Abtreibung Lippstadt: Viele Unterschriften gegen Verbot der Kirche | Aktuelle Stunde
00:28 Min.. Verfügbar bis 16.07.2027.
Konflikt um Abtreibungsverbot am Klinikum Lippstadt geht weiter
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Die Petition des Lippstädter Mediziners und Leiter der Kinderklinik Prof. Dr. Volz läuft weiter erfolgreich: Am Freitagmittag erreichte sie die 125.000 Marke. In Lippstadt geht es also weiter: Dort sind ein evangelisches und ein katholisches Krankenhaus zum Christlichen Klinikum geworden. Eine Forderung der katholischen Seite: Schwangerschaften dürfen nur noch abgebrochen werden, wenn die Frau oder das ungeborene Kind in akuter Lebensgefahr sind.
Der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Soest-Arnsberg, Manuel Schilling, äußert sich jetzt erstmals zu Debatte um Schwangerschaftsabbrüche im Christlichen Klinikum in Lippstadt.
"Kein Krankenhaus kann gezwungen werden..."
Er ruft zur Besonnenheit auf und betont auch, dass kein Krankenhaus gezwungen werden könne, einen Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen. Ebenso dürfe aber auch kein Arzt an einem Abbruch gehindert werden, der - so wörtlich: "in dem gesetzlichen festgelegten Rahmen unseres Landes durchgeführt werden kann."
In Lippstadt habe sich die Evangelische Kirche im Fusionsprozess bei der Frage nach Schwangerschaftsabbrüchen die Position der Katholischen Kirche zu eigen gemacht. "Wir haben das unter anderem getan, um ein großes Krankenhaus in die Zukunft zu führen, die Gesundheitsversorgung einer ganzen Region sicherzustellen und über 2.500 Arbeitsplätze zu erhalten", sagt Schilling.
Begleiten zum Abbruch möglich
Schilling betont in seiner Stellungnahme, dass keine Frau allein gelassen werden dürfe. Er fordert eine "ergebnisoffene Begleitung" von Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch erwägen.
Er empfiehlt, dass betroffene Frauen medizinisch, seelsorgerisch und sozial beraten werden und ihnen auch geholfen wird, einen Arzt oder eine Ärztin außerhalb des Krankenhauses zu finden. Ärztliche Gespräche und auch der Eingriff der Abtreibung könnten auch begleitet werden, beschreibt der Superintendent seinen Lösungsvorschlag.
In seiner Stellungnahme spricht er sich dafür aus, dass der Staat dafür sorge, dass es eine flächendeckende Möglichkeit für Schwangerschaftsabbrüche gibt. "Was das für die katholische Seite bedeutet, müssen die katholischen Geschwister bedenken." Aus seiner Sicht eigne sich das Thema aber nicht für einen Kulturkampf.
"Meine Hilfe kann keine Sünde sein"
Das schreibt der langjährige Leiter der Frauenklinik in Lippstadt Prof. Dr. Volz zu diesem Thema. Jahrelang hat er in Lippstadt eine Kinder- und Frauenklinik mit aufgebaut, die weit über die Grenzen der Kleinstadt in Westfalen bekannt ist - als Geburtszentrum der höchsten Versorgungsstufe mit 1.700 Geburten pro Jahr.
Wenn der Professor und sein Team keine andere Lösung sehen, haben sie bisher - nach Beratung einer Ethik-Kommission - auch Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt. Beispielsweise, wenn bei dem Ungeborenen schwerste Behinderungen festgestellt werden. Das ist jetzt nicht mehr möglich.
Das katholische Kirchenrecht sieht solche Eingriffe nicht vor. Schwangerschaftsabbrüche seien nur erlaubt, wenn das Leben der Mutter oder des ungeborenen Kindes akut gefährdet ist.
"Kirche und Medizin vertragen sich nicht"
Der 67-Jährige formuliert klare Worte gegen seinen Arbeitgeber: "Schluss mit religiösen Vorschriften in öffentlichen Krankenhäusern."
Im Konfliktfall entscheide ich mich für die Gesundheit der Frauen- und gegen die Dogmen der Kirche. Prof. Dr. Joachim Volz
Am 08. August 2025 soll es vor dem Arbeitsgericht Hamm zum Prozess kommen: Das Amtsgericht in Lippstadt wird dabei als Außenstelle genutzt. Der Chefarzt und Gynäkologe ruft zu einer Demonstration auf und bittet seine Unterstützer am Tag des Prozesses vom vormals Evangelischen Krankenhaus zum Amtsgericht zu ziehen.
Unterstützung von der Ärztekammer
Im Internet, aber auch in Lippstadt bekommt der Mediziner große Unterstützung. 65 niedergelassene Ärzte aus der Stadt und der unmittelbaren Umgebung haben einen Protestbrief unterschrieben, die Ärztekammer Westfalen-Lippe hat sich auf die Seite von Prof. Dr. Volz gestellt. Sie verweisen auch auf den Symbolcharakter des Streites in Lippstadt.
In vielen Städten stehen Krankenhaus-Fusionen an, oft unter maßgeblicher Beteiligung der Katholischen Kirche.
"Besonderer Schutz des ungeborenen Lebens"
Das Erzbistum Paderborn hat ein Interview zum Thema abgelehnt, verweist auf das "laufende Verfahren" und betont schriftlich:
Die Beratung von Frauen, die sich durch ihre Schwangerschaft in Konfliktsituationen befinden, ist essenziell. Nicht außer Acht gelassen werden darf dabei jedoch der Schutz des ungeborenen Lebens. Erzbistum Paderborn
Bei einem ersten Schlichtungsversuch vor dem Arbeitsgericht in Lippstadt im April stellte sich ein Richter auf die Seite der Katholischen Kirche und machte deutlich, dass aus seiner Sicht die Kirche solche Anweisungen geben darf. Das Grundgesetz gebe den Amtskirchen "erhebliche eigene Rechte" und: "Die Kirchen können ihre moralischen Vorstellungen für Mitarbeiter verbindlich festlegen."
Unsere Quellen:
- Stellungnahme des Superintendeten des Evangelischen Kirchenkreises Soest
- Prof. Dr. Volz, Chefarzt in Lippstadt
- Bistum Münster
- Erzbistum Paderborn
- Ärztekammer Westfalen-Lippe
- WDR-Reporter vor Ort
Transparenzhinweis: In einer früheren Version dieses Artikels war ausschließlich von einer Ausnahme vom Abtreibungsverbot bei akuter Lebensgefahr der Mutter die Rede. Mittlerweile liegt dem WDR der Ausschnitt aus der Dienstanweisung vor. Wir haben ergänzt, dass demnach auch eine akute Gefährdung des Kindes eine Ausnahme darstellt.
Über dieses Thema berichten wir am 16.07.2025 auch im Fernsehen: WDR Lokalzeit Südwestfalen, 19.30 Uhr.
