Günther Bergmann sitzt auf einem Stuhl einer Klientin gegenüber

Nachgestellte Szene: Günther Bergmann sitzt im Beratungsgespräch einer Klientin gegenüber

Depression: Kirchen in NRW helfen mit kostenloser Lebensberatung

Stand:

45 Prozent der Menschen in Deutschland sind von Depression betroffen: entweder direkt aufgrund einer eigenen Erkrankung (24%) oder indirekt als Angehöriger (26%). Das sagt die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention. Helfen können kostenlose Beratungsstellen der evangelischen und katholischen Kirche.

"Was bringen Sie heute mit?" Mit dieser Frage beginnt Diplom-Psychologe Günther Bergmann meist sein Beratungsgespräch in der Ehe-Familien-Lebensberatung des Erzbistums Köln. Mitten in der Kölner Innenstadt befindet sich sein lichtdurchflutetes Büro. Seit 30 Jahren leitet der zugewandte Mann mit Brille und grauen Haaren die Beratungsstelle. Das Gespräch führt er auf bequemen blauen Stühlen rund um einen kleinen Tisch.

Anzahl der Sitzungen ist nicht festgelegt

Häufig haben die Menschen schon eine Idee davon, woran sie leiden, wenn sie zu ihm in die Beratung kommen. Viele haben im Vorfeld im Internet recherchiert. Aber auch wenn man nur ein diffuses Gefühl von, "hier stimmt etwas nicht mit mir" hat, ist man bei Günther Bergmann richtig. "Ich frage dann konkret: Wo bemerken Sie Ihre Verstimmungen im Tagesablauf? Fängt das schon gleich morgens an, wenn Sie aufwachen? Und dann kommt man so nach und nach ins Gespräch. In der Regel ergibt sich daraus dann auch ein Fokus, den man ein bisschen genauer betrachten kann."

Im Schnitt fünf bis zehn Male kommen die Menschen zu ihm in die Beratung. Dabei liegen zwischen den Treffen zwei und mehr Wochen. Eine festgelegte Anzahl an Sitzungen gibt es bewusst nicht.

Kostenlose Beratungsstellen von kirchlichen Trägern gibt es in ganz NRW

Claudia Wagner (Name von der Redaktion geändert) hat ein Angebot in Mülheim an der Ruhr genutzt. Nach einer schmerzhaften Trennung verliert sie den Boden unter den Füßen.

"Ich habe mich so verzweifelt und alleine gefühlt, doch die Beraterin hat mir wirklich zugehört und mich lebensbejahend und positiv beraten." Claudia Wagner (Name von der Redaktion geändert), Klientin

Die Tatsache, dass die Beraterin eine Person außerhalb ihrer Familie und ihres Freundeskreises war, hilft ihr damals sehr. "Ich musste mich nicht schämen, konnte ganz frei sprechen und dadurch habe ich mich ein Stück weit aufgefangen gefühlt und das hat mir wirklich in einer Situation weitergeholfen, wo ich sehr mit dem Leben gehadert habe."

Wege aus der Depression: Symptome erkennen und Hilfe finden

Innenwelt - Der Psychologie-Podcast von WDR 5 07.09.2025 47:08 Min. Verfügbar bis 07.09.2027 WDR 5

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Eine ähnliche Erfahrung macht auch Niklas Wertz (Name von der Redaktion geändert). Er hat sich im evangelischen Beratungszentrum in Ennepetal Hilfe geholt, als es bei ihm im August akut wird. Nach seinem Anruf dauert es keine zwei Wochen, bis er mit der Lebensberatung anfangen kann. "Es fühlt sie wie ein Safe-Space an. Am Ende ist es mir auch egal, ob da eine Psychologin oder "nur" eine qualifizierte Diplom-Sozialpädagogin vor mir sitzt – es hilft ungemein. Und ich kann sagen, dass ich für dieses Angebot unglaublich dankbar bin."

Die Anfrage steigt besonders zur dunklen Jahreszeit

Porträtaufnahme;: Tobias Wiegelmann im weißen Hemd vor einer Klinkerwand

Tobias Wiegelmann leitet die Beratungsstellen im Erzbistum Köln

Mittlerweile gibt es auch bei der Beratungsstelle des Erzbistum Köln Wartezeiten. Dabei ist es egal, bei welcher der zwölf Beratungsstellen zwischen Mettmann und Rheinbach man anfragt – der Bedarf ist in großen wie in kleinen Städten riesig. Je zeitlich flexibler man ist, umso eher bekommt man einen Platz. Insgesamt 80 Beraterinnen und Berater sind im Kölner Erzbistum im Einsatz. Pro Jahr helfen sie etwa 7.000 Menschen.

"Besonders im Herbst und Winter steigen bei uns die Anfragen, gerade im Bereich der depressiven Verstimmungen. Leider muss man mittlerweile auch bei uns zwischen vier Wochen und sechs Monaten auf einen Termin warten" Tobias Wiegelmann, Fachleiter für Ehe-, Familien- und Lebensberatung im Erzbistum Köln

Was immer zeitnah geht, sind die digitalen Einmal-Sprechstunden, bei denen Beraterinnen und Berater ein erstes Gespräch online führen und die Dringlichkeit erfragen. Sie haben auch viele Kontakte zu weiteren psychologischen Angeboten.

Beratung ersetzt keine Psychotherapie

Obwohl Günther Bergmann ausgebildeter Diplom-Psychologe ist, ersetzt die Beratung keine kassenärztliche Psychotherapie

"In der Einzelberatung können wir im Grunde die Wartezeit auf den Therapieplatz begleiten. Wie bieten stabilisierende Übungen, helfen, den Alltag zu strukturieren und sind ganz oft auch einfach der Erstkontakt, wo man ganz in Ruhe und ausführlich reden kann." Günther Bergmann, Diplompsychologe

Das Angebot des Erzbistum Köln ist kostenlos und wird durch die Kirchensteuer finanziert. Mitglied einer Kirche muss man nicht sein, um das Angebot zu nutzen. Auf der Internetseite kann man über ein Formular Kontakt aufnehmen oder sich telefonisch melden. Auch Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, können die Beratung nutzen. Daten von den Klientinnen und Klienten werden nicht weitergegeben, auch nicht an Krankenkassen. Wer eine solche Beratung nutzt, hat also keinen Eintrag in seiner e-Krankenakte.

Hinweis:
Wenn Sie sich in einer akuten Krise befinden oder an Suizid denken, wenden Sie sich bitte an Ihren behandelnden Arzt oder Psychotherapeuten, die nächste psychiatrische Klinik oder wählen Sie den Notruf unter 112. Sie erreichen außerdem die Telefonseelsorge rund um die Uhr, anonym und kostenfrei unter 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222 oder unter telefonseelsorge.de. Weitere Informationen zu Anlaufstellen und Hilfe finden Sie bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention.

Unsere Quellen:

  • Beobachungen der Reporterin vor Ort
  • Gespräch mit Diakon Tobias Wiegelmann und Diplompsychologe Günther Bergmann
  • Gespräche mit Betroffenen
  • Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention

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