An der Rolltreppe ist Schluss – weiter kommt Wolfgang Thiems am Bahnhof Köln Messe/Deutz erst einmal nicht. Wenn er nicht gerade mit der S-Bahn oder einem Fernzug fahren möchte, steht er vor einem Problem: An vielen Gleisen fehlen die Aufzüge, der Rollstuhlfahrer schafft es nicht auf den Bahnsteig.
"Für mich als Mensch mit Behinderung ist das sehr schlimm, weil ich auch ein Recht auf Teilhabe habe. Das heißt für mich: Reisefreiheit von überall." Der 41-Jährige hat keinen Führerschein, ist also auf Bus und Bahn angewiesen.
Zusätzlicher Mehraufwand für Menschen mit Behinderung
Seine regelmäßigen Dienstreisen durch NRW, oder auch den Weg in seine Heimat in Norddeutschland, kann er nicht in Deutz antreten, weil die Gleise nicht barrierefrei sind. Anstelle des zehnminütigen Weges zum Deutzer Bahnhof muss er den Umweg zum barrierefreien Kölner Hauptbahnhof in Kauf nehmen.
Eine halbe Stunde dauert dieses Pendeln - zusätzlich zu der Stunde, die er als Rollstuhlfahrer ohnehin vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof ist. Denn er müsse sich anmelden, damit ihm beim Einstieg geholfen werden könne.
20 Zentimeter zwischen Zug und Bahnsteigkante
Rund eine Stunde weg von Köln wartet am Duisburger Hbf Michael Spörke ebenfalls im Rollstuhl auf die S1 Richtung Düsseldorf. Rein kommt er so gut wie nie – die Bahn hat keine dieser kleinen ausfahrbaren Rampen. Außerdem liegt der Einstieg knapp 20 Zentimeter höher als der Bahnsteig. "Oft muss ich schlichtweg hoffen, dass ich in die Züge reinkomme."
In der Regel startet Michael Spörke seine Reisen am Duisburger Hauptbahnhof.
Bei anderen Bahnen haben die Rampen versetzte Stufen. Spätestens bei der zweiten hängt er dann fest. "Zum Glück sind die Menschen hier immer sehr hilfsbereit. Aber ich muss ihnen immer schnell erklären, wie sie helfen können.“ In den meisten Fällen wollen die Leute von hinten schieben. "Dann mache ich aber einen heftigen Satz nach vorne. Besser ist von vorne zu ziehen.“
Als Leiter der Sozialpolitik im Sozialverband Deutschland setzt sich Michael Spörke seit 30 Jahren für mehr Barrierefreiheit ein. Eigentlich müsste hier laut eigener Vorgaben längt alles barrierefrei sein. Schon 2009 hat Deutschland zum Beispiel die UN-Behindertenrechtskonvention in dem Sinne unterschrieben. "Mir hat mal ein kommunaler Landesvertreter gesagt, dass Deutschland es sich einfach leistet, das Thema nicht ernst zu nehmen."
"Ich weiß, dass wir das mit genug Wille und guter Planung schaffen können." Michael Spörke, Rollstuhlfahrer & Leiter Sozialpolitik Sozialverband Deutschland
Ein Knackpunkt: Die Kommunikation. In NRW gibt es verschiedene Verkehrsträger, die sich um neue Bahnen und neue Gleise kümmern. Eine einheitliche Höhe von Gleis und Zug – darüber kommunizieren sie nicht. So etwas bekommt Michael Spörke immer wieder mit. Zu wissen, dass es geht, treibt ihn an.
Jahrelanges Warten "eigentlich eine Unverschämtheit"
Der Ausbau der Aufzüge am zweitgrößten Bahnhof in Köln ist nach WDR-Recherchen in Arbeit. Laut Bahn wird es jedoch noch dauern, bis diese in Betrieb genommen werden. Weil sich der Umbau stark auf den Bahnverkehr auswirke, müsse er lange im Voraus geplant werden.
Wolfgang Thiems am Bahnhof Köln Messe/Deutz
"Es ist eigentlich eine Unverschämtheit, dass das so lange dauert", findet Wolfgang Thiems.
"Es betrifft ja nicht nur Menschen im Rollstuhl. Es sind auch Eltern mit Kinderwagen oder ältere Leute, die diesen Bahnhof nicht nutzen können." Wolfgang Thiems, Pendler & Rollstuhlfahrer aus Köln