"Wir haben natürlich gehofft und gebetet, dass er es überleben wird", sagt Zugbegleiterin Inna Lorenz dem WDR. Die Nachricht vom Tod des Kollegen Serkan C. nach einem Angriff in einem Regionalexpress bei Kaiserslautern, die "hat etwas mit uns allen gemacht".
Zugbegleiterin: bespuckt, beschimpft, getreten
Angriffe auf Zugbegleiter sind keine Seltenheit. Man werde von Fahrgästen bespuckt, beschimpft, getreten, aus der Tür geschmissen oder auch mit Messern angegriffen, berichtet Lorenz, die sich auch in der Eisenbahngewerkschaft EVG engagiert, aus eigener Erfahrung. Sie macht sich schon lange Sorgen - weil "überhaupt nicht sicher ist, dass wir nach Hause kommen abends".
Laut Bundesinnenministerium gab es allein in den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres tausende Angriffe auf das Personal der Deutschen Bahn:
- 2.987 Straftaten insgesamt
- darunter 1.555 Fälle von Körperverletzung
- sowie 324 Fälle von gefährlicher Körperverletzung
Hinzu kommen noch die Straftaten gegen die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anderer Bahnunternehmen.
In der Sicherheitsdatenbank Sidaba NRW sind für das Jahr 2024 6.678 Beleidigungen registriert - überwiegend gegen Kontroll- und Sicherheitspersonal. Außerdem wurden 905 Fälle von Körperverletzung und 124 Sexualdelikte registriert. In allen drei Bereichen ist das mehr als im Vorjahr. Auch die Bundespolizei berichtet von steigenden Zahlen bei Beleidigungen und Gewaltdelikten.
Zugbegleiter Serkan C. von Schwarzfahrer attackiert
Der 36-jährige Serkan C. hatte am frühen Montagabend in einem fahrenden Regionalexpress in Rheinland-Pfalz einen alleinreisenden Mann kontrolliert, der kein gültiges Ticket hatte. Nach Angaben der Polizei forderte der Zugbegleiter den Mann zum Aussteigen auf. Daraufhin schlug er offenbar auf den Zugbegleiter ein. Serkan C. musste reanimiert werden. Am Mittwoch starb er in einem Krankenhaus an einer Hirnblutung als Folge von stumpfer Gewalt gegen den Kopf.
Der mutmaßliche Täter, ein Grieche, der nach eigenen Angaben seinen Wohnsitz in Luxemburg hat, sitzt in Untersuchungshaft. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft war er der Polizei in Deutschland zuvor nicht aufgefallen, er habe keine Vorstrafen.
Konsequenzen gefordert: Zugbegleiter sollten nicht allein sein
Das Zugpersonal müsse besser geschützt werden, fordert Inna Lorenz: "Dass die Züge doppelt besetzt werden. Dass der Zugbegleitdienst nicht allein unterwegs sein muss. Dass immer ein Kollege da ist." Denn es sei leider Standard, dass Zugbegleiter in Regionalzügen allein im Einsatz sind, berichtet Lorenz.
In NRW sei schon einiges getan worden, um Beschäftigte im öffentlichen Nahverkehr besser zu schützen, sagt Landesverkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) dem WDR: "Es sind viele Sicherheitsteams unterwegs. Wir haben Kameraüberwachung. Wir setzen Bodycams ein. Wir schulen das Personal, sich zu wehren."
"Aber diese Tat führt natürlich dazu, dass wir darüber sprechen müssen: Was können wir noch weiter tun?", so der Minister. Der tödliche Angriff auf Zugbegleiter Serkan C. "macht uns alle betroffen", sagt er. "Das ist unfassbar."
GDL-Chef: Angriffe müssen konsequenter geahndet werden
Es wäre schon mal "ein großer Schritt", wenn Angriffe auf Zugpersonal wirklich immer konsequent geahndet werden würden, sagt Mario Reiß, Chef der Lokführergewerkschaft GDL, dem WDR. Das sei leider oft nicht der Fall.
Stattdessen sei es häufig umgekehrt, sagt Reiß und nennt ein Beispiel: "Vor Jahren wäre es keinem vorstellbar gewesen, dass ein Polizist angegriffen wird und er muss sich jetzt praktisch der Beweisaufnahme unterstellen, ob der Angreifer nicht eventuell durch den Polizisten provoziert wurde." Da laufe etwas schief. "Und das befördert natürlich, dass Straftäter sich sicher und unbeschadet fühlen."
Umstrittene Idee: Bodycams für Zugbegleiter
Von Bodycams für Zugbegleiter hält die GDL nichts. In einer Konfliktsituation sei nicht die Zeit, um die Kamera anzustellen und den Fahrgast darüber zu informieren, meint Reiß.
Anders sieht das Ralf Damde, der als Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats DB Regio ebenfalls die Interessen der Beschäftigten vertritt. Er fordert sogar: "Wir brauchen eine Bodycam, die auch Tonaufzeichnungen wiedergibt und nicht nur das Filmmaterial", sagt er dem WDR. So etwas dürfe nicht an Datenschutzbestimmungen scheitern.
Eine weitere Idee zum Schutz von Zugbegleitern, über die jetzt diskutiert wird: Ticketkontrollstationen mit Drehkreuzen oder anderen Sperren. Das würde schwarzfahren zumindest erschweren. Ob es dadurch aber auch weniger Angriffe von Fahrgästen gäbe?
Damde hält die Idee für nicht umsetzbar. So etwas sei zwar bei der Pariser Metro oder Hochgeschwindigkeitszügen möglich. "Aber wir haben freie Bahnsteigzugänge." Um solche Sperren einzubauen, müsste man Milliardensummen investieren und würde letztlich die Freiheit einschränken.
Tod eines Zugbegleiters: "Wir sind geschockt"
WDR 5 Morgenecho - Interview. 05.02.2026. 06:30 Min.. Verfügbar bis 05.02.2027. WDR 5.
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Zugbegleiterin Inna Lorenz von der Eisenbahngewerkschaft EVG für die Aktuelle Stunde am 04.02.2026
- WDR-Interview mit NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer
- WDR-Interview mit GDL-Chef Mario Reiß, WDR Fernsehen, "WDR aktuell, 04.02.2026., 21.45 Uhr
- WDR-Interview mit Ralf Damde, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats DB Regio Schiene/Bus, "Morgenecho" vom 05.02.2026
- Nachrichtenagenturen dpa und epd
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 04.02.2026, 18:45 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, WDR Aktuell, 05.02.2026, 12:45 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 05.02.2026, 18:45 Uhr
Kommentare zum Thema
Der Täter ist laut griechischer Botschaft ein Syrer. Es wird gerade geprüft, ob der vorgelegte Pass echt ist oder wohlmöglich illegal besorgt. Interessant wäre zu wissen, warum nicht der Vorname des Täters genannt wird. Sicherlich gibt dieser auch einen Indiz zur Herkunft und/oder Hintergrund. Wieder einmal, zeigt das öffentlich rechtliche Fernsehen sein, meines Erachtens, Anti - Griechisches Gesicht.
Wenn sie behauptet das eine Grieche ist schreibt der Name der Täter..Aber nein schreiben sie nicht. Haben sie eine Griechische Pass gesehen und laut geschrieben. Bekommen sie mehr Informationen und dann schreiben sie auf eute Seite.
Solche traurigen Meldungen bestätigen den Eindruck, dass Unzufriedenheit und Gewalt ganz allgemein zugenommen haben seit Corona und den Multikrisen. Die Ursachen sind vielfältig und reichen von diffusem Bedrohungsgefühl über soziale Not, aufgeheizte Social Media, mangelnde moralische Orientierung in der Erziehung, militaristische Kampfsprache in allen Medien, Spielen und vielen Kanälen, gesteuerter Zunahme toxischer Maskulinität, Suchtstoffe... In unseren Gesetzen gibt es ausreichend Bestrafungsmöglichkeiten, die hier konsequent angewendet werden sollten. Härtere Strafen werden das Problem ganz gewiss nicht verringern, sie verstärken bloß das Angstgefühl und bergen die Gefahr von missbräuchlicher autoritärer Staatsgewalt. Besonders kontraproduktiv ist, bei Erziehung, Bildung, gesellschaftlicher Integration, Minimalversorgung und Demokratieförderung zu sparen, während die Menschen immer härter arbeiten sollen.
Es ist doch letztlich egal, welche Nationalität der Täter hatte. Und wieso sollen härtere Strafen unbescholtene Bürger verängstigen? Wenn ich mich ordentlich benehmen passiert nichts, und was spricht gegen eine härtere Bestrafung von Verbrechern?