Müssen Radfahrer bald aus dem Wald bleiben?
WDR. 04:12 Min.. Verfügbar bis 26.05.2028.
"Wir fahren mit ganz anderen Augen durch den Wald. Plötzlich schaust du dich um und denkst dir: Okay, hier dürften wir gar nicht mehr herfahren." Das sagt Martina Libera vom Mountainbike-Verein Dead Pedals Society aus Iserlohn, als wir gemeinsam eine Runde nahe des Danzturms drehen.
Seit sie vom Gesetzentwurf erfahren hat, mache sie sich Sorgen. "Wie kommen wir dann überhaupt noch zu unseren Trails?" Damit meint sie die beliebten, legalen Mountainbike-Strecken querfeldein. Und sie fragt: "Wie kommen wir noch zur Arbeit, wenn wir mit dem Rad einen Forstweg nutzen?"
Landesforstgesetz NRW: Entwurf mit Sprengkraft
Es ist zwar erstmal nur ein Entwurf, aber der sorgt seit seiner Veröffentlichung für Unruhe. Das Landesforstgesetz von NRW soll erneuert werden. Und dort steht, dass Radfahrende im Wald nur noch auf "Straßen, Fahrwegen und mit Zustimmung des Waldbesitzers und der Forstbehörde gekennzeichneten Trails fahren dürfen."
Martina Libera macht sich große Sorgen um die Zukunft des Mountainbike-Fahrens
Bisher sind es Straßen und feste Wege. Auch die Trails müssen bisher nur vom Waldbesitzer selbst genehmigt werden. Jetzt käme noch die Forstbehörde dazu. Betroffene Radfahrende befürchten eine massive Einschränkung im Wald.
Warum Mountainbiker in NRW jetzt Alarm schlagen
Veröffentlicht hat den Gesetzentwurf nicht die Landesregierung selbst, sondern der Deutsche Interessenverband Mountainbike (DIMB). Solche Verbände hört die Politik bei Gesetzesvorhaben an.
Der Knackpunkt der neuen Regelung: Die Art und Breite der Wege
Der DIMB hat den Gesetzentwurf deshalb zugeschickt bekommen und auf seiner Webseite Alarm geschlagen. Er sorgt sich vor allem um die Formulierung "Fahrwege". Denn der Gesetzentwurf verweist auf einen Erlass über den forstlichen Wegebau im Wald.
3,50-Meter-Regel: Sind Waldwege für Radfahrer zu schmal?
Dort wird für Fahrwege eine Regelfahrbahnbreite von 3,50 Metern aufgeführt. Die Sorge: Wer künftig im Wald Radfahren will, muss immer ein Maßband mitnehmen. Sonst drohe ein Bußgeld.
Das Maßband zeigt: Hier dürfte Martina theoretisch in Zukunft nicht mehr lang
Bei einer kurzen Testfahrt am Berg rund um den Danzturm nehmen Martina Libera und unser Reporter ein Maßband mit. Die aufgeführten 3,50 Meter erfüllt keiner der befahrenen Wege. Liberas Gesicht wird zum Ende hin immer sorgenvoller.
"Wenn man es jetzt nochmal realisiert hat, wo wir überall fahren dürften und wo nicht … Es ist ein großer Teil unseres Lebens mit unserer Familie. Da würde ein großes Stück wegfallen." Martina Libera
Ministerium will "keine Regeln verschärfen"
Tatsächlich ist im Gesetzentwurf selbst aber nicht von einer Mindestbreite die Rede. Stattdessen müssen Radfahrende auf Wegen bleiben, die "von nicht geländegängigen zweispurigen Fahrzeugen (Anm. d. Red.: etwa Autos, Lkw) befahren werden können."
Mehr zum Gesetzesentwurf und welche Zweiräder die neue Regelung außerdem noch betrifft, erfahrt ihr hier:
Das NRW-Landwirtschaftsministerium stellt auf WDR-Anfrage klar: Man wolle mit der neuen Formulierung keine Regeln verschärfen. Auch jetzt sei es verboten, mit dem Rad auf Trampelpfaden oder querfeldein zu fahren.
Sorge um Auslegung der Regeln bleibt
Fahrradverbände und Martina Libera machen sich aber Sorgen, dass es mit der neuen Formulierung trotzdem schärfere Regeln auch auf Wirtschaftswegen gibt. Auch, wenn das gar nicht die Absicht des Landes sei.
Natur in "Rückegassen" soll geschützt werden
Eberhard von Wrede, Vorstandsvorsitzender des Waldbauernverbandes in NRW, beschwichtigt im Gespräch mit dem WDR. Das Problem sei viel mehr, dass einige Mountainbiker sogenannte Rückegassen nutzen.
Die Sorge von Waldbauern: Mountainbiker könnten wilde Tiere aufscheuchen
Die werden etwa alle 20 bis 40 Meter entfernt im Wald angelegt, damit dort alle paar Jahre einmal Maschinen zur Holzernte entlangfahren können. Ansonsten seien dort viele wilde Tiere zuhause, die durch Radfahrende aufgescheucht werden könnten. Das, so glaubt von Wrede, will das Land mit der Nachschärfung verhindern.
Drastische Bußgelder für illegale Trails in NRW geplant
Tatsächlich werden in NRW immer wieder illegale Mountainbike-Strecke angelegt. Dafür drohen nach dem neuen Gesetzentwurf mehrere Zehntausend Euro Strafe. Wer auf einem zu engen Weg erwischt wird, müsse wohl etwa 55 Euro zahlen, schreibt ein Ministeriums-Sprecher auf WDR-Anfrage.
Das Land möchte neben den Tieren auch Erholungssuchende schützen. Rund um den Danzturm sind auch viele Spaziergänger unterwegs.
Gibt es Konflikte zwischen Bikern und Spaziergängern?
Wolfgang sagt, er sei hier jeden Tag unterwegs. Er erschrecke sich schon, wenn ihn Radfahrende auf engen Wegen überholen, ohne vorher auf sich aufmerksam zu machen. Diesen Eindruck haben auch zwei Frauen, die ihren Namen nicht nennen wollen. Konflikte, sagen sie, gebe es deswegen aber nicht. Und wenn sich alle durch Klingeln oder Rufen verständigen, gebe es auch kein Problem.
"Klar gibt es schwarze Schafe. Aber muss man deshalb alle bestrafen? Da schießen sie wieder übers Ziel hinaus", sagt eine der Frauen. Ein anderer Mann geht mit seinem Hund spazieren. Er sagt: "Hier ist es so lebendig, hier fahren sogar Kinder. Alle grüßen freundlich. Schade, wenn das nicht mehr ginge."
Forstleute fordern legale Angebote statt Verbote
Auch der Bund Deutscher Forstleute (BDF) in NRW hat sich auf seiner Homepage zu Wort gemeldet, die Gewerkschaft aller, die im Forst arbeiten. In einer Stellungnahme schreibt der BDF NRW:
"Pauschale Verbote und eine faktische Kriminalisierung des Mountainbikens lösen diese Konflikte jedoch nicht dauerhaft. Der BDF NRW setzt auf Dialog, Besucherlenkung und legale Angebote statt auf reine Verbotsstrategien." Bund Deutscher Forstleute NRW
Die betroffenen Verbände haben jetzt die Möglichkeit, zum Gesetzentwurf Stellung zu nehmen. Auch der Landtag wird das Gesetz noch diskutieren und darüber abstimmen, bevor es in Kraft treten kann.
Unsere Quellen:
- WDR-Reporter vor Ort mit Spaziergängern rund um den Danzturm in Iserlohn
- Martina Libera von Dead Pedals Society e.V.
- Eberhard von Wrede, Vorstandsvorsitzender Waldbauernverband NRW
- Pressestelle Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz NRW
- Bund Deutscher Forstleute NRW
- Deutscher Interessenverband Mountainbike
- Allgemeiner Deutscher Fahrradclub
Sendung: WDR 5, Westblick - aktuell, 20.05.2026, 17 Uhr
Sendung: WDR.de, Müssen Radfahrer bald aus dem Wald bleiben?, 26.05.2026, 09:43 Uhr
