Kostenlose Zahnbehandlung für Obdachlose in Köln
03:12 Min.. Verfügbar bis 09.01.2028.
Es ist früher Morgen unter der Zoobrücke in Köln. Zwischen Betonpfeilern und provisorischen Schlafplätzen beginnt für Benjamin, Pawel und Paul der Tag. Seit mehr als fünf Jahren leben die drei Männer hier. Ein fester Wohnsitz, regelmäßige Arztbesuche oder Zahnarzttermine gehören längst nicht mehr zu ihrem Alltag.
Ein strukturelles Problem
Die Geschichte der drei Männer steht stellvertretend für ein größeres Problem in Köln, in Nordrhein-Westfalen und sogar bundesweit. Trotz allgemeiner Krankenversicherungspflicht sind laut offiziellen Zahlen rund 61.000 Menschen in Deutschland nicht krankenversichert.
Unter der Zoobrücke: Medizinische Versorgung ist für Obdachlose nicht selbstverständlich
Fachleute schätzen die Dunkelziffer jedoch auf bis zu 1,5 Millionen. Besonders obdachlose Menschen fallen häufig durch alle Raster. In Nordrhein-Westfalen leben nach Schätzungen mehrere zehntausend Menschen ohne festen Wohnsitz. Für viele von ihnen bleibt medizinische Versorgung unerreichbar.
Ein besonderer Termin im Agnesviertel
Für Pawel, der aus Polen nach Deutschland kam, ist dieser Tag ein Hoffnungsschimmer. Denn: Im Kölner Agnesviertel hat sich ein Zahnarzt bereit erklärt, ihn und seine beiden Freunde ehrenamtlich und kostenfrei zu behandeln. Vor dem Termin kaufen Pawel und Paul Blumen für die Praxis, dafür haben sie extra gespart. Ein Zeichen der Dankbarkeit.
Behandlung aus Überzeugung
Mit seiner Arbeit gibt Dr. Jens Frößler den Menschen ein Stück Lebensqualität.
Der behandelnde Zahnarzt Dr. Jens Frößler hat viele Jahre für "Zahnärzte ohne Grenzen" gearbeitet. Für ihn ist die Behandlung obdachloser Menschen eine Frage der Menschlichkeit. Vor dem heutigen Termin mussten Pawel mehrere Zähne gezogen werden. Nun bekommt er Zahnersatz im Ober- und im Unterkiefer. "Ich habe ein bisschen Angst. Aber auch Hoffnung", sagt Pawel.
Dann reicht Dr. Frößler ihm den Spiegel. Pawels Blick bleibt hängen. Sekundenlang sagt er nichts. Pawel fährt mit der Zunge vorsichtig über die neuen Zähne. Erst zögerlich, dann immer sicherer. Er öffnet den Mund, schließt ihn wieder. Dann, zum ersten Mal seit Langem, lächelt er offen: "Das ist viel besser. Jetzt kann ich auch wieder Zähne zeigen bei anderen Leuten."
Mehr als medizinische Hilfe
Mit den neuen Zähnen kehrt für Pawel ein Stück Lebensqualität zurück. Auch für Paul und Benjamin bedeutet dieser Tag mehr als medizinische Hilfe. Es ist das Gefühl, gesehen und ernst genommen zu werden. Die Hoffnung wächst, wieder selbstbewusster aufzutreten. Ein kleiner Schritt zurück in ein Leben, von dem sie lange ausgeschlossen waren.
Unsere Quellen:
- Reporter vor Ort
- Zahnarzt Dr. Jens Frößler
- Statistisches Bundesamt
Sendung: Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit kÖLN, 09.01.2026, 19.30 Uhr