Am 23. August jährt sich zum ersten Mal der Anschlag auf dem Solinger Stadtfest, bei dem ein junger Mann aus Syrien drei Menschen tötete und zehn weitere verletzte. Aktuell feiert die Stadt genau dieses Fest wieder - unter dem Motto "Wir feiern weiter!".
Bei dem Sommerfest soll es auch ein Gedenkkonzert für die Opfer des Anschlags geben. Der Psychotherapeut und Trauma-Experte Christian Lüdke ist bundesweit als Notfalltherapeut tätig und kommt dann zum Einsatz, wenn ein tragisches Ereignis passiert ist. Ein Gespräch mit ihm über die Funktion von Gedenktagen und ihren Nutzen für Opfer, Angehörige und Gesellschaft.
WDR: Herr Lüdke, helfen solche Jahrestage ein Trauma zu bewältigen?
Psychotherapeut Christian Lüdke
Christian Lüdke: Ja, absolut. Jahrestage von solchen Anschlägen erfüllen eine ganz zentrale gesellschaftliche und auch traumatherapeutische Funktion, weil es sind kollektive Momente der Erinnerung. Durch solche Gedenktage werden heilsame Erinnerungsanker geschaffen im Umgang mit diesem kollektiven Trauma. Sie geben darüber hinaus Raum für Erinnerungen, für Würde, für Neubeginn und letztendlich auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und von daher finde ich, sind solche Tage ganz wichtig, um solche traumatischen Erfahrungen zu integrieren. Denn ein solcher Angriff ist ja nicht nur ein Angriff auf die einzelnen Menschen, auf die Angehörigen, sondern es wird auch immer die Seele einer Stadt angegriffen. Von daher finde ich es ganz wichtig weiterzufeiern, um dem Tag wieder eine andere und neue Bedeutung zu geben.
WDR: Sie haben da gerade von heilsamen Erinnerungsankern gesprochen. Ist das denn in jedem Fall so? Es könnte ja auch bedeuten, dass das verursachte Leid immer wieder durchlebt werden muss.
Lüdke: Solche Tage müssen richtig gestaltet werden und richtig bedeutet, es darf nicht zu einer Erlebnisaktivierung kommen. Es geht darum, eben nicht zu konfrontieren, weil dann würde man diese ganzen traumatischen Erinnerungen und Erfahrungen immer und immer wieder durchleben. Und das wäre am Ende dann retraumatisierend, man würde es schlimmer und schrecklicher machen. Diese Tage sollen also eher dazu dienen, stellvertretend Hoffnung, Zuversicht zu vermitteln und die Botschaft zu senden: Gemeinsam schaffen wir das, wir sind stärker als das Böse.
WDR: Es gibt vermutlich auch nicht nur eine Art, ein Trauma zu bewältigen.
Lüdke: Menschen sind da ganz unterschiedlich. Manche, die machen das so mehr kopfmäßig, die versuchen das, was geschehen ist, einfach rational zu verstehen und in ihr Wirken zu integrieren. Andere Menschen reagieren sehr emotional. Sie brechen zusammen, haben Angst, Wut, Trauer, Schuldgefühle. Andere vermeiden das auch. Sie spalten das komplett ab, haben damit aber ein hohes Risiko, später dann zu chronifizieren. Andere, die überreagieren manchmal auch, indem sie sich dann komplett zurückziehen. Und anderen Menschen hilft es eben, das kollektiv zu verarbeiten. Und da dienen eben solche Tage den Betroffenen, um das besser in ihr Leben zu integrieren.
WDR: Welche Arten sind denn aus Ihrer Sicht am erfolgreichsten bei der Bewältigung eines Traumas?
Lüdke: Am erfolgreichsten sind Menschen - man bezeichnet sie in der Wissenschaft als Selbstheiler oder Selbsterholer - , die eine mittelmäßige, berufliche und private Zufriedenheit haben. Die haben Freunde, Partner, Kinder, soziale Netzwerke. Sie sind mit sich und ihrem Leben halbwegs zufrieden und auch beruflich zufrieden. Sie haben wenig Vortraumatisierungen. Das sind etwa zwei Drittel der Menschen, die das mit der Zeit von ganz alleine verarbeiten werden. Man braucht Menschen, stabile Menschen in der Nähe, die eben unterstützen und immer wieder sagen: "Wir schaffen das gemeinsam." Mut, Hoffnung, Zuversicht sind da ganz wertvolle Hilfen.
WDR: Wenn Sie Menschen, die ein Trauma bewältigen wollen, länger begleiten, was fällt Ihnen da auf, wenn Zeit vergeht?
Lüdke: Wenn die Zeit vergeht, erlebe ich immer eine traumatische Reifung. Ich frage auch immer: "Was war das Gute im Schlechten?" Das klingt vielleicht im ersten Moment komisch. Was soll daran gut gewesen sein? Aber mit der Zeit erkennen Menschen, dass eben auch in diesem schrecklichen Trauma immer etwas Positives ist. Sie verändern sich. Sie leben viel bewusster. Menschen erkennen wie zerbrechlich das Leben ist. Nichts ist selbstverständlich. Und viele Menschen nutzen das dann, um ihrem Leben eine andere Richtung zu geben. Sich auch mehr um sich selbst oder Familie, Freunde zu kümmern. Von daher kann das am Ende, wenn man es eben überlebt hat, eine durchaus heilsame Erfahrung sein, die Menschen stärker macht.
WDR: Es gibt ja diesen Spruch "Die Zeit heilt alle Wunden". Wie ordnen Sie den ein?
Lüdke: Leider stimmt das nicht. Es gibt wirklich Wunden, die nicht mit der Zeit heilen. Denken wir an Eltern, die ihre Kinder verlieren, erleben das Schrecklichste, was man im Leben erleben kann. Und da heilt auch nicht die Zeit. Menschen, die so etwas erlebt haben, die sind ein Leben lang untröstlich, weil es gibt keinen Ersatz für das Leben und da hilft auch nicht die Zeit.
WDR: Sie haben nach dem Anschlag in Solingen vor einem Jahr gesagt: "Grübeln ist Gift für die Seele". Aber wie kann man da rauskommen?
Lüdke: Der Weg daraus ist, sich tatsächlich abzulenken, die Aufmerksamkeit auf schöne, angenehme Dinge umzulenken, natürliche Rauschzustände zu erleben. Bewegung ist wichtig. Ernährung ist wichtig. Alles essen, was grün ist, entspannen. Ich kann 20 Folgen Netflix gucken. Ich kann mit dem Hund ausgehen oder ins Fitnessstudio. Also alles, was uns gut tut, was unser Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert, führt dazu, dass Dopamin ausgeschüttet wird. Und diese Glückshormone sind dann ein gutes Gegenmittel gegen diese schrecklichen Erlebnisse.
Das Gespräch führte Rebecca Link im Morgenecho auf WDR 5.