftwerke oder Bahnhöfe - abzufotografieren oder mit Drohnen bestimmte Orte zu überfliegen. Menschen würden aber auch dafür bezahlt, pro-russische Parolen in sozialen Medien zu verbreiten oder Brandstiftungen zu begehen.
Besonders interessiert seien ausländische Geheimdienste an militärischen Einrichtungen. Sie erhoffen sich dadurch strategische Vorteile durch Einsicht in Einsatzpläne, Waffentechnik oder Schwachstellen. Erfolgreiche Sabotageakte könnten militärische Strukturen empfindlich treffen und die Einsatzbereitschaft nachhaltig beeinträchtigen. Es gehe dabei nicht nur um den direkten Schaden. Die Aktionen hätten auch eine psychologische und symbolische Wirkung. Sie sollen Unsicherheit erzeugen und das Vertrauen in staatlichen Schutz erschüttern. Das Ziel sei es, unser Land zu schwächen, ohne offene Kampfhandlungen zu führen – das sei typisch für hybride Kriegsführung.
Gibt es bekannte Sabotage-Fälle bei uns?
Einen Aufsehen erregenden Fall gab es zu Beginn des Jahres. Bei einer bundesweiten Sabotageserie hatten Täter Bauschaum in hunderte Auspuffe von Autos gespritzt. Verdächtigt worden waren zunächst radikale Klimaaktivisten. An den Autos waren Aufkleber mit dem Slogan "Sei grüner!" und einem Foto von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hinterlassen worden. Später hieß es, nach ersten Ermittlungen gehe man davon aus, dass die Saboteure für ihre Taten Geld von einem russischen Auftraggeber erhalten hätten. Der "Spiegel" berichtete, für jedes beschädigte Fahrzeug sei laut eines Beschuldigten ein Honorar von 100 Euro versprochen worden. Als Arbeitsnachweis sollten sie Fotos der lahm gelegten Autos schicken.
Im Juli 2024 explodiert am Flughafen Leipzig eine Paketbombe in einem Container. Verletzt wurde niemand - auch weil das Paket nicht wie geplant schon in der Luft war. Ähnliche Vorfälle gab es an weiteren europäischen Flughäfen. In Köln wurde dann im Mai dieses Jahres einer von drei Männern festgenommen, die offenbar ähnliche Pläne verfolgten. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sprach von sogenannten "Low-Level-Agenten", die der russische Geheimdienst "für kleines Geld" angeworben habe. Deren Tätigkeit richte sich gegen staatliche Institutionen, Privatunternehmen und einzelne Personen.
Was steckt hinter den Aktionen?
Das BKA sagt: "Die Sabotage-, Spionage- und Propaganda-Aktionen haben das Ziel, Einfluss zu gewinnen; Deutschland und andere Staaten zu schwächen oder unsere Gesellschaft zu spalten." Über die "Wegwerf"-Agenten hätten sie einen großen Vorteil: Sie müssten sich nicht selbst die Hände schmutzig machen. Durch die Anonymität im Internet könnten sie eigenen Spuren verwischen - verantwortlich gemacht für die Straftaten werde nur derjenige, der die Taten vor Ort begangen hat.
"Das sind eben nicht mehr die Profis, die teuer ausgebildet sind, sondern Amateure, die der russische Staat für kleines Geld anheuert", sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) dem WDR am Mittwoch. Für die Ermittler sei das eine schwierige Situation. "Das kann jedermann sein."
Was ist das Verbrechen - und welche Strafen drohen?
Es sieht so aus, als könnte man schnell etwas Geld verdienen. "Der Einsatz ist kurz, das Risiko hoch", schreibt das BKA. Erkenntnisse des Bundeskriminalamtes und der deutschen Nachrichtendienste zeigten, dass Personen, die als "Wegwerf"-Agenten rekrutiert werden, ganz unterschiedliche Straftaten begehen würden. Darunter seien vermeintlich leichte Fälle wie Sachbeschädigungen, Ausspähaktionen oder Brandstiftungen. Die Tatsache, dass Täter im Auftrag eines ausländischen Nachrichtendienstes handeln, könne sich verschärfend auf das mögliche Strafmaß auswirken - auch wenn das unwissentlich passiere.
"Verfassungsfeindliche Sabotage" werde mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren, eine "Geheimdienstliche Agententätigkeit" in besonders schweren Fällen mit bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe geahndet, so der BKA.
Wie kann ich mich schützen?
Das Bundeskriminalamt, das Bundesamt für Verfassungsschutz, der Bundesnachrichtendienst und das Bundesamt für den Militärischen Abschirmdienst raten in einer gemeinsamen Mitteilung: "Gehen Sie nicht auf solche Anwerbeversuche ein!"
Ich bin kontaktiert worden - an wen kann ich mich wenden?
Wenn ihr oder eine vertraute Personen von Unbekannten zu einem der oben beschrieben Fälle angefragt wird, könnt ihr euch an das Bundesamt für Verfassungsschutz wenden. Angaben werden dort streng vertraulich behandelt, sagt das BKA. Hier sind die Kontaktdaten:
- Mail: hinweise@bfv.bund.de
- Telefon: 0228 99792-6000
Unsere Quellen:
- Bericht des Bundeskriminalamtes: Wegwerf-Agenten: Kurzer Einsatz, hohes Risiko
- NRW-Verfassungsschutzbericht 2024: Extremismus wird jünger und digitaler, Spionage und Cyberangriffe gestiegen, Terrorgefahr weiter abstrakt hoch
- Nachrichtenagentur dpa
Über dieses Thema berichten wir im WDR am 03.09.2025 auch im Fernsehen - unter anderem in der Aktuellen Stunde um 18.45 Uhr.