Koalition einigt sich: Wehrdienstgesetz kommt | WDR aktuell

05:20 Min. Verfügbar bis 28.08.2027

Freiwillige vor: Bundeswehr sucht Soldaten per Brief

Stand:

Willst du Soldat oder Soldatin werden? Dieser Frage müssen sich bald alle jungen Leute ab 18 stellen: Denn die Bundeswehr soll wachsen.

Von Ingo Neumayer

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Deutschlands Bundeskabinett hat am Mittwoch ein Gesetz zur Einführung eines neuen Wehrdienstes auf den Weg gebracht. Ziel ist es, die Truppenstärke in Deutschland zu erhöhen und Sinn und Zweck der Bundeswehr wieder mehr ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken.

Wie viele zusätzliche Soldaten werden gebraucht?
Wie genau will die Regierung die Soldaten rekrutieren?
Was passiert, wenn sich nicht genug Freiwillige melden?
Kann man den Wehrdienst weiterhin verweigern?

Wie viele zusätzliche Soldaten und Soldatinnen werden gebraucht?

Nach den jüngsten NATO-Vorgaben und -Plänen strebt Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) ab 2030 eine Truppenstärke von 460.000 Bediensteten an. 260.000 sollen dann aktiv im Dienst sein, 200.000 als Reservisten bereitstehen.

Derzeit gibt es in der Bundeswehr 171.650 aktive Soldaten sowie etwa 50.000 Reservisten (Stand 1. Juli 2025).

Wie will die Regierung das Bundeswehrpersonal rekrutieren?

600.000 Männer und Frauen zwischen 18 und 25 sollen nächstes Jahr einen Brief von der Bundeswehr bekommen. Darin befindet sich ein QR-Code, der zu einem Online-Fragebogen führt.

Zivildienstleistender im Einsatz

Ab 2028 müssen junge Männer wieder zur Musterung antreten

Darin werden persönliche Daten und Qualifikationen sowie die Bereitschaft zu einem Dienst bei der Bundeswehr abgefragt. Das Verteidungsministerium plant, im kommenden Jahr mit dem Jahrgang der 2008 Geborenen zu beginnen. Für Männer ist die Antwort verpflichtend, für Frauen freiwillig.

Die Dauer des freiwilligen Wehrdienstes soll mindestens sechs Monate betragen und mit einem höheren Sold (2.300 Euro netto) sowie anderen Vergünstigungen einhergehen.

Wer sich für längere Zeit als sechs Monate verpflichtet, soll weitere Vorteile erhalten wie Prämien, Sprachkurse, Berufsförderungen oder Zuschüsse zum Führerschein.

Dadurch, dass sich künftig jeder und jede 18-Jährige mit der Bundeswehr auseinandersetzen müsse, und durch die gesteigerte Attraktivität, werde es mehr Bewerber geben, sagte der Bundeswehr-Generalinspekteur Carsten Breuer.

Was passiert, wenn sich nicht genug Freiwillige melden?

Das Bundesverteidungsministerium plant, mit 15.000 neuen Wehrdienstleistenden zu beginnen und eine verpflichtende Musterung ab dem 1. Juli 2027 einzuführen. Der Präsident des Reservistenverbandes, Patrick Sensburg, hält das für nicht weitgehend genug.

"Das reicht natürlich nicht, um die Größen zu erreichen, die die NATO von uns erwartet", warnte er im Deutschlandfunk. Die Bundeswehr benötige zehntausende zusätzliche Soldaten.

Ein zentraler Kritikpunkt sei, dass mit dem vorliegenden Modell keine schlagkräftige Reserve aufgebaut werde. Diese sei jedoch für die Durchhaltefähigkeit der Truppe im Verteidigungsfall und zur Unterstützung von NATO-Partnern an der Ostflanke unerlässlich.

Auch der stellvertretende Vorsitzende des Bundeswehrverbands, Marcel Bohnert, glaubt nicht, dass das alles reicht. Es gebe zwar schon jetzt eine ganze Menge Benefits und Angebote bei der Bundeswehr.

"Und man packt jetzt nochmal was oben drauf, was in Ordnung. Das wird die Zahl vielleicht ein wenig erhöhen. Aber die Fantasie, dass das reicht, um 80.000 Soldatinnen und Soldaten dauerhaft an die Bundeswehr zu binden, die fehlt mir", sagte er am Mittwoch dem WDR.

Bundeskanzler Merz bei einer Pressekonferenz mit dem kanadischen Premierminister

Merz: Wehrdienstgesetz ist "erst der erste Schritt"

Für Bundeskanzler Merz (CDU) ist das Wehrdienstgesetz "erst der erste Schritt". Wenn die Bundeswehr die nötige Zahl an Freiwilligen nicht erreiche, werde man den nächsten Schritt gehen, sagte Merz.

Nach den jetzigen Plänen würde das nur für Männer gelten. Betroffen davon wären die Jungen, die gerade zur Schule gehen. Quentin Gärtner von der Bundesschülerkonferenz sagt, dass viele Schüler sich von der Politik gerade ziemlich überfahren fühlten.

Junge Menschen sind schon jetzt enorm belastet. Und wenn wir mit solchen Fragen und Unsicherheiten konfrontiert werden, ohne vorher ins Boot geholt zu werden, dann wird diese Belastung, diese Frustration, diese Unsicherheit nur noch größer. Quentin Gärtner, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz
Ein Schild mit der Aufschrift "Wehrpflicht hier lang" steht vor Soldaten in Tarnuniform

Kommt die Wehrpflicht zurück?

Eine schnelle Wiedereinführung der Wehrpflicht wäre zwar politisch relativ einfach umzusetzen, da die Wehrpflicht 2011 nur ausgesetzt und nicht abgeschafft wurde. Allerdings stieße man derzeit mit solchen Plänen "offensichtlich an objektive Grenzen der Machbarkeit", sagte Merz mit Bezug auf fehlende Kasernen und Ausbilder.

Ähnlich äußerte sich Vizekanzler Klingbeil (SPD): "Wer glaubt, mit einem Knopfdruck kann man auf einmal die alten Strukturen wieder schaffen, wo es überall die Kreiswehrersatzämter gab, wo es die Kapazitäten auch in den Kasernen gab, der irrt."

Kann man den Wehrdienst weiter verweigern?

Im Grundgesetz (Artikel 4, Absatz 3) heißt es: "Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden." Das Recht, den Kriegsdienst zu verweigern, ist von den aktuellen Plänen der Bundesregierung unberührt. Geändert werden könnte das Recht auf Verweigerung nur durch eine Grundgesetzänderung, und die ist angesichts der politischen Verhältnisse im Bundestag äußerst unwahrscheinlich.

Zivildienstleistender im Einsatz

Bund oder Zivi? Diese Wahl könnte zurückkommen

Angesichts eines höheren Bedarfs an Soldaten stellt sich allerdings die Frage, ob die Kriterien für eine erfolgreiche Verweigerung in Zukunft wieder strenger werden könnten und die "Gewissensfrage" wieder größere Bedeutung bekommen könnte. Frühere Generationen von Wehrpflichtigen mussten schriftlich und bis in die 1980er Jahre auch mündlich begründen, warum sie den Dienst an der Waffe verweigerten. Ein Komitee entschied dann über die Glaubwürdigkeit der Begründung.

Die Anerkennungsquote war im Laufe der Jahre stark schwankend: Wurden laut dem Bundesamt für Zivildienst in den 1970er Jahren weniger als 50 Prozent aller Anträge positiv entschieden, stieg der Anteil auf positive Entscheidungen in den 1990er Jahren auf 99 Prozent. Sprich: Wer nicht zur Bundeswehr wollte, kam in der Regel drumherum und konnte einen Ersatzdienst leisten. Ob das in Zukunft auch noch so sein wird?

Unsere Quellen:

  • Pressemitteilung des Bundesverteidungsministeriums
  • Nachrichtenagenturen dpa, RTR, AP
  • Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben
  • WDR-Interview mit Marcel Bohnert vom Bundeswehrverband

Kommentare zum Thema

30 Kommentare

  • 30 Brigitta S. 30.08.2025, 14:22 Uhr

    Nützen jetzt mehr Soldaten bei der BW zur Abschreckung im Falle eines Angriffs auf DE? Die Ukraine bekommt von vielen Ländern Waffen und andere Hilfen zur Verteidigung. Putin zeigt sich weiter zerstörend unbeeindruckt mit Waffenangriffe in der UKR. Er findet nach vielen Jahren immer noch Freunde, also Verbündete weltweit bei arabischen Ländern. Unsere Bundeswehr vergrößert sich bestimmt nicht so schnell im Laufe von ein paar Jahren um im Ernstfall sich gegen Gewalt- Weltmächte verteidigen zu können. Bei einem evtl. Ukraineeinsatz wird sie nur eine Nebenrolle spielen können. Jede Sanktion die weiter für Putin gepackt werden soll von der EU, die wird wie die Erfahrungen zeigen beim UKR- Krieg leider keinen Erfolg bringen. Der nahe Osten, der arabische Öl- Orient hilft den Putin enorm. Das ist das Problem! Wenn Putin und Selenskyj nicht miteinander reden, warum sprechen „alle Hilfeländer der Welt“ nicht persönlich mit den Freunden von Putin und machen dort massiven Druck?

  • 29 Franziska 1 29.08.2025, 13:08 Uhr

    Bitte WDR erlaubt dieses Zitat einer deutschen Presse. „Der Reservistenverband der Bundeswehr hat den ehemaligen Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) eingeladen, eine militärische Ausbildung als Reservist zu absolvieren. Anlass ist eine Äußerung Habecks in der Talkshow "Markus Lanz", in der er betont hatte, im Ernstfall eher selbst kämpfen zu wollen als seine Söhne“ Zitat. Diese Habeck Aussage würde ich amtlich versiegeln und ihm ein Musterungsformular schicken. Wen er dann eine militärische Ausbildung als Reservist doch ablehnt, dann kann man seine Aussage zu seinen früheren Placebo- Auslagen ins Ampel- Archiv legen.

  • 28 Brigitta S. 28.08.2025, 11:50 Uhr

    Ich kann junge Männer verstehen die nicht zum Militär gehen wollen, aus welchen Grünen auch immer. Bei der ärztlichen Musterung wird festgestellt ob tauglich oder nicht tauglich für die BW. Die Wahl zur BW zu gehen, zum „Wehrdienst“ oder nicht, dass liegt an ihnen selbst. Pistorius setzt auf den freiwilligen Wehrdienst mit höheren Sold 2.300 Euro netto mit weiteren Vorteil- Extras. Ein Hauptgefreiter bekam laut Information im Netz bis jetzt ca. 2.272 Euro. Männer sagen oft, wie fit und sportlich sie doch sind. Der Wehrdienst würde sie nicht nur militärisch weiter bilden, die Chance den Führerschein für PKW und LKW wäre bestimmt schon inklusive bei der Ausbildung. Was die Gesundheit bei der Musterung betrifft bei jungen Männer, da könnte man schon auf den Gedanken kommen, dass evtl. manche Wehrdienst -Ablehner eine psychosomatische Erkrankung bei sich jetzt fühlen, nach der Bekanntgabe von Merz und Pistorius über die BW - Dienste.

  • 27 Oldtimer 28.08.2025, 10:28 Uhr

    Neben dem Wehrdienst verweigere ich auch noch die Preisgabe persönlicher Daten über das Internet. Das soll ein Online-Fragebogen werden zu dem man über einen zugeschickten QR-Code kommt und Datensicherheit funktioniert auf breiter Front nicht. Da kann ich gleich alle Informationen an die NSA, Russland und China schicken, wenn die Daten nicht schon über andere Wege ausspioniert wurden. Aber mein 18. Geburtstag ist eine Weile her her und persönlich spielt das erst für mich eine Rolle wenn der Volkssturm wiederbelebt wird, wie Fratzscher von der Wirtschaftslobby vorschlägt. Über ein echtes Verteidigungsbündnis könnte man reden aber nicht über eine NATO in „Vorwärtsverteidigung“. In der guten alten Zeit des Kalten Krieges habe ich schon den Wehrdienst geleistet, hat mich ein Jahr im Berufsleben gekostet und damit ein Jahresgehalt.

  • 26 Fuchs 27.08.2025, 21:35 Uhr

    Kasernen wurde geschlossen und verkauft, Fuhrpark ausgegliedert. So haben einige Regierungen ihren Haushalt aufgefrischt und jetzt geht nichts mehr. Schon traurig.

  • 25 Franziska 1 27.08.2025, 20:30 Uhr

    Wo keine Waffen sind, ist auch kein Krieg. Wo viel Bodenschätze zu finden sind bei einem Land, da wird Krieg geführt. Für große Landflächen ohne Menschen, da interessiert sich keine EU-Machtpolitik. Wüsten bleiben Wüsten, nur Kamele laufen dort. Was hat Deutschland an Schätze zu bieten um Überfallen zu werden? Da spielen die Landinteressen der EU- Osterweiterung auch eine Musik mit, was dem Deutschland Kriegs-Misstöne bringt. Abrüsten diese Forderung bei der Politik vor Jahrzehnten, waren nur stille Gedanken? Wir haben keine Zeitenwende, wir gehen viele Jahrzehnte wieder rückwärts, nur die Waffen haben sich modernisiert. "Nie wieder Krieg" das war einmal in aller Munde. Jetzt reden wir über Wehrdienst, Wehrpflicht, als wenn der 2.Weltkrieg und die 80 Jahre ohne Krieg in Europa nicht gewesen wären. Der Ukrainekrieg wäre schon längst zu Ende, wenn man weniger Hass und eher mehr zur Diplomatie und Kompromisse bereit gewesen wäre.

  • 24 Anonym 27.08.2025, 20:10 Uhr

    Es wird ganz generell immer schwieriger in einer durch Massenzuwanderung sich immer mehr sich ausdifferenzierenden Gesellschaft, dem Verfall in Subgruppen unterschiedlichster Werte,Lebensentwürfe, überhaupt noch Soldaten für eine gemeinsame Sache zu finden. Daher hat das Freiwilligenkonzept der Sozis aktuell praktisch kaum Chance, möglicherweise in der sich entwickelnden Rezession, wenn die Leute wieder rezessionsbedingt gefeuert werden und dann zur Bundeswehr gehen müssen mangels anderer Arbeitspläten..

    Antworten (2)
    • Anonym 27.08.2025, 22:15 Uhr

      Aber auch nur sehr eingeschränkt: Viele Leute mit Wurzeln in den Orient, der Türkei .die sogar schon lange in D leben, haben immer noch keine Beziehung zu D und seinen Werten entwickelt, leben isoliert in Parallelgesellschaften isoliert mit eigener Infrastruktur neben den Deutschen und die Alteren können nach vielen Jahren noch kaum Deutsch sprechen. In der der Bundeswehr hätten sie massive Loyalitätsprobleme. falls man sie dort überhaupt reinbekommt. nach Konzept der Sozis freiwillig nicht.

    • Brigitta S. 29.08.2025, 11:49 Uhr

      @Anonym@Anonym… es wird das Verhalten der vielen Leute die hier vom Ausland hier leben kritisiert. Schauen Sie doch mal ins Ausland wie viele Deutsche, Schweizer, Italiener u. a. wie in Gettos freiwillig dort leben die keine Beziehung zur Bevölkerung direkt wollen. Zum Bsp. auch in Ostafrika ein beliebtes Land für Deutsche beim Auswandern. Da sprechen sie englisch ja, aber mit Suaheli sprechen ist nicht viel da. Überwiegend nur mit dem Hauspersonal. Keiner kann gezwungen werden zur BW zugehen, dass betrifft nicht nur Deutsche auch unsere Einwanderer. Wir leben alle in einer Demokratie, die macht dabei keine Ausnahme und das hat man zu respektieren.

  • 23 Finn 27.08.2025, 16:43 Uhr

    Alles für Blackrock!!!

  • 22 BD 27.08.2025, 16:30 Uhr

    Verpflichtungen für Männer und Freiwilligkeit für Frauen - Gleichberechtigung setzt auch gleiche Verpflichtung voraus.

    Antworten (4)
    • Paul S. 27.08.2025, 17:05 Uhr

      @BD, die Gleichberechtigung von Mann zu Frau hat teilweise ihre Grenzen. Können Sie als Mann verpflichtet werden, Kinder auf die Welt zubringen. Das wird immer die Verpflichtung der Frau bleiben mit Geburtswehen.

    • Franziska 1 27.08.2025, 19:28 Uhr

      @Paul S. Richtig erkannt. Ja, die Gleichberechtigung ist anfangs bei der Lust gleich, aber dann hat die Frau die Verpflichtung die Nachwehen auszuhalten, nicht der Mann.

    • Ich 27.08.2025, 19:42 Uhr

      @Paul S. ... Wenn aber doch Frauen und alle anderen Geschlechter die Gleichberechtigung wünschen und fordern, dann aber auch bitte für den Wehrdienst.

    • Stephanie 28.08.2025, 13:16 Uhr

      Gleichberechtigung ist wichtig, aber doch immer noch nicht überall angekommen. Aktuell haben die Frauen im Beruf, Rente, etc. immer noch einen Nachteil. Ein Großteil der familiären Verantwortung liegt bei ihnen. Zwischen arbeiten, Kinder bekommen, stillen, Haushalt machen packen wir uns die Waffe zwischen die Schulter.

  • 21 Andre 27.08.2025, 16:23 Uhr

    Wann setzt sich endlich die Erkenntnis durch das Kriege Nix bringen und nur Rüstungskonzerne reich machen? Liebe Leute vom WDR: Bitte auch mal die Folgen von Kriegen darstellen und nicht nur das Sprachrohr der gerade amtierenden Regierung sein.

  • 20 Carl Sandburg 27.08.2025, 15:53 Uhr

    Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.

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