Als Teenagerin haut Lily Lösch ab und wohnt lieber in Abbruchhäusern als Zuhause. Eine schwierige Kindheit und Missbrauch prägen ihre Biografie. Es gäbe "keinen Mangel an Katastrophen", beschreibt sie ihr Leben.
Auf der Straße zu leben, zu betteln oder dort anders Geld zu verdienen, "das geht an die Würde, das geht an die Substanz", sagt die 50-Jährige. "Ich kenne dann auch die Situation, dass man noch 'n blöden Spruch reingedrückt kriegt, als wäre man Mensch zweiter Klasse, oder als wäre man einfach Abfall".
Neuinterpretation des Loreley-Mythos
Mittlerweile hat sie einen Ort, wo sie wohnen kann. Lily Lösch steht im Kunstmuseum Bonn und rezitiert Heinrich Heines Gedicht "Die Loreley": "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten/ Dass ich so traurig bin/ Ein Märchen aus alten Zeiten/ Das geht mir nicht aus dem Sinn."
Sie ist Teil der Theatergruppe "Asphalto" vom Verein für Gefährdetenhilfe. Mit "Loreley wird gesucht" interpretieren sie die mythologische Figur Loreley neu, als obdachlose Frau in der Bonner Gegenwart.
Das Theaterstück ist Teil der Ausstellung "#ifeelyou - Dimensionen der Empathie" im Kunstmuseum Bonn. Bald ist Premiere.
Echte Geschichten von der Straße
Der Regisseur Alex Mello entwickelte mit den Schauspielerinnen und Schauspielern das Stück, das ihre Erfahrungen mit Ausgrenzung und Unsichtbarkeit verarbeitet. Kathrin Junge-Gross unterstützt die Proben, sie ist Theaterpädagogin in Ausbildung.
Einige Schauspielerinnen und Schauspieler haben auch während der Proben keinen festen Wohnsitz oder können nicht regelmäßig teilnehmen. Den Text wirft Mello deswegen immer wieder um.
"Ich bin immer bereit, neu anzufangen, immer bereit, dass jemand sagt: 'Ich kann nicht mehr.' 'Ich habe kein Zuhause mehr.', 'Ich habe nicht gegessen', 'Ich bin hierher gekommen, um zu schlafen', [...]'Darf ich mein Kostüm mit nach Hause nehmen, weil ich keine Klamotten habe?'"
Wir sind Menschen, die normalerweise keine Möglichkeit haben, Kunst zu machen, keine Möglichkeit haben, gesehen zu werden. Menschen, die normalerweise am Rand der Gesellschaft sind und plötzlich sagen wir: Hey! Moment mal, stopp! Wir treffen uns hier und erzählen unsere Geschichte. Wir werden Protagonisten. Alex Mello, Regisseur
So hilft Theater den Schauspielerinnen und Schauspielern
Lily Lösch geben die Theaterproben mehr Struktur in ihrem Alltag: "Das ist ein guter Ausgleich für mich, eine Routine zu haben, einmal die Woche, [...] da muss man dabei sein, und dazu muss man stehen, das muss man einhalten”.
Sie findet auch, vor Publikum zu spielen steigert ihr Selbstbewusstsein: "Ich wurde zum ersten Mal so richtig gelobt, das war ein ganz neues Feeling."
Theater statt Drogen
Alex Mello erzählt, er erlebe es nicht zum ersten Mal, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler motiviert sind, ihr Leben für das Theaterspielen umstellen: "Wir haben schon eine Person in der Gruppe, die aufgehört hat Drogen zu nehmen". Damit ist das Projekt für ihn jetzt schon ein Erfolg.
Die Aufführungen finden am 21. und 28. Juni und am 5. Juli statt. Um Anmeldung wird gebeten. Der erste Termin ist bereits ausgebucht. Weitere Informationen gibt es auf der Website des Vereins für Gefährdetenhilfe.
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräch mit Alex Mello und Lily Lösch
- Verein für Gefährdetenhilfe Bonn
- Kunstmuseum Bonn
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Bonn, 19.06.2026, 19.30 Uhr