Deutschland als "Puff Europas"? - Wie kann man Prostitution sinnvoll regeln? | WDR aktuell

03:09 Min. Verfügbar bis 06.11.2027

"Puff Europas": Ist ein komplettes Ende der Prostitution die Lösung?

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Deutschland sei der "Puff Europas", sagt Bundestagspräsidentin Klöckner. Man müsse anstreben, Prostitution vollständig zu beenden. Freier sollten bestraft werden. Anders lasse sich Zwangsprostitution nicht in den Griff kriegen. Das steckt dahinter.

Das "Pascha" in Köln, die Vulkanstraße in Duisburg oder das "Freudenhaus" in Münster: Sex ist auch in NRW fast überall gegen Geld zu haben - und grundsätzlich ganz legal. Prostitution ist in Deutschland zulässig, sofern sie freiwillig und von Erwachsenen ausgeübt wird. Aber arbeiten Prostituierte wirklich freiwillig?

Klöckner fordert Sexkauf-Verbot

Bundestagspraesidentin Julia Kloeckner

Julia Klöckner (CDU), Bundestagspräsidentin

Von lediglich fünf bis zehn Prozent Freiwilligen sprechen manche Expertinnen. Verlässliche Zahlen gibt es aber nicht. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) ist überzeugt: Kaum eine Prostituierte arbeitet freiwillig. Daher müsse Prostitution als Ganzes verschwinden, forderte sie am Dienstag bei einer Preisverleihung.

"Ich bin fest der Überzeugung: Wir müssen die Prostitution und den Sexkauf hierzulande endlich auch verbieten", sagte Klöckner in ihrer Laudatio bei der Verleihung des Heldinnen-Awards in Berlin. Nur so könne man Zwangsprostitution wirklich bekämpfen.

Cathrin Schauer (links) und Sabine Constabel

Cathrin Schauer (links) und Sabine Constabel wurden mit dem Heldinnen-Award geehrt.

Verliehen wurde der Heldinnen-Award der Alice-Schwarzer-Stiftung in diesem Jahr an Sabine Constabel und Cathrin Schauer. Die beiden setzen sich gegen Zwangsprostitution ein und sind seit Langem in der Sozialarbeit mit Prostituierten tätig. Ihre Forderung: In Deutschland brauche es das Nordische Modell - und damit auch ein neues Gesetz. 

Das Nordische Modell gegen Prostitution: Was ist das?

Das Nordische Modell besteht im Wesentlichen aus einem indirekten Verbot der Prostitution, beim dem nicht die Prostitution an sich verboten ist, sondern der Kauf. Jeder Sexkauf wäre damit strafbar. Journalistin Barbara Schmid erklärte den Ansatz im WDR-Interview im Oktober so:

"Die Frauen können weitermachen, aber die Freier stehen mit einem Bein eigentlich schon im Gefängnis." Journalistin Barbara Schmid über das Nordische Modell
Porträt von Barbara Schmid.

Barbara Schmid, Journalistin

"Zum Beispiel in Schweden heißt einmal Sexkauf: ein Monat Haft", so Schmid. Sie ist Mitglied im Bundesverband Nordisches Modell, dem unter anderem zahlreiche Beratungsstellen angehören.

Ein Sexkauf-Verbot in unterschiedlicher Ausprägung gibt es zum Beispiel hier:

  • Schweden: seit 1999
  • Norwegen: seit 2009
  • Island: seit 2009
  • Kanada: 2014
  • Nordirland: seit 2015
  • Frankreich: seit 2016
  • Irland: seit 2017
  • Israel: seit 2018

Auch CDU und CSU sind für Nordisches Modell

In der CDU ist nicht nur Klöckner für das Nordische Modell. Es tauchte als "Dreisäulenmodell" auch im Wahlprogramm von CDU/CSU zur Bundestagswahl auf. Die drei Säulen: Aufklärung und Ausstiegshilfen, Opferschutz und Sexkauf-Verbot sowie eine Stärkung von Polizei und anderen Behörden. Im Koalitionsvertrag steht davon aber nichts - die SPD stellt sich dagegen. Auch die frühere NRW-Koalition aus CDU und FDP hatte sich 2020 gegen ein Sexkauf-Verbot ausgesprochen.

Prostitution seit 2002 nicht mehr sittenwidrig

Seit Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes 2002 ist Sexarbeit in Deutschland nicht mehr sittenwidrig. Beschlossen wurde es damals von SPD, Grünen, FDP und PDS (heute Linke). 2017 wurde es durch das Prostituiertenschutzgesetz ergänzt. 

Zwangsprostitution hätten diese Gesetze aber nicht verhindert, im Gegenteil, sagte Barbara Schmid am Mittwoch dem WDR: "Hier in Deutschland wird mit Frauenkörpern gehandelt. Und das muss endlich mal unterbunden werden gesetzlich.

Bielefelder Sexarbeiterin Kali gegen Nordisches Modell

Sexarbeiterin Kali sitzend angelehnt an ein Regal

Kali, Sexarbeiterin in Bielefeld

Das Nordische Modell habe aber zur Folge, dass Prostitution aus der Öffentlichkeit verdrängt werde, sagte die Bielefelder Sexarbeiterin Kali am Mittwoch dem WDR. Und das führe dazu, dass sich Sexarbeiterinnen bei "zum Beispiel Gewalt, Betrug oder Ähnlichem nicht mehr an die Polizei wenden können - sie werden dort nicht mehr für voll genommen", ist sie überzeugt. An die Wirksamkeit des Opferschutzes im Nordischen Modell glaubt sie nicht.

Sexarbeiterin Nicole Schulze

Nicole Schulze, Vorständin des Berufsverbands Sexarbeit

Auch der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e. V. (BesD) stellt sich gegen das Nordische Modell: "Das Sexkauf-Verbot bietet eine vermeintlich einfache Lösung für ein komplexes Problem", heißt es vom BesD, dem die Kölner Sexarbeiterin Nicole Schulze vorsteht. "Ein Sexkaufverbot zwingt alle in den Schattenbereich." Die verbleibende Kundschaft wolle nicht erwischt werden, sodass Sexarbeitende auf verborgene, unsichere Treffpunkte ausweichen müssten. Außerdem erlebe man etwa in Frankreich und Irland, dass "kaum Sexarbeitende an den auch dort unterfinanzierten Ausstiegsprojekten" teilnehmen.

Berufsverband Sexarbeit: Arbeitsbedingungen verbessern

"Statt Verbote zu fordern, die lediglich einen Signalwert haben, in ihrer Effektivität aber zweifelhaft sind, müssen die Rechte von Prostituierten gestärkt und Maßnahmen entwickelt werden, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern", so der BesD.

In einem sind sich aber alle einig: Zwangsprostitution und der damit einhergehende Menschenhandel müssen dringend besser bekämpft werden. Allein das Landgericht Münster beschäftigt sich derzeit mit zwei aufwendigen Fällen. In dem einen sollen zwei Männer und eine Frau 80 Frauen im Alter von 15 bis 25 Jahren zur Prostitution gezwungen haben.

Unsere Quellen:

  • Bundestagspräsidentin Julia Klöckner: Laudatio beim Heldinnen-Award 2025
  • Prostitutionsgesetz
  • Prostituiertenschutzgesetz
  • Bundesfamilienministerium zum Prostituiertenschutzgesetz
  • Journalistin Barbara Schmid im WDR-Interview, Aktuelle Stunde, 18.10.2025
  • Nachrichtenagentur dpa
  • Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2025 von CDU und CSU
  • Koalitionsvertrag von CDU und SPD 2025
  • Bundesverband Nordisches Modell
  • Positionspapier der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag von 2023: "Menschenunwürdige Zustände in der Prostitution beenden - Sexkauf bestrafen"
  • Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. (BesD)
  • BesD: Stellungnahme zum Antrag "Nein! Zum Sexkaufverbot des Nordischen Modells" der Fraktionen der CDU und FDP in NRW

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