Das Ruhrgebiet kann Stadtplanung Folge 1: Wohnen
03:28 Min.. Verfügbar bis 26.11.2027. WDR.
Michaela Bonan hebt den Bauzaun und führt uns auf eine Brachfläche. Früher Zechengelände, Altlasten im Boden, von der Herner Innenstadt aus ist der Hügel kaum zu erreichen. Heute regieren hier Kröten. Und doch sagt Torsten Bölting, Mitgründer des Deutschen Instituts für urbane Transformation: "Das hier ist für mich einer der Zukunftsorte im Revier!"
"Da ist der Kirchturm, da müssen wir hin", sagt Bonan, die in Herne die Stabsstelle Zukunft der Gesellschaft leitet. Und zeigt einen Plan. Eine Seilbahn soll die Brachfläche künftig mit dem Bahnhof Herne-Wanne-Eickel verbinden. Über den Abhang hinweg, über die Gleise. Mit diesem Verkehrsprojekt, das Herne mit Fördermitteln ab 2028 bauen will, soll auch die Wirtschaft und der Wohnraum rundherum gestärkt werden.
Auch die "alte" Innenstadt soll dadurch aufgewertet werden
Michaela Bonan (Mitte) zeigt, wo die Seilbahn verlaufen soll. Links Torsten Bölting.
Wo jetzt noch nichts ist, sollen sich Unternehmen ansiedeln. Dadurch soll auch die "alte" Innenstadt aufgewertet werden. Für Torsten Bölting ein Beispiel dafür, wie Stadtplanung neue Möglichkeiten eröffnen kann, vor allem wenn man anders denkt als gewohnt und Strukturen aufbricht: "Es ist doch auch einfach cool, vom Bahnhof mit der Seilbahn zum Arbeitsplatz zu fahren. Wer hat das schon?"
Wohnen. Verkehr. Wirtschaft. Themen mit großen Herausforderungen – gerade im oft verbauten Revier. Doch Torsten Bölting sagt: Auch hier kann Stadtplanung funktionieren. Und nimmt uns mit auf eine Reise durch das Ruhrgebiet. Zu zentralen Herausforderungen und modellhaften Lösungen.
Wohnen: Planung statt Ausgrenzung
Zusätzlicher, am besten günstiger und möglichst ökologischer Wohnraum, wo eigentlich schon alles voll ist? "Hier wurde eine Lösung gefunden", sagt Bölting und führt uns zum Modellquartier Bergmannsgrün in Huckarde. Vivawest hat hier bestehende Gebäude saniert. Und dann: Das bisherige Dach abgenommen – und stattdessen in Modulbauweise neue Holzwohnungen oben draufgesetzt.
Eine zusätzliche Wohneinheit, wo früher ein Dach war.
Je ein zusätzlicher Stock – insgesamt 61 neue Einheiten, wo alles schon dicht schien. Dazu erneuerbare Energiequellen, Dämmung, Wasserrückhalte, gemeinsame Freiflächen, Spielplatz – eine neue KiTa. "Hier wird alles zusammengedacht, was innerhalb von Städten helfen kann", sagt Bölting.
Und auch Städte selbst können Einfluss nehmen. Bochumer Straße, Gelsenkirchen-Ückendorf. "Das ist eine Straße mit großen sozialen, auch städtebaulichen Problemen", erklärt Bölting. Problemen, wie es sie etwa auch im Norden von Duisburg oder Dortmund gebe. Doch hier habe Gelsenkirchen reagiert. Seit Jahren kauft die Stadt Problemimmobilien auf, reißt ab, saniert.
Neue Kneipen locken in die Bochumer Straße.
Und lockt mit Aktionen und in vielen Gesprächen neue Gewerbetreibende und Gastronomen an. Aus der "Schmuddelstraße" wurde so ein Ausgehziel, sagt Bölting – auch Studierende von ihm aus Bochum fahren hierher. "Das ist die Antwort auf die Stadtbild-Debatte. Nicht Ausgrenzung! Gute Stadtplanung." Das Wohnumfeld hier habe sich dadurch bereits verbessert.
Wirtschaft: Hoffnung statt Ohnmacht
Eins hängt mit dem anderen zusammen: Wohngegenden stärkt man auch durch nahe gute Arbeitsplätze. Und Arbeitsplätze sind besonders attraktiv, wenn sie an attraktiven Wohngebieten liegen – und eigenen Freizeitwert bieten. Ein starkes Beispiel dafür, was möglich ist, sieht Torsten Bölting ausgerechnet in dem früheren Opel-Gelände in Bochum. 2014 gingen hier die Lichter aus. Die ganze Stadt wankte.
Ralf Meyer (links) hat als Geschäftsführer von Bochum Perspektive das alte Opel-Areal zum Zukunftsort entwickelt.
"Doch dann kam einer, der das gedreht hat", sagt Bölting. Und meint Ralf Meyer. Der war mal Bäcker, dann Wirtschaftsförderer – und machte mit seinem Team aus 70 Hektar toter Industriefläche die "Mark 51.7". Hier arbeiten nun bereits mehr Menschen als zuletzt bei Opel. In Zukunftsbranchen, etwa Cybersecurity. Das Konzept ist eine radikale Abkehr von den Industriejahren.
Meyer: "Kein Unternehmen hat hier mehr als 1000 Mitarbeiter. Bei einer Pleite soll nicht wieder die ganze Stadt ins Wanken kommen." Ein Zukunftsmodell. "Bochum hat hier Wirtschaftsgeschichte neu geschrieben", sagt Bölting.
Verkehr: viele lose Enden
Beim dritten Thema fällt es selbst dem Optimisten Torsten Bölting schwer, große Positiv-Beispiele zu finden. Zu viele Dauerbaustellen, wie das Kreuz Kaiserberg. Zu viele absurde Hindernisse, wie die unterschiedlichen Bahn-Spurbreiten. Zu viele lose Enden, wie am Radschnellweg RS1 in Mülheim.
"Der Verkehr im Ruhrgebiet ist eigentlich eine einzige Fehlplanung." Torsten Bölting
Ringen um ober- oder unterirdische Autobahn
Da aufzubrechen und zu verbessern, was schon falsch angelegt wurde – ist ein Mammutprojekt. Wir treffen Duisburgs Planungs- und Verkehrsdezernenten Martin Linne (parteilos) unter der A59-Hochstraße im Stadtteil Meiderich. Duisburg will hier keine Hochstraße mehr – sondern eine unterirdische Lösung.
Treff mit Duisburgs Stadtplanungsdezernenten Martin Linne unter der A59
Die Autobahn GmbH dagegen die Hochstraße noch ausbauen, so sei der sechsspurige Ausbau schneller und kostengünstiger möglich. Doch Linne fürchtet um den Stadtteil, um Wohnqualität und Grundstückspreise, "wenn die Autobahn hier den Häusern noch näher rückt und die kaum noch die Sonne sehen". Er sagt: Genau sowas werde oft vergessen.
Dass es bei Planungs-Großprojekten nicht nur um deren Kosten geht – sondern auch darum, was sie für das Viertel rundherum bedeuten. Stadtplanung sei so schwer, weil über viele Jahre und mit großen Summen gedacht werden müsse. "Das ist ein Marathon!" Duisburg will weiter für die abgedeckelte Autobahn kämpfen.
Fazit des Forschers: Mehr Stadtplanung wagen!
Auch Forscher und Stadtplaner Torsten Bölting meint: Die Meidericher "von der Autobahn zu befreien" könnte eines der so schwer zu findenden guten Verkehrsprojekte im Revier sein. Sein Appell am Ende unserer Tour durch das Ruhrgebiet: Außerhalb der Box denken! Sich mehr Stadtplanung trauen! Denn mit ihr lässt sich Zukunft bauen.
Unsere Quellen:
- Gespräche mit Städten und Wirtschaftsförderern im Ruhrgebiet
- Vor-Ort-Recherche gemeinsam mit Stadtplaner und Forscher Torsten Bölting
Sendung: wdr.de, Das Ruhrgebiet kann Stadtplanung Folge 1: Wohnen, 26.11.2025, 13:57 Uhr
