Duisburger Studie untersucht Internetsucht
WDR. 02:36 Min.. Verfügbar bis 22.05.2028.
Kontrollverlust : Weltweit einzigartige Ergebnisse in Duisburger Studie
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Stundenlanges Scrollen am Handy, exzessives Online-Shopping, Online-Pornografie. Viele Menschen verbringen etliche Stunden am Handy oder Computer und können einfach nicht mehr aufhören. Aber warum fällt es vielen so schwer? Das untersucht eine Studie der Uni Duisburg-Essen.
Rund 1000 Teilnehmer, etliche Tests und Fragebögen - mit der Studie sei ein richtiger Datenschatz entstanden. "Das ist einmalig in der Welt", so Matthias Brand, Professor an der Uni Duisburg-Essen. Ein Forscherteam untersucht deutschlandweit Internetsucht, unter seiner Leitung. Nach vier Jahren empirischer Forschung ist jetzt belegt: Drei Mechanismen verursachen die problematische Nutzung.
Ein Grund: Das Internet beruhigt viele
Erstens ein emotionaler Aspekt - Internet beruhigt viele. Die Probanden leiden unter Stress und psychischer Belastung. Sie wollen sich besser fühlen und haben gelernt, dass beispielsweise Computerspiele oder Online-Shopping ihren Stress erstmal abbaut. Alleine der Anblick einer App könne dann schon ein starkes Verlangen auslösen.
Zweitens: Die Automatisierung. Wir merken oft gar nicht mehr, wenn wir das Handy aus der Tasche holen. Auch Gewohnheit spielt eine große Rolle.
Viele kommen stundenlang nicht mehr vom Netz los
Der dritte Mechanismus ist der Kontrollverlust. Betroffene können schon bei der Entscheidung, "Spiele ich, oder spiele ich nicht?", nicht mehr stoppen. Ploppt der Gedanke an eine bestimmte Internetanwendung auf, wird unkontrolliert konsumiert. Egal ob Social Media, Online-Shopping oder Pornografie. Hängen Süchtige einmal in der App, kommen sie oft stundenlang nicht mehr los. "Auf Tik Tok werden einem automatisch immer neue Videos zu einem Thema, das mich interessiert angezeigt. Auf einmal sind ein paar Stunden rum", erzählt eine 22-Jährige. Und dann immer wieder diese Werbeanzeigen zum Online-Shopping.
Die Probanden schätzen ihre Internetnutzung selbst als problematisch ein. Viele haben über die Jahre erneut an den Tests teilgenommen, so dass ein Datensatz entstanden ist, auf den Brand stolz ist. Es gab vorher schon theoretische Modelle zu diesem Thema, die bisher aber nicht empirisch bewiesen waren.
Viele hängen mehr als fünf Stunden am Handy
Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Annica Kessling betreut die Studienteilnehmer an der Uni Duisburg-Essen. Viele erzählen ihr, dass sie Zeitlimits auf Social Media einstellen. Die setzen sie dann aber immer wieder höher, weil sie nicht loskommen. Dann schlafen sie schlecht, sind unkonzentriert und schaffen ihre Arbeit nicht. Auch das soziale Leben leidet darunter.
"Viele sagen, dass sie unter der Internetsucht leiden." Annica Kessling, Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Die wissenschaftliche Mitarbeiterin hat mit den Teilnehmern der Studie Tests am Computer gemacht. Dabei wurden den Probanden Bilder von Instagram, Facebook, Tik Tok und anderen Social Media-Plattformen gezeigt und neutrale Bilder, etwa von einem Briefumschlag oder einem Kuli. Mit einem Joystick mussten sie die Bilder an sich heranziehen. Probanden mit problematischer Internetnutzung reagieren viel schneller und stärker auf die Bilder, ziehen sie reflexartig zu sich. Das Gehirn ist darauf regelrecht gedrillt.
Psychologische und neurobiologische Prozesse untersucht
Wir machen mit den Probanden eine sogenannte Kernbatterie, erzählt Brand. Das bedeutet vier bis fünf Stunden verschiedene Aufgaben, ein diagnistisches Interview und Fragebögen zur Persönlichkeit. Objektive Verhaltenstest, wie Computeraufgaben zeigen, wie stark oder schwach die Selbstkontrolle ist.
Die Ergebnisse sollen helfen Therapien zu entwickeln. Die Studie läuft noch bis Mitte 2027. Interessierte können sich bei der Uni-Duisburg Essen melden, um teilzunehmen.
Unsere Quellen:
- Interview mit Prof. Matthias Brand
- Interview mit Annica Kessling
- Universität Duisburg-Essen
Sendung: WDR.de, Duisburger Studie untersucht Internetsucht, 22.05.2026, 15:09 Uhr