Gedenken an Judendeportation : Todesgruben wurden in Lüdenscheid geplant
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Im Wald nahe der Stadt Riga in Lettland haben Nazis mehr als 27.000 Juden erschossen und in Massengräbern verscharrt. Die Gruben dafür hat damals ein Mitarbeiter des Bauamtes in Lüdenscheid entwickelt. Jahrzehnte später hat sich sein Enkel, der Journalist Lorenz Hemicker, auf Spurensuche gemacht.
Im April 1942 fand in Lüdenscheid die größte Massendeportation von Juden in Konzentrationslager statt. Einer der Täter: Ernst Hemicker aus dem Lüdenscheider Bauamt. Sein Enkel Lorenz Hemicker liest zum Jahrestag am 28. April 2026 ab 19 Uhr im Forum des Lüdenscheider Rathauses aus seinem Buch "Mein Großvater, der Täter".
Wann und wie haben Sie von der Rolle Ihres Großvaters während der Nazizeit erfahren?
Lorenz Hemicker: Ich war fünf Jahre alt und mit meinem Vater im Auto unterwegs. Wir unterhielten uns über Militär und Krieg. Da sagte mein Vater: Dein Großvater Ernst hat sich im Krieg "verdient" gemacht. Den Sarkasmus habe ich mit meinem kleinen Kopf nicht verstanden. Und dann sagte mein Vater, dass Ernst Hemicker an der Ermordung von 10.000en Juden im Zweiten Weltkrieg beteiligt war.
Auf zwei Gedenksteinen in einem Wald bei Riga wird der Opfer gedacht
Ihr Vater hat das also nicht voller Stolz erzählt, sondern … hmmm - welches Wort kann man dafür eigentlich verwenden?
Hemicker: Geplagt. Mein Vater hat geplagt davon erzählt. In keinster Weise stolz. Ich habe dann gemerkt, wie sehr diese Geschichte meinen Vater belastet hat. Dass sie ihn auch immer stärker belastet hat, je älter er wurde. Kurz vor der geplanten Reise zu den Massengräbern in Riga ist er leider plötzlich verstorben.
War Ihr Großvater neben der Planung der Exekutionsgruben auch aktiv an der Ermordung beteiligt? Und macht das eigentlich einen Unterschied für Sie?
Hemicker: Letztendlich ist ja schon das Entwerfen von Massengräbern eine aktive Tat. Jeder, der bei der Massenvernichtung von Menschen eine Rolle gespielt hat, war ja letztlich beteiligt. Ob er nun den Abzug gedrückt hat oder nicht.
Ihr Großvater wurde ja nie für die Massengräber zur Rechenschaft gezogen. Wäre Ihnen oder Ihrem Vater das wichtig gewesen?
Lorenz Hemicker im Leipziger Hauptbahnhof auf dem Weg zu einer seiner Lesungen
Hemicker: Ich weiß nicht, ob es für mich einen Unterschied gemacht hätte. Worunter mein Vater vor allem gelitten hat, war das Gefühl, dass er alleine war. Denn all die anderen Nazis in Lüdenscheid, Kierspe und Meinerzhagen haben geschwiegen. Meinen Vater hat das sehr belastet, weil er das Gefühl hatte, er war der einzige mit einem überzeugten Nazi in der Familie.
Wer auch einen solchen "Schatten" in der eigenen Familiengeschichte hat, was raten Sie solchen Personen?
Hemicker: Sich damit auseinanderzusetzen. Für manche ist es vielleicht hilfreich, sich auf intensive Spurensuche zu begeben. Anderen hilft es vielleicht auch schon, von einem ähnlichen Schicksal zu lesen, wie ich es in meinem Buch beschreibe.
Unsere Quellen:
- Telefoninterview mit Lorenz Hemicker
Sendung: WDR 2 Südwestfalen, Lokalzeit, 28.04.2026, 11:50 Uhr
