Walk for Freedom: Gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution
Aktuelle Stunde . 18.10.2025. 35:14 Min.. UT. Verfügbar bis 18.10.2027. WDR. Von Katharina Spreier.
Laut Bundeskriminalamt gab es noch nie so viele Ermittlungsverfahren zu Menschenhandel und Ausbeutung wie im vergangenen Jahr. Eigentlich spielt das Thema eher im Verborgenen, nun wurde es auf die Straße getragen. Proteste gab es beim "Walk for Freedom" unter anderem in Bonn und Köln. Auch in der Düsseldorfer Innenstadt waren Demonstrierende unterwegs.
Sie klebten sich den Mund zu - als Zeichen, dass Betroffene eingeschüchtert und ausgebeutet werden. Es geht zum Beispiel um die sogenannte "Loverboy"-Methode. Dabei werden Opfer erst emotional und finanziell abhängig gemacht und dann in die Prostitution getrieben.
Zehn Jahre lang nicht der Zwangsprostitution entkommen
"Walk for Freedom": Mund zugeklebt als Zeichen, dass Betroffene eingeschüchtert werden.
So erging es auch Sarah, die dem WDR ihre Geschichte erzählt hat. Sie sei mit dem 18. Geburtstag von zu Hause weg und habe sich Hals über Kopf in einen Mann verliebt, der ihr eine Zukunft und Sicherheit versprochen habe. Irgendwann schlug er ihr dann vor, sie solle doch in die Prostitution gehen. Er habe sie manipuliert, erzählt Sarah, und sich zu ihrer einzigen Bezugsperson gemacht. Sie habe keine Krankenversicherung, kein Bankkonto und kein eigenes Bett gehabt und sei zehn Jahre lang nicht der Zwangsprostitution entkommen.
Ehrenamtliche halfen ihr schließlich, sich wieder ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Heute hat Sarah einen geregelten Job, eine eigene Wohnung und sie unterstützt betroffene Frauen. Was lässt sich noch tun? Darüber haben wir mit der Journalistin und Buch-Autorin Barbara Schmid gesprochen, die seit vielen Jahren zu Menschenhandel und Zwangsprostitution recherchiert.
WDR: Was läuft denn schief in Deutschland - warum gibt es das hier besonders oft, dass vor allem Frauen gezwungen werden, sich zu verkaufen?
Barbara Schmid: Wir haben einfach die Gesetze dafür gemacht. Vorher war das sittenwidrig, 2002 ist dann aber die Prostitutionsgesetzgebung in Deutschland liberalisiert worden. Und das hat halt Tor und Tür geöffnet für Menschenhändler, Zuhälter, Geschäftemacher aller Art, die mit den Körpern von Frauen Geschäfte machen. Und es steht ja sogar im Koalitionsvertrag, dass Deutschland zur Drehscheibe für den Menschenhandel geworden ist.
Und Sie müssen sich vorstellen, wir hatten 2002 die Situation, dass wir eigentlich nur mit deutschen Frauen zu tun hatten - also kaum Menschenhandel, wie wir ihn heute erleben. Heute haben wir kaum noch deutsche Frauen in der Prostitution, aber ganz viele aus den Armutsgebieten dieser Welt, also Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Afrika, Asien. Und das sind sehr häufig Opfer von Menschenhandel.
WDR: Wie müssten die Gesetze denn gestaltet sein? Ein Verbot wollen ja ganz viele Frauen nicht, die Sexarbeit machen.
Autorin Barbara Schmid im WDR-Interview
Barbara Schmid: Also es geht nicht darum, die Prostitution zu verbieten, weil damit würden wir die Frauen ja schon wieder bestrafen. Ich habe mich für mein neues Buch "Die (un)verborgene Gewalt gegen Frauen" mit der Geschichte der Prostitution beschäftigt. Jahrhunderte, vielleicht sogar Jahrtausende waren immer die Frauen die Leidtragenden. Also die waren die "gefallenen Mädchen", die Ausgestoßenen, die durften sich nicht überall frei bewegen, die mussten ein Schandmal tragen, man hat ihnen teilweise die Ohren abgeschnitten, um sie kenntlich zu machen. Und mit den Männern ist nie etwas passiert. Und jetzt dreht sich das um. Wenn wir uns anschauen, in Ländern wie Frankreich, Schweden, Norwegen, Kanada, Irland noch viele mehr.
WDR: Da werden die Freier bestraft?
Barbara Schmid: Da werden die Freier bestraft und den Frauen passiert eben nichts. Deshalb ist es auch kein Verbot der Prostitution. Die Frauen können weitermachen, aber die Freier stehen mit einem Bein eigentlich schon im Gefängnis. Also sie müssen wissen, dass zum Beispiel in Schweden einmal Sex-Kauf heißt: ein Monat Haft.
WDR: Und das verhindert natürlich auch kriminelle Machenschaften. Warum haben wir so ein Gesetz nicht, wenn damit einige Probleme gelöst wären?
Barbara Schmid: Wir haben leider eine sehr schwierige Gemengelage in Deutschland. Wir haben immer noch sehr viele, die an diesem Bild der der Sexarbeiterin festhalten. Bei der Reform 2002 dachte man sich, das sei ein Job wie jeder andere. Das waren damals die linken Parteien. Und wenn wir jetzt nach Frankreich, Schweden und in andere Ländern schauen, waren es immer linke Parteien, die genau das Gegenteil durchgesetzt haben.
Wir waren letztes Jahr vor der Bundestagswahl eigentlich hoffnungsfroh, weil sich CDU und CSU für ein Sexkaufverbot ausgesprochen hatten. Und dann ging es in die Koalitionsverhandlungen hinein und dort ist es wieder an der SPD gescheitert.
WDR: Aber warum - wenn doch so klar ist, dass da Frauen ausgebeutet werden und man es auf diese Weise verhindern könnte?
Barbara Schmid: Also ich glaube wirklich, das hat einmal mit mangelnder Empathie zu tun. Bei den Grünen ist es sicherlich eine Ideologiefrage. Ich war ja auch schon im Bundestag und den Landtagen unterwegs. Politiker sagen dann immer, man kümmere sich ja nur um die freiwillig Prostituierten. Das geht aber nicht, denn die Freiwilligen sind vielleicht fünf bis zehn Prozent.
Und dann sagen die Politiker einem immer, dass Zwangsprostitution ja verboten sei. Aber unsere Gesetze sind so gemacht, dass wir das in Deutschland gar nicht gut verfolgen können. Denn ein Kernpunkt ist: Diese Frauen müssen aussagen. Die werden aber teilweise mit dem Tode bedroht. Die haben Angst um ihre Familien in den Heimatländern. Das geht gar nicht.
Da ist so viel schiefgelaufen und ich hoffe jetzt wirklich, dass es die Regierung in dieser Legislaturperiode hinbekommt und die Kraft hat. Und es bewegt sich auch einiges in der SPD, muss ich sagen. Die SPD in Baden-Württemberg hat sich schon fürs nordische Modell ausgesprochen. Auch hier in NRW tut sich einiges. Man muss einfach ganz viel informieren Und das war für mich auch der Grund, dieses Buch zu schreiben.
Das Gespräch führte Susanne Wieseler in der "Aktuellen Stunde" im WDR-Fernsehen. Wir haben es zur besseren Lesbarkeit sprachlich leicht angepasst und etwas gekürzt.