Städte vom ICE Netz abkoppeln: Droht Kollaps im Fernverkehr?

Aktuelle Stunde 14.06.2026 23:13 Min. Verfügbar bis 14.06.2028 WDR Von Kristina Klusen

Fernverkehr in NRW EVG warnt vor Einschnitten in Aachen und Münster

Stand:

Laut Bahngewerkschaft EVG könnten künftig viele Bahnhöfe ihren Anschluss an den Fernverkehr verlieren. Warum unser Bahn-Experte das für unrealistisch hält.

Eigentlich heißt es ja, Konkurrenz belebt das Geschäft. Dass der italienische Bahnbetreiber Italo bald Zugverbindungen in Deutschland anbieten möchte, könnte also eine gute Nachricht für Bahnfahrende sein - mehr Wettbewerb könnte für niedrigere Preise sorgen. Die Gewerkschaft EVG warnt jedoch: Dadurch könnten zahlreiche Verbindungen im Fernverkehr wegfallen.

Das zeigt eine Auswertung der EVG, die dem WDR vorliegt. Demnach könnte es deutschlandweit an 16 Bahnhöfen künftig gar keine oder weniger Verbindungen im Fernverkehr geben. Davon betroffen seien unter anderem Aachen und Münster.

Von einem Sprecher der Deutschen Bahn heißt es auf WDR-Anfrage, man gebe keine Stellungnahme rund um den geplanten Marktantritt von Italo ab. Der Vorstand Fernverkehr bei der Deutschen Bahn, Michael Peterson, hatte allerdings zuletzt im "Tagesspiel" von bis zu 120 Bahnhöfen gesprochen, denen weniger Verbindungen drohen könnten.

Warum könnten Fernverkehrs-Verbindungen in NRW wegfallen?

Bahnbetreiber Italo will ab 2028 zwei Strecken im deutschen Fernverkehr bedienen: München-Frankfurt-Köln-Dortmund und München-Berlin-Hamburg. Laut EVG könnten dann weniger Züge der Deutschen Bahn auf den hochprofitablen Strecken fahren. Heißt: Weniger Gewinn. Der Bahn fehle dann das Geld, weniger lukrative Verbindungen quer zu subventionieren.

EVG-Chef Martin Burkert kritisiert in der Bild am Sonntag: "Wer auf den Hauptstrecken ordentlich Kasse machen will, darf sich nicht zu fein sein, um Städte wie Schwerin, Augsburg oder Jena anzufahren." Bahnchefin Evelyn Palla hatte daher zuletzt die Politik aufgefordert, tätig zu werden. Ohne bessere politische Rahmenbedingungen bei der Streckenvergabe drohe ein ungesteuerter Wettbewerb. Palla warnt: Der könnte sich am Ende für die Mehrheit negativ auswirken.

Wie realistisch ist das EVG-Szenario zum Fernverkehr?

Italo will auf den deutschen Markt. Zunächst mit 30 Schnellzügen auf zwei sehr lukrativen Strecken. Dafür fordert der italienische Anbieter allerdings unter anderem feste Zusagen über Trassen im Fahrplan für mehrere Jahre - bisher werden die aber jedes Jahr neu vergeben. Italo sieht sich daher von der für die Vergabe zuständigen DB-Tochter InfraGo benachteiligt.

Niklas Hoth

WDR-Bahnexperte Niklas Hoth

Die Entscheidung darüber liegt derzeit noch bei der Bundesnetzagentur. Für WDR-Bahnexperte Niklas Hoth ist der Ausgang ungewiss. Ob Züge von Italo also überhaupt bald auf deutschen Schienen fahren, ist noch unklar. Allerdings: Die Europäische Union arbeitet gerade an Vorgaben für verpflichtende Rahmenverträge. Sie sollen ab 2031 greifen.

Was würde das konkret für Aachen, Münster und NRW-Bahnhöfe bedeuten?

Die Gewerkschaft EVG zählt im Schnitt 16 ICE-Verbindungen täglich am Hauptbahnhof Aachen. Internationale Verbindungen nach zum Beispiel Paris, Antwerpen oder Brüssel wären demnach nicht betroffen. Für Bahnexperte Hoth könnten von Kürzungen vor allem die Verbindungen nach Berlin betroffen sein - sie fahren derzeit bis zu dreimal täglich. Die anderen Fahrten lohnen sich genug, um sie beizubehalten.

Für Münster geht die EVG von derzeit 40 IC- und ICE-Verbindungen aus. Bahnexperte Hoth rechnet maximal mit einer Ausdünnung der IC-Verbindungen nach Norddeich-Mole und Emden. Die fahren derzeit bis zu sechsmal täglich. Verbindungen nach München, Basel oder Hamburg würden dagegen extrem gut laufen und stünden nicht auf der Kippe.

Mehr Konkurrenz im Fernverkehr: Chance oder Risiko für Bahnreisende?

Mehr Konkurrenz, günstigere Preise: Auf den Schienen im deutschen Fernverkehr ist das schwierig. Die Deutsche Bahn hat hier einen Marktanteil von 93 Prozent. Sichtbarster Wettbewerber ist Flixtrain, mit den drei Strecken Hamburg - Stuttgart / Basel, Köln - Hamburg und Köln - Dresden / Leipzig. Gerade kurzfristig Reisende können bei der Bahn-Konkurrenz deutlich sparen.

Allerdings ist das Schienennetz bereits jetzt überlastet, sagt WDR-Bahnexperte Niklas Hoth. Wer regelmäßig pendelt, könnte außerdem weniger flexibel unterwegs sein. Wer etwa ein Flexpreis-Ticket der Deutschen Bahn besitzt, müsse dann im Zweifel länger warten, wenn der nächste Zug kein ICE ist, sondern ein Italo, in dem das Ticket nicht gilt - oder umgekehrt.

Mehr Wettbewerb könnte also für sinkende Preise sorgen, vor allem für Frühbucher und Gelegenheitsfahrer. Pendler mit BahnCard 100, Flexpreis oder Strecken-Zeitkarten wären aber wahrscheinlich weniger flexibel unterwegs.

Italienisches Bahnunternehmen Italo sorgt für Probleme

WDR 14.06.2026 00:22 Min. Verfügbar bis 13.06.2028 WDR Online

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Unsere Quellen:

  • Analysepapier Gewerkschaft EVP
  • Nachrichtenagentur dpa
  • Fahrpläne Deutsche Bahn / Flixtrain
  • WDR-Bahnexperte Niklas Hoth

Sendung: WDR 2, WDR aktuell, 14.06.2026, 6:00 Uhr

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