An den Tag, an dem er in die JVA Euskirchen gekommen ist, erinnert sich Thomas Reifenhäuser (Name geändert, Anm. d. Red.) noch genau: Das war im Frühsommer 2004: "Da habe ich mich hier hinfahren lassen, von meiner Familie und habe mich dann das letzte Mal in Freiheit verabschiedet."
Wegen Internetbetrugs über seine IP-Adresse wurde Reifenhäuser damals verurteilt - und kam in den offenen Vollzug der JVA Euskirchen. Was er dort erlebt hat, beschäftigt ihn bis heute.
Umschlagplatz: Die Kleiderkammer der JVA
Er arbeitete dort in der Kleiderkammer, war also mitunter dafür zuständig, Wäsche zu sortieren oder auch Warenlieferungen von außerhalb der JVA zu bearbeiten. Zum Beispiel Einwegrasierer oder Waschpulver. Die Kleiderkammer war aber nicht nur ein Umschlagplatz für Waren - sondern auch ein Marktplatz für Gefälligkeiten, so erinnert er sich heute.
"In der Kleiderkammer habe ich mehrfach - also mehr als 50 Mal - mitbekommen, wie Beamte mit Gefangenen Geld getauscht haben gegen Urlaub, also gegen gewisse Privilegien wie Einkaufsausgang oder Hafturlaub." Thomas Reifenhäuser, ehemaliger Häftling der JVA Euskirchen
Dass Häftlinge die JVA verlassen dürfen, auch über Nacht, ist im offenen Vollzug nichts Ungewöhnliches: Jeder Insasse hat unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch auf bis zu 21 Kalendertage Hafturlaub im Jahr, während der er auch zu Hause übernachten darf.
500 Euro für ein Wochenende zu Hause
Normalerweise braucht es dafür einen Antrag. In der JVA Euskirchen gab es zu seiner Zeit aber auch andere Möglichkeiten, erinnert sich Thomas Reifenhäuser:
"Ein Gefangener ist zu einem höheren Beamten in der Kleiderkammer gekommen und hat dort Geld übergeben. Und derjenige hat ihm dann eben bestätigt: An diesem Wochenende kannst du raus. Das waren 250 Euro für einen Einkaufsausgang, 500 Euro für ein Wochenende zu Hause."
Gab es schon vor 22 Jahren Bestechung in der JVA Euskirchen?
WDR. 21.05.2026. 00:42 Min.. Verfügbar bis 20.05.2028.
Thomas Reifenhäuser war ein knappes halbes Jahr in der JVA Euskirchen: "In dieser Zeit haben allein die zwei Beamten in der Kleiderkammer ich schätze mal 60.000 bis 100.000 Euro eingenommen." Die beiden Beamten in der Kleiderkammer seien aber nicht die einzigen gewesen.
"Ich habe ja auch Urlaubsanträge legal abgegeben. Und habe dann bei einer Absage auch durchaus mal die Antwort bekommen von Beamten, dass das gegen Geld machbar wäre, dass ich doch in den Urlaub fahren kann." Thomas Reifenhäuser, ehemaliger Häftling der JVA Euskirchen
Justizminister Limbach will auch "in andere Anstalten gucken"
Die Vorwürfe ähneln jenen, mit denen die JVA Euskirchen seit zwei Wochen in den Schlagzeilen ist: Anfang Mai haben Polizeibeamte die JVA und mehrere Wohnungen durchsucht, weil Mitarbeitende der JVA Insassen gegen Geld vor bevorstehenden Kontrollen gewarnt haben sollen.
Vergangene Woche wurde zudem bekannt, dass ein Generalschlüssel und Transponder aus der Justizvollzugsanstalt fehlen. Auch die Politik beschäftigt der Fall, er sollte am Donnerstag im Innenausschuss des Landtags besprochen werden.
NRW-Justizminister Benjamin Limbach (Grüne) betont aber, dass die Vorkommnisse in der JVA Euskirchen nicht zu einem Generalverdacht gegen die Bediensteten im gesamten Strafvollzug führen dürften. "Die überwältigende Mehrheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter macht einen hervorragenden Job, absolut rechtstreu", so Limbach im Interview mit dem WDR.
"Aber natürlich werden wir alle Erkenntnisse, die wir in diesem Verfahren gewinnen, dazu nutzen, auch in die anderen Anstalten zu gucken und zu kontrollieren, ob alles richtig läuft." NRW-Justizminister Benjamin Limbach (Grüne)
Interview mit Justizminister Benjamin Limbach
WDR. 21.05.2026. 06:04 Min.. Verfügbar bis 20.05.2028. WDR Online.
Vorwürfe "justiziell und polizeilich nicht mehr recherchierbar"
Zu seiner Zeit in der JVA habe er sich käufliche Privilegien, wie zusätzliche Urlaubstage oder die Warnung vor Kontrollen nie leisten können, sagt Thomas Reifenhäuser heute - er habe sie aber auch nicht annehmen wollen.
Stattdessen habe er 2004 seine Beobachtungen während eines Einkaufsausgangs bei der Polizei Euskirchen gemeldet. "Am Ende von diesem Ausgang wurde ich festgenommen in der JVA Euskirchen, und wurde verlegt in den geschlossenen Vollzug." Er selbst geht davon aus, der Grund sei, dass er sich bei der Polizei gemeldet habe.
Auf Nachfrage heißt es dazu von der zuständigen Staatsanwaltschaft in Bonn, dass "ein etwaiger Anzeigenvorgang oder ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Begehung von Korruptionsdelikten im Zusammenhang mit der JVA Euskirchen aus dem Jahr 2004 aufgrund des Ablaufs der gesetzlichen Löschfristen sowohl justiziell als auch polizeilich nicht mehr recherchierbar ist."
Eingehende Hinweise würden aber "auf das Vorliegen zureichender tatsächlicher Anhaltspunkte für eine verfolgbare Straftat (sogenannter Anfangsverdacht) geprüft."
Ex-Häftling hofft auf Gerechtigkeit
Das Justizministerium NRW verweist darauf, dass aus dem Jahr 2004 kein Vorwurf der Vorteilsgewährung gegen Geld bekannt sei - und verweist auf gesetzliche Tilgungsvorschriften im Disziplinargesetz. Diese regeln, wann alte Disziplinarstrafen sozusagen aus den Akten verschwinden.
Thomas Reifenhäuser wünscht sich trotzdem, "dass die Täter, die schlechte Sachen gemacht haben, bestraft werden. Und dass die Öffentlichkeit endlich davon erfährt." Dass ähnlich gelagerte, aktuelle Fälle jetzt ans Licht gekommen sind, sorge bei ihm für eine gewisse Genugtuung.
Unsere Quellen:
- Recherchen des WDR-Reporters
- Stellungnahme des Justizministeriums NRW
- Gemeinsame Stellungnahme der Polizei und der Staatsanwaltschaft Bonn
- Stellungnahme der Polizei Euskirchen
- Bisherige Berichterstattung des WDR
- Interview mit Benjamin Limbach im WDR5 Morgenecho
Sendung: WDR.de, Ex-Häftling: Schon vor 22 Jahren Bestechung in der JVA Euskirchen?, 21.05.2026, 5 Uhr
Erstveröffentlichung des Artikels am 21.05.2026
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