Christentum sucht Sündenböcke
Die Feindschaft der Christen gegenüber den Juden und der jüdischen Religion nährte sich aus Furcht, Unwissen und falschen Verdächtigungen.
Im Byzantinischen Reich ab dem 4. Jahrhundert nach Christus galten Juden als Feinde der Religion und wurden verfolgt, vertrieben und ermordet. Im Römischen Reich war die Situation komplizierter. Die Päpste aus Rom wollten die Juden schützen – nach der Lehre vom heiligen Augustinus. Dieser hatte die Juden als Beleg dafür betrachtet, dass die Lehre der Kirche richtig sei. Daher müssten sie bewahrt werden, wenn auch im Zustand der Demütigung.
Während des Mittelalters verschärfte sich der Ton. Mönche und Wanderprediger hetzten offen gegen Juden, die Bevölkerung ließ sich manipulieren. Die Vorwürfe und Verdächtigungen den Juden gegenüber dienten sowohl der Stärkung der eigenen Religion als auch dafür, Schuldige für scheinbar Unerklärliches zu finden – wie etwa für die Pest.
Antijüdische Empfindungen wurden aber auch genutzt, um wirtschaftliche Vorteile daraus zu ziehen. Denn Juden durften ihr Einkommen oft nur mit Handel oder Geldgeschäften verdienen. Einen Juden zu ermorden, dem man Geld schuldete, brachte daher häufig auch einen Schuldenerlass mit sich.
Judenverfolgung wird Christenpflicht
Einen dramatischen Wendepunkt in der Geschichte des Antijudaismus markierte das Gesetz der "Reinheit des Blutes" 1449 im spanischen Toledo. Das Gesetz entstand aus der Furcht heraus, dass die zum Christentum konvertierten Juden von Geburt an andersartig seien, also "im Blut".
Auch der Mönch und Reformator Martin Luther hatte enormen Einfluss auf den späteren Antisemitismus. Um 1540 verfasste er mehrere Schriften, in denen er die Juden als Volk der Lügner bezeichnete und deren Ausrottung forderte. "Ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist's um diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück (...) sind."
Darüber hinaus vertrat Luther die Auffassung, Juden seien ihrem Wesen nach Parasiten und Verschwörer. Er forderte, ihre Synagogen, Schulen, Häuser, Besitz und Schriften zu zerstören und fügte hinzu, "wenn ich könnte würde ich sie (...) in meinem Zorn mit dem Schwert durchbohren". Noch ein paar Jahre zuvor hatte er moniert, die Juden würden "unchristlich" behandelt.
Ein echter Judenhasser: Martin Luther
Die "Wissenschaft" des Antisemitismus
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Antisemitismus dann angeblich "wissenschaftlich belegt". Erfinder des Begriffs "Antisemitismus" war Friedrich Wilhelm Adolph Marr in seiner 1879 veröffentlichten Schrift "Der Weg zum Siege des Germanenthums über das Judenthum".
In dieser Zeit fanden auch Pseudowissenschaften ihren Weg in die öffentliche Diskussion – also Theorien, die wissenschaftlich wirken sollen, aber keinerlei wissenschaftliche Grundlage oder Beweise erbringen. Auch der Antisemitismus machte sich das zunutze: Er erweckte den Anschein einer wissenschaftlichen Fundierung, mit der der Antisemit den Juden als Feind der Gesellschaft darstellen konnte.
Dabei wurden den Juden sehr unterschiedliche Ansichten unterstellt: Wer politisch liberal war und dazu Antisemit, für den waren Juden Kommunisten. Wer dagegen selbst Kommunist war und dazu Antisemit, für den waren Juden Kapitalisten. Wer die Rassentheorie der Nazis für richtig hielt, für den waren die Juden eine "minderwertige Rasse", die die "höheren Rassen" ins Unglück treiben werde.
Den tragischen Höhepunkt der antisemitischen Hysterie in Europa markierte die Zeit des Nationalsozialismus mit dem Holocaust.
Im Holocaust wurden sechs Millionen Juden getötet
Bis heute halten sich hartnäckig antisemitische Verschwörungstheorien, wonach die Juden angeblich böse, skrupellos und herrschaftssüchtig seien. Über das Internet und die Sozialen Medien verbreiten sich absurde und paradoxe Vorwürfe auf dubiosen Seiten.
So wird den Juden vorgeworfen, verkleidet als Deutsche das Land seit Jahrzehnten zu führen (darunter auch als Adolf Hitler); oder die Juden seien eine außerirdische Echsenart, die eine menschliche Form annehmen könne und die Welt beherrsche.
(Erstveröffentlichung: 2007. Letzte Aktualisierung: 04.06.2020)
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Quelle: WDR